Sie ist die bedeutendste Performance-Künstlerin der Welt: Marina Abramović geht mit ihrer Kunst an die Schmerzgrenze. Vor ein paar Jahren hat die 71-Jährige ihre Autobiografie herausgebracht, jetzt ist ein neues persönliches Buch von ihr erschienen, basierend auf Gesprächen zwischen Abramović und der Schweizer Psychoanalytikerin Jeannette Fischer. Am Samstag sind sie gemeinsam in der Fondation Beyeler zu Gast.

Wir treffen sie vorgängig zum Interview. Abramović sitzt in einem Hotel in Zürich und sieht genau so aus, wie man es erwartet hat: Nicht 71. Ganz in schwarz gekleidet, schwarze Haare, rote Fingernägel, ironisches Augenrollen. «Der vor Ihnen hat so viele Fragen gestellt! Ich fühlte mich richtiggehend verhört!» Sie lacht laut, wirft die langen Haare mit einer Handbewegung nach hinten und fängt gleich an zu erzählen. No questions required.

Marina Abramović: Wissen Sie, in meiner Familie wurde immer gelogen. Mein ganzes junges Leben lang hat niemand je die Wahrheit gesagt. Der einzige Sohn meiner Grossmutter ist bei einem furchtbaren Autounfall gestorben und wissen Sie, was sie ihr erzählt haben?

Dass er nur mal kurz in die Ferien gefahren sei?

Geschäftsreise in China! Sie haben ihr jede Woche gefälschte Briefe von ihm geschickt, bis sie gestorben ist. Und als der Balkankrieg ausbrach, ist mein Bruder auf das Dach ihres Hauses geklettert und hat ihre Fernsehantenne zerstört. Sie ist mit 103 Jahren gestorben, ohne je irgendwas davon mitzukriegen. Solche Aktionen – das war meine Familie.

Haben Sie deshalb beschlossen, es genau andersrum zu machen? Ihre Arbeiten entblössen Sie vollkommen, sie verstecken nichts.

Absolut. Wissen Sie, in Amerika, wo ich lebe, darf man nicht über sein Alter reden. Es ist verrückt. Alt sein in Amerika bedeutet schmutzig sein. (lacht) Wirklich! Das Alter haftet an einem und alle sind angeekelt. Also habe ich an meinem 70. Geburtstag jeden Gast dazu gezwungen, für eines meiner Lebensjahre eine Schweigeminute einzulegen. 70 Minuten lang mussten sie die Klappe halten. Es gibt ein grossartiges Foto von mir davon auf Google. Googeln Sies mal, ich wills Ihnen zeigen.

Da – Sie stehen vor einer weissen Wand, tragen ein enges schwarzes Kleid und..

...Sie sehen die Position meiner Hände?

Zwei Fuck Yous.

Genau (lacht). Das halte ich vom Alter. Aber lassen Sie uns über das Buch reden. Wissen Sie, ich war vor den Sessions mit Jeannette nie bei einem Psychiater. Ich habe meinen Schmerz immer in meine Arbeit gesteckt.

Das klingt anstrengend.

Und wie! Ich hatte immer das Gefühl, ich hätte alles im Griff. Und dann kam die Trennung von meinem Mann. Die hat mich fertig gemacht. Ein gebrochenes Herz ist wie eine schlimme Krankheit. Du kannst nicht essen, nicht schlafen, nicht denken, du redest nur von dir selbst und hängst damit allen zum Hals raus, einschliesslich dir selbst. Wissen Sie, man meint immer, man habe alles unter Kontrolle, man sei der Herr über sein Leben. Bullshit! Nichts weiss man.

Wie hilft in solchen Momenten eine Psychoanalyse?

Jeannette hat alles in einen grösseren Kontext gesetzt. Sie hat alle Punkte miteinander verbunden. Plötzlich hat vieles einen Sinn gemacht. Die Suche nach Schmerz, die Angst, nicht zu genügen, mir nichts zu gönnen.

Es gibt diese Schlüsselszene im Buch, wo ihr Vater Ihnen das Schwimmen beibringen will: Er stösst Sie mitten auf einem See ins Wasser und rudert davon, ohne zurückzuschauen.

Diese Szene hat mein Leben sehr geprägt. Das habe ich erst mit Jeannette begriffen. Ich, die Sechsjährige, vom Vater verlassen, dem Tod überlassen. Damals realisierte ich, dass ich alleine kämpfen muss, um zu Überleben. Die Energie, die da frei gesetzt wurde, diese Wut, ging danach in alles, was ich gemacht habe.

Wie stehen Sie nach dieser Erkenntnis zu Ihrer Arbeit? War alles einfach eine Reaktion auf ein Trauma?

Wenn ich das glaubte, würde ich mein ganzes Dasein als Künstlerin hinterfragen. Und das ist etwas, was ich nie, nie tun würde. Ich muss Künstlerin sein, es ist mein Lebensinhalt. Ich will keine Kinder, kein Haus, keine Ehe, nichts von dem Shit. Ich will mit meinen Performances Menschen in Verbindung bringen. Ich glaube an diese Kunstform. Wenn ich diesen Glauben aufgeben würde, dann wäre das gegen all meine Prinzipien, gegen mein ganzes Wesen.

Ich hatte von klein auf das Gefühl, mit einer Bestimmung geboren zu sein. Menschen Menschlichkeit zu vermitteln. In meinem Fall durch Schmerz. Jeder Schmerz, den ich durchgegangen bin, hatte also seinen Sinn.

Glauben Sie an eine göttliche Kraft?

Natürlich glaube ich an eine göttliche Kraft, was meinen Sie denn (lacht). Nicht im Sinne einer Religiosität, ich mag keine Religiosität. Aber ich glaube an Energien. Kräfte, die ohne logische Ordnung zirkulieren. Ich glaube auch, dass alles vorherbestimmt ist. 

Haben Sie Ihre Bestimmung erfüllt?

Ich arbeite daran. Schauen Sie: Meine erste Performance hatte ich vor zehn Menschen. Dann zwanzig, dann vierzig. Mittlerweile sind es Hunderttausende, die mich sehen. Die sind nicht einfach berührt wegen meiner kaputten Beziehung zu meinen Eltern. Es ist was anderes. Alle Menschen haben im Grunde dieselben Probleme. Es geht mir darum, diese Probleme auf eine universelle Ebene zu bringen, sie in einen zwischenmenschlichen Moment zu übersetzen.

"The Artist is Present" im MoMA 2010

Wenn ich zum Beispiel wie bei "The Artist is Present" jemandem lange Zeit in die Augen schaue, dann passiert da was Transzendentales. Eine Art spiritueller Moment. Das ist das, was ich erzeugen will. Sonst ist es nur mein eigener Bullshit, who cares. 

Wie hat all diese Persönlichkeitsarbeit ihre Kunst verändert?

Früher ging es immer um mich. Alles war Ich, ich, ich. Ich gehe durch Prozesse und lege sie meinem Publikum offen, damit ich mich durch ihre Reaktion weiterentwickeln kann. Heute geht es mir viel mehr um die Gemeinschaft. Darum, meinem Publikum etwas mitzugeben, damit sie sich persönlich weiterentwickeln können. Vorwärtskommen. Das ist mein Ziel.

Marina Abramovic im Gespräch mit Autorin und Psychoanalytikerin Jeannette Fischer: Samstag, 16. Juni, 13-14 Uhr, Fondation Beyeler, Riehen. Die Veranstaltung ist ausverkauft.