Gare du Nord
Männer, die singen, aber nicht reden

«Amore» ist das Thema der Saisoneröffnung im Gare du Nord. Die Doppel-Oper «Lamento» zeigt sie in zwei Variationen.

Mathias Balzer
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Liebesschmerz im Gare du Nord
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Uraufführung der Doppel-Oper "Lamento" im Basler Gare du Nord Uraufführung der Doppel-Oper "Lamento" im Basler Gare du Nord
Uraufführung der Doppel-Oper "Lamento" im Basler Gare du Nord Uraufführung der Doppel-Oper "Lamento" im Basler Gare du Nord
Uraufführung der Doppel-Oper "Lamento" im Basler Gare du Nord Uraufführung der Doppel-Oper "Lamento" im Basler Gare du Nord
Uraufführung der Doppel-Oper "Lamento" im Basler Gare du Nord Uraufführung der Doppel-Oper "Lamento" im Basler Gare du Nord

Liebesschmerz im Gare du Nord

Ute Schendel

Zwei Opern, ineinander verschränkt: Das liest sich kompliziert. Der Basler Gare du Nord hat seine Saison mit genau einem solchen Doppelpack eröffnet. Der Altersunterschied zwischen den beiden Werken ist beachtlich: Claudio Monteverdis «L’Orfeo» stammt aus dem Jahr 1607 und Salvatore Sciarrinos «Luci mie traditrici» aus dem Jahr 1998. Späte Renaissance trifft auf Postmoderne.

Ebenso ist es ein Zusammentreffen zweier italienischer Komponisten, die ihr Werk einer Spezialität ihres Landes widmen: «l’amore». Und zwar die tragische Variante, bei der am Ende schmachtend darüber lamentiert wird, dass sie unerfüllt bleibt.

«Lamento» ist denn auch der Titel der Produktion, welche der Gare du Nord, die Hochschule für Musik und die Schola Cantorum Basiliensis gemeinsam zur Uraufführung bringen.

Begegnung der Klangwelten

Was als Konzept kopflastig tönt, kommt in der Inszenierung von Désirée Meiser verblüffend leichtfüssig daher. Sie platziert zwei Orchester links und rechts der kleinen Bühne. Giorgio Paronuzzi dirigiert Monteverdi, Jürg Henneberger Sciarrino. Und siehe da: Die in ihrer Entstehung 400 Jahre auseinander liegenden Kompositionen stehen sich nicht einfach fremd gegenüber, sondern ergänzen sich zu einem interessanten Hörerlebnis.

Hier die tragenden, emotionalen Lieder Monteverdis, dort der kurzatmige, minimal orchestrierte Sprechgesang Sciarrinos. Die beiden Orchesterleiter setzen die so unterschiedlichen Klangwelten nicht bloss übergangslos aneinander – sie lassen sie stellenweise sogar ineinanderfliessen.

Damit auch die Inszenierung der beiden parallel erzählten Geschichten flüssig läuft, verpackt Meiser das Ganze in eine clevere Rahmenhandlung und in einfache, schöne Bilder. Die sechs jungen Sängerinnen und Sänger sind Teilnehmende eines Gesangsseminars. Angeleitet und begleitet werden sie vom Countertenor Kai Wessel und der Sopranistin Ulrike Hofbauer.

Dieser Kniff erlaubt es dem souverän auftretenden Ensemble, nahtlos zwischen den beiden Opern zu wechseln. Monteverdis Orpheus erleidet sein Schicksal: Seine geliebte Eurydike stirbt durch einen Schlangenbiss. Orpheus’ Trauergesang rührt die Götter dermassen, dass ihm erlaubt wird, in die Unterwelt zu reisen, um seine Geliebte ins Leben zurückzuführen. Einzige Bedingung: Während sie ihm folgt, darf er sie nicht anschauen. Orpheus scheitert an dieser Aufgabe.

In Sciarrinos Oper betrügt eine Gräfin den Grafen. Dieser verliert die Beherrschung und bringt sie um. Wie alles in der Oper geschieht auch dieser Mord langsam. So bleibt Zeit, darüber nachzudenken, was diese Geschichten uns heute sagen wollen. Beide Männer sind Gefangene des Schicksals oder der Götter. Die Frauen sind ihnen mehr Staffage für die eigene Tragödie denn gleichberechtigte Partnerinnen.

It's a men's world

Einen beachtenswerten Kommentar liefert die Inszenierung gegen Ende mit einem filmischen Intermezzo. Darin sehen wir den Physiker Robert Oppenheimer, wie er den Tränen nahe über seine Erfindung, die Atombombe, redet. «Now i am the destroyer of the world», sagt er. «It’s a men’s world», ist dem anzufügen. Das gilt auch für diese Liebesgeschichten nach altem Muster.

Sciarrino ist da anderer Meinung. In seinem eigens für Basel komponierten Epilog plädiert er dafür, das Heilige, das Unsagbare hochzuhalten. Dabei hätte sein Protagonist doch besser mit seiner Frau über ihre Leidenschaften geredet, anstatt sie umzubringen.

«Lamento»: Bis Dienstag, 24. Oktober. Gare du Nord, Basel. www.garedunord.ch