Kunst
Männer dürfen protzen – und neuerdings auch weinen

Männer präsentiert das Kunstmuseum Bern als «Das schwache Geschlecht». Die Umkehr des Geschlechter-Klischees funktioniert erstaunlich gut. Mit ernsthaften Fragen und witzigen Rollenwechseln.

Sabine Altorfer
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Tabubruch: Bas Jan Ader weinte auf seinem Video «I’m Too Sad to Tell You» von 1970/71 dreieinhalb Minuten fürs Publikum. Kunstmuseum Bern

Tabubruch: Bas Jan Ader weinte auf seinem Video «I’m Too Sad to Tell You» von 1970/71 dreieinhalb Minuten fürs Publikum. Kunstmuseum Bern

Der Titel ist stark. Die Umkehrung der Männerwelt zum «schwachen Geschlecht» weckt Neugier und löst bei der Kritikerin zugegebenermassen auch ein leicht hämisches Lächeln aus. Gleichzeitig aber auch die Frage: Ist der Titel nur ein guter Marketing-Schachzug? Ist es bloss Behauptung oder bringt «Das schwache Geschlecht. Neue Mannsbilder in der Kunst» neue Erkenntnisse?

Die Ausstellung im Kunstmuseum Bern startet mit einem starken Statement für ein neues Geschlechterbild: mit weinenden Männern. Neben einem in Tränen aufgelösten Christus (Gemälde von Elke Silvia Krystufek, 2004) zeigt sich der Videokünstler Bas Jan Ader selber drei Minuten weinend. Weinende Männer? Das durfte nicht sein. Männer zeigen doch weder Tränen noch Schwäche. Das wollen sie nicht, dürfen sie nicht. Die Rolle des Starken war klar definiert. So klar und so effektvoll wie die Muskelprotze mit ihren Fitnessmaschinen, die Marie José Lafontaine in ihrer eindrücklichen Video-Installation klischiert wie erotisch inszeniert.

Frischfleisch für Voyeuristinnen

Doch spätestens seit Roger Federer vor einem Millionenpublikum mit Tränen im Gesicht seine Pokale entgegennimmt, hat das wohl geändert. Er wird in der Ausstellung nicht gezeigt, aber Sam Taylor-Johnson hat Hollywood-Schauspieler gebeten, für sie zu posieren und zu weinen. Ob echt oder nicht: Die Wand mit den grossen Porträts ist effektvoll.

Die Ausstellung schlägt einen Bilderbogen über 50 Jahre und zeigt so: Die Zeiten haben sich geändert. Gerade auch weil in den 60er-und 70er-Jahren die alten Rollenklischees brutal entlarvt und hinterfragt wurden. Als Valie Export 1969 mit ihrem Künstlerkollegen Peter Weibel an der Leine – er auf allen vieren wie ein Hund – durch Wien spazierte, löste die Provokation blankes Entsetzen aus. Manon stellte typisierte Männer 1976 in Zürich ins rot ausgestattete Schaufenster, analog zu den Bordelldamen in Amsterdam. Das Fenster gehörte zu einer neu eröffneten Galerie, die zuvor eine Metzgerei war, wie die Künstlerin sich lächelnd erinnert. Frischfleisch für Voyeuristinnen!

Weibliche Machos

Ein bisschen Voyeurismus bietet auch das Kunstmuseum Bern. Doch das Thema Erotik ist nur eines, die Anzahl Nacktbilder nicht übermässig gross und viele stammen von Künstlerinnen. Das Fazit: Männer probieren es bei Aktbildern protzig oder mit Selbstironie (umwerfend heiter ist etwa Peter Brand beim Strippen), Frauen zeichnen Männer eher hinterfragend und mit Distanz. Eine Ausnahme ist die Amerikanerin Alexis Hunter, die 1977 eine weibliche Hand Fotos von Pornodarstellern übermalen, zerreissen und verbrennen liess.

Spannend sind die (Selbst-)Versuche mit Rollenwechseln. Silvie Zürcher und Sarah Lucas posieren als Männer: in der Maske von Managern die eine, in typischen Macho-Posen die andere. Doch auch Männer schlüpfen gerne in weibliche Rollen: Ugo Rondinone montierte sein Gesicht in die Bilder von Modemodels, Luciano Castelli malte sich als süsse «Lucille, Strapse anziehend».

«Das schwache Geschlecht» ist kein soziologisches Erklärstück, und Kuratorin Kathleen Bühler hat zum Glück nicht eine These gesetzt und illustriert. Künstlerinnen und Künstler agieren subjektiv, unausgewogen, parteiisch – und vielfältig. Anklage und Erklärung, Vision und Demaskierung, Persiflage und Dokument wechseln sich ab. Zusammen aber ergeben sie einen Bilderbogen, der die Klischees zumindest ins Wanken bringt, nicht Geschlechter-Kampfstimmung erzeugt, sondern anregendes Denk-Vergnügen bietet.

Das schwache Geschlecht. Neue Mannsbilder in der Kunst Kunstmuseum Bern, bis 9. Februar.

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