Culturescapes Japan
Lieben im «Love Hotel», leben in der «Smile Factory»

Toshiki Okada, in der Heimat sehr bekannt, ist in Basel an den Culturescapes Japan als Autor und Regisseur zu entdecken.

Susanna Petrin
Drucken
Teilen
Der japanische Autor und Regisseur Toshiki Okada (41) bringt ein Stück zur Aufführung, das für ihn wie Ferien ist.

Der japanische Autor und Regisseur Toshiki Okada (41) bringt ein Stück zur Aufführung, das für ihn wie Ferien ist.

Martin Töngi

Toshiki Okadas Figuren benehmen sich immer etwas daneben. Äusserlich oder innerlich. Eine grölende Meute bilden die sechs Freunde, die zu Beginn seiner Erzählung «Fünf Tage im März» unterwegs zum Live-Clubhaus «SuperDeluxe» sind. Der Mann und die Frau, die bald fünf Tage in einem Tokioter Love Hotel zusammen Sex haben werden, registrieren wie von aussen die eigenen Gedanken, Gefühle, Taten. Es fühle sich für sie an, «als befände mein jetziges Ich sich in diesem Moment in leichter Distanz zu mir selbst», denkt die Frau. Sie stellt sich ihm mit ihrem Username vor, «Miffy».

Wie ferngesteuert wirken auch seine Figuren auf der Bühne. Beim Sprechen rudern sie seltsam mit den Armen und Beinen, sie hüpfen, laufen im Kreuzschritt, schlenkern mit den Gliedern. Dabei tauschen sie sich mit Vorliebe in vielen Details über Nebensächlichkeiten aus: Der Supermarkt-Filialleiter träumt schlecht, weil die Lunch Box mit Lachs und Lauchzwiebel ausgehen könnte. Seine Angestellten ärgern sich, dass er stets zu viel auf Vorrat bestellt, und spekulieren über sein vielleicht nicht existentes Sexualleben. Die Kundin gerät in eine Krise, weil ihr Lieblingseis, das titelgebende «Super Premium Soft Double Vanilla Rich» aus dem Sortiment gefallen ist.

Lustige Bewegungen des Alltags

Ganz und gar bei sich wirkt der Verfasser dieser Figuren, der Erfinder dieser merkwürdigen Theatersprache, Toshiki Okada. Er ist ein ruhiger, nachdenklicher Mann von Anfang 40. Er lächelt zugänglich. Auch drinnen trägt er eine braune Wollmütze und eine Art Wanderschuhe. Er ist viel unterwegs. Sein neustes Theaterstück «Super Premium Soft Double Vanilla» gastierte bereits in einigen europäischen Städten, bevor es nun morgen Donnerstag in der Kaserne Basel die Schweizer Premiere feiert. Hier treffen wir uns zwei Tage vorher zum Gespräch. Toshiki Okada spricht ein melodiöses Japanisch, Yukino Gütlin dolmetscht.

Jeder Mensch sehe sich selbst nur vor einem Spiegel; er wolle ein Spiegel sein für die japanische Gesellschaft, erzählt Okada. Ein Spiegel zeige auch die schlechten Seiten. Zum Beispiel die alles dominierende Konsumkultur. Darüber macht der Regisseur sich im aktuellen «Glacé-Stück» lustig. Er hat es in einer «Smile Factory» angesiedelt, einer Kette, deren Filialen jeden Tag 24 Stunden offen hat. Jeder Japaner kaufe hier fast täglich ein.

Aus dem Alltag schöpft Toshiki Okada seine Geschichten, seine Bühnensprache und auch seine Choreografie. Es sei ihm aufgefallen, dass Schauspieler im Theater sich oft langweilig bewegten. Um das zu sehen, bezahlten die Zuschauer Geld. Dabei machten die Menschen im Alltag oft unwillkürlich viel lustigere Bewegungen. Draussen auf der Strasse könne man sich diese gratis anschauen. Okada beobachtet diese Körpersprache, verdichtet und abstrahiert sie.

Dieses Stück sei wie Ferien für ihn. «Es soll Spass machen.» Vorher habe er sich intensiv mit der dreifachen Katastrophe von Fukushima beschäftigt, in einem dunklen Theaterstück. Die Katastrophe habe die schlechten Seite der japanischen Regierung ans Licht gebracht. Sie habe versucht, die Probleme zu vertuschen, zu verharmlosen. Mittlerweile habe er aber weniger Angst vor der radioaktiven Strahlung als vor der Aussen- und Militärpolitik Japans, die immer stärker zur Konfrontation neige.

Egoistisch und kindisch

Vor 17 Jahren hat Okada seine eigene Theatercompanie «Chelfitsch» gegründet, nach der kindlichen Aussprache von «selfish». Denn egoistisch und kindisch kam ihm die junge japanische Generation damals vor. Müssen die Japaner auf dem engen Raum, der ihnen zur Verfügung steht, nicht zwangsläufig aufeinander Rücksicht nehmen? Er beobachte, antwortet Okada, dass sich die Leute zum Beispiel in den vollgestopften U-Bahnen benehmen, als ob sie allein zu Hause wären. «Jeder kreiert sich seinen privaten Raum.» Wie die grölenden Jugendlichen, die er in «Fünf Tage im März» so beschreibt: «Da sie betrunken waren, merkten sie nicht, dass in ihrem Umkreis niemand so laut sprach wie sie, doch im Grunde genommen wollten sie das auch gar nicht bemerken, geschweige denn etwas daran ändern.»

Okada wünscht sich, mit seinen Werken eine gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. Doch, wie er sagt: «Ich gebe in meinen Stücken oder Texten keine bestimmte Richtung vor.» Ihr Spiegelbild soll die Zuschauer zu eigenen Selbstverbesserungen anregen. Manche Sätze im «Glacé-Stück» klingen trotzdem wie Anleitungen: «Nichts kaufen. Das ist die einzige Möglichkeit für die Menschheit, um im Supermarkt frei zu sein.»

Aktuelle Nachrichten