Les Reines Prochaines sind wahrlich Königinnen. Sie sind eine strahlende Ausnahmeerscheinung im Reich der Bühnenkunst. Wo sonst stehen neun Frauen über 55 im Rampenlicht und machen dort, was ihnen passt, sagen, was Frau und Mann sonst selten sagen und zeigen Körper, die Frau sonst so nicht zeigt?

Die Performance-Band aus Basel hat sich zum 30. Geburtstag eine Revue geschenkt. Muda Mathis, Fränzi Madörin, Sus Zwick und Michèle Fuchs haben alte Weggefährtinnen und drei junge Künstler eingeladen mit ihnen Freud und Leid, Vergangenheit und Zukunft der Arbeiterin zu durchforsten. Die Mittel dafür sind diejenigen, die sich die Künstlerinnen über die letzten drei Jahrzehnte angeeignet haben.

Schräge Songs aus dem Geiste des Punks, aber stilistisch vielfältiger. Videos und Fotografien, die das seltsame Treiben auf der Bühne kunstvoll rahmen. Tanzchoreografien, die jeder Ballettlehrerin die Nackenhaare aufstellen.

Als Performerinnen zeigen Muda Mathis und Sus Zwick, wie Mischberufe mit Küchen-Tabourettli dargestellt werden können. Als Stand-Up-Speakerin erklärt Fränzi Madörin einmal mehr hinreissend ihr Kostüm, diesmal einem rosa «Chlöpfer» nachempfunden, da dieser, ganz im Geist des Jubiläums, ja alles beinhalte: Innereien, Fleisch und Knochenmehl.

Soweit zum klassischen Repertoire der Königinnen, das am Geburtstagsfest natürlich nicht fehlen darf. Der Abend ist aber viel mehr als ein personell aufgepeppter Bandauftritt.

Mit Lust am Widerspruch

In 16 Songs umkreist die Revue die Gestalt der Arbeiterin. Die Perspektive darauf ist klar. Schliesslich singen und Texten hier die Urahninnen der #MeTo-Bewegung. «Die Zünfte sind abgeschafft, aber die Besitzverhältnisse haben sich nicht verändert» oder «lass Dich nicht vereinzeln, nur zusammen sind wir nicht arm», heisst es schon zu Beginn.

Wer aber meint, hier einem feministisch-klassenkämpferischen Stelldichein beizuwohnen, irrt. Die Königinnen und Gäste wissen, dass die Welt etwas komplizierter ist, als das Parteibüchlein suggeriert. Sowieso geht es hier darum, die Ideologie in Choreografie umzuwandeln. Das Private erscheint in Form der Biografien der Grossmütter und Grossväter aller Beteiligten; der real existierende Kommunismus als verblichener Traum, das Leben in der Kommune als Murks zwischen Revolution und Kinderhort.

Vom selbst mittanzenden und -singenden Regisseur Marcel Schwald souverän choreografiert, werden Widersprüche lustvoll aufgespiesst. Da erklingt die Ode auf das echte Ich und bald danach die Polemik auf den instrumentalisierten Individualismus. Der eine singt davon, wie ihm der Kapitalismus die Kraft raubt, die andere outet sich als Halbwisserin.

Die Königinnen servieren einmal mehr klugen Inhalt im schrillen Gewand. Sie zeigen sich auf der Höhe dieser Kunst, die zwischen hochtrabendem Diskurs und Küchentheater lustvoll die Flughöhe hält. Der Erfinderin der Kostüme gebührt übrigens ein Preis. Wahrscheinlich war es das Kollektiv.

«Let’s sing! Arbeiterin», bis 27. Januar, Kaserne Basel.