«Gross» heisst die neue Dauerausstellung im Museum der Kulturen und sie beschäftigt sich mit Dingen, Deutungen und Dimensionen. Auf den ersten Blick kein ethnologisches Thema, das uns das Fremde näher-bringt. Oder doch? Wir haben bei Anna Schmid nachgefragt, wie ihr Ausstellungskonzept aussieht und was ein Museum der Kulturen heute leisten kann und soll.

Anna Schmid, die neue Ausstellung heisst «Gross». Warum dieses Thema?

Anna Schmid: Die Idee entstand, weil wir viele Grossobjekte im Depot haben, und weil wir dadurch bestimmte kulturelle Phänomene noch einmal ganz anders beleuchten können: Was wird wo als gross anerkannt oder wahrgenommen? Welche Faktoren jenseits von physischen Abmessungen spielen dabei eine Rolle? Es geht unter anderem um Status, Macht oder Gender. Und es gibt auch ganz kleine Dinge in der Ausstellung «Gross». Oder Dinge, die erst durch die Zusammenarbeit Vieler gross werden.

Strebt der Mensch nach Grösse?

Offensichtlich. Ich bin nicht sicher, ob wir sagen sollten: der Mensch. Der Mann in jedem Fall.

Dann wird es einige Phallus-Symbole in der Ausstellung geben?

Nein, das wäre zu kurz gegriffen. Es geht um Grösse im gesellschaftlichen und sozialen Kontext, von den Massstäben über die Arbeitsteilung bis hin zu Big Data.

Stammen die Exponate alle aus dem eigenen Fundus?

Bis auf eine einzige Leihgabe: Ja.

Geht es bei dieser Art Ausstellung auch darum, dass man den Fundus an eigenen Exponaten immer wieder nutzt? Muss man da auch mal komische Verbindungen machen, dass es aufgeht?

Nein, «komische Verbindungen» machen wir nicht. Vielleicht ganz grundsätzlich zu unserem Ausstellungsprogramm: Manche haben von Paradigmenwechsel gesprochen, aber das ist vermutlich zu stark. Es geht bei der neuen Konzeption darum, in erster Linie thematisch zu arbeiten und nicht mehr regional. Wobei es immer auch eine regionale Verortung gibt, ja sogar geben muss. In «Gross» zeigen wir überwiegend Exponate aus Ozeanien. Und als Zweites wollen wir Verbindungen zum Hier und Jetzt herstellen.

Warum bevorzugen Sie den thematischen Fokus?

Ich sehe die Aufgabe des Museums darin, Perspektiven aufzuzeigen, einen Reflexionsraum zu schaffen. Der thematische Fokus öffnet die Augen für andere Vorstellungen, andere Werte, und ermöglicht, dass sich Besucherinnen und Besucher in Relation setzen zu dem, was sie sehen. Und wir möchten mit jeder Ausstellung unsere Sammlung neu zeigen, neu kontextualisieren, neu positionieren. Die Ausstellungen sollen möglichst mit dem eigenen Bestand bespielt werden. Nur wo wir Lücken haben, holen wir uns Leihgaben dazu.

Es steht also die Sammlung im Zentrum?

Ja, absolut. Wir können nicht einfach das ins Museum bannen, was draussen in der Welt zu sehen ist. Und wir sind weder konkurrenzfähig zu Wikipedia noch zu 3sat oder Arte, den Sendern mit den meisten Dokumentarfilmen. Unsere Kuratorinnen und Kuratoren sind dazu angehalten, die Objekte unserer Sammlung anhand von konkreten Fragestellungen neu zu positionieren.

Diese Themen, nach denen die Ausstellungen benannt werden, haben oft einen grossen Bezug zu unserem eigenen Kulturkreis. Sind Sie da nicht pädagogisch, wenn Sie damit aufzeigen: So unterschiedlich sind die Menschen ja doch nicht?

Pädagogisch klingt für mich nach erhobenem Zeigefinger. Das möchten wir ganz klar nicht. Die Menschen sollen in dieses Haus gehen, sich wohlfühlen, etwas mitnehmen können, und im Idealfall ein Aha-Erlebnis haben! Aber ein Museum kann dieses Erlebnis weder vorhersehen noch erzeugen.

Können diese Aha-Erlebnisse nicht durch Medieneinsatz gelenkt werden?

Die elektronischen Medien werden stark frequentiert. Aber ob sie mehr Aha-Erlebnisse erzeugen, wage ich zu bezweifeln. Wenn wir darauf fokussieren, stellt sich schon die Frage, ob Menschen überhaupt noch ins Museum gehen wollen oder sollten? Oder ob dann nicht ein paar multimediale Installationen nebeneinander genügen würden?

Diese Frage müssen Sie beantworten, Sie sind die Museumsleiterin.

Ich möchte Medien im Museum reduziert einsetzen, da, wo sie sinnvoll sind. Die Entwicklung des Multimedialen ist so schnell! Da kommen wir schon allein mit der Technik kaum hinterher. Unser Kerngeschäft ist immer noch das Objekt — und das Kontextualisieren der Objekte. Hier wollen wir in erster Linie Seherlebnisse ermöglichen.

Hat sich da nicht das Publikum stark verändert? Die Digital Natives sind ja mit ganz anderen Möglichkeiten des Informationstransportes gross geworden.

Ja, das spüren wir; es gibt die Digital Natives, die tatsächlich alles digital haben wollen. — Andererseits gibt es jene Digital Natives, die das ganz klar nicht wollen. Diese Menschen kommen ins Museum, weil sie eine andere Welt erfahren wollen. Das Digitale haben sie im Alltag genug, hier im Museum wollen sie etwas anderes.

Aber stirbt dieses Publikum nicht langsam aus?

Nein, das glaube ich nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Originalobjekt keinesfalls ausgedient hat.

Apropos Originalobjekt: Innerhalb der neuen «Gross»-Ausstellung wird auch das Abelam-Haus gezeigt. Hier gibt es einen Streit mit der Kuratorin, die für die Erstellung dieses Nachbaus verantwortlich war. Sie kritisiert, dass an dem Haus unnötige Veränderungen vorgenommen wurden. Warum war das nötig? Was wurde dadurch gewonnen?

Gewonnen hat die freie Sicht auf das Haus. Das Abelam-Haus wurde 1981 im Museum aufgestellt, in einer Broschüre von 1982 wird das Haus ohne die Kette in der Mitte gezeigt. Diese Kette mit den symbolischen Feinden, der Sonne und dem Mondstein haben wir 2007 entfernt, um eben die Sicht auf die Ahnenbilder, auf die Malereien, zu verbessern. Ausser der Kuratorin fiel niemandem auf, dass die Kette nicht mehr da war.

Wie geht es in diesem Streit jetzt weiter?

Das kann ich derzeit nicht sagen. Fest steht, dass es bisher kein Urheberrecht für Kuratoren an ethnografischen Objekten gibt.

Aber warum zeigen Sie diese Kette nicht, wenn sie doch dazu gehört? Ist es für die Besucher nicht wichtiger, das Original zu sehen, als freie Sicht auf die Ahnenbilder zu haben?

Ich denke, Ihre Frage zielt auf das Thema ab, was authentisch oder repräsentativ ist. Fest steht, dass dieses Haus nichts an Originalität eingebüsst hat, nur weil einige Elemente nicht gezeigt werden.

Warum?

Weil es nie nur eine Variante gibt — auch nicht bei diesen Ahnenhäusern. Das Museum selbst ist ein anderer Kontext. Wir bilden nicht das Leben woanders ab, weil das schlicht und ergreifend nicht möglich ist.

Müssten Sie aber nicht offenlegen, was genau an diesem Objekt fehlt?

Würden wir immer den gesamten Kontext eines Objektes mitliefern müssen oder wollen, bräuchte es jeweils eine ganze Abhandlung dazu. Das ist nicht möglich. Die Beschriftung ist sicher nicht ideal, da gebe ich Ihnen recht. Sie wird im Zuge der neuen Ausstellung «Gross» erneuert. Allerdings wird auch die neue Beschriftung kurz gehalten sein.

Immerhin ist das Abelam-Haus weiter zu sehen. Anders sieht es mit der sagenumwobenen Tibet-Ausstellung aus. Manche Baslerinnen und Basler kritisieren, dass sie nun eingelagert ist.

Museum der Kulturen Basel Münsterplatz 20, Basel. Di–So: 10–17 Uhr. Ab 1. Juli mit der neuen Dauerausstellung «Gross». www.mkb.ch