Geschichte
Kunstraub für Napoleon: Wie der erste Louvre-Direktor Europas Schätze plünderte

Vivant Denon war der erste Direktor des Louvre. Mit seinen Beutezügen durch Europa machte er ihn kurzfristig zum grössten und wichtigsten Museum.

Sabine Altorfer
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Die Quadriga vom Brandenburger Tor war eine der aufsehenerregenden Trophäen, die Vivant Denon für Napoleon nach Frankreich schaffen liess.Tobias Schwarz/Reuters

Die Quadriga vom Brandenburger Tor war eine der aufsehenerregenden Trophäen, die Vivant Denon für Napoleon nach Frankreich schaffen liess.Tobias Schwarz/Reuters

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Der Louvre – das berühmteste Museum der Welt – ist ein Resultat der französischen Revolution. Nun könnte man seine Geschichte mit Fakten und Zahlen und Dokumenten belegen – oder sich darüber Geschichten erzählen lassen.

Zum Beispiel die von Vivant Denon. Er war der erste Direktor – und hat das Museum gleich zu einer ersten, wenn auch nur kurzen Blüte gebracht. Als grösster Kunsträuber Europas. Das jedenfalls sagten seine Gegenspieler aus Italien, Preussen, Belgien oder der Niederlande.

Der weltberühmte Louvre in Paris. (Archiv)

Der weltberühmte Louvre in Paris. (Archiv)

Keystone

Tatsächlich hat er im Auftrag Napoleons nicht nur als Kunstspion die Museen, die fürstlichen und königlichen Sammlungen in den besetzten Gebieten nach Kunstwerken abgesucht, sondern aus Dresden, Berlin, Schwerin, aus Rom, Spanien und Wien tausende von Gemälden, Handschriften, Münzen und die hoch geschätzten Antiken kistenweise abtransportieren lassen.

Zum einen für «seinen» Louvre, zum anderen um Napoleon aufsehenerregende Trophäen für seine Triumphzüge und seine Hochzeit zu beschaffen. Aus Berlin wurde so kurzerhand die Quadriga vom Brandenburger Tor mitgenommen, aus Venedig die Pferde vom Markusdom und das Stadtsymbol, der Löwe, oder aus Aachen Dutzende Marmorsäulen und der Sarkophag Karls des Grossen.

Und Denon erwog gar, ob italienische Kirchen nicht als «Baustofflager» dienen könnten, etwa für Säulen oder Bauschmuck. Denn diese Antiken hätten die Priester ja einst den Heiden geraubt.

Lebenslange Rente

Die Biografie von Dominique-Vivant Denon spiegelt die wirren Zeiten: Der 1747 Chalon-sur-Saône geborene Juristensohn wollte Künstler und Schriftsteller werden. Eine Begegnung mit König Ludwig XV. lancierte seine Karriere.

Er erhielt nach und nach subalterne Jobs: 1769 wurde er Konservator des von der Madame de Pompadour eingerichteten Gemmenkabinettes, dann einer von vielen Kammerherren des Königs und 1771 wurde er im diplomatischen Dienst nach St. Petersburg beordert, wegen zu eigenwilligem Handelns jedoch in die Schweiz strafversetzt.

Darauf quittierte er seinen Dienst und erhielt eine lebenslange Rente. Das war entscheidend. Denn nun konnte er sich einigermassen sorgenfrei auf seine Künstlerkarriere und sein Leben als Bon-Vivant konzentrieren.

Als Theaterautor war er in Paris gescheitert, aber in Venedig brachten seine Zeichnungen, Radierungen und sein charmantes Wesen ihm Anerkennung ein – und die Liebe zu Isabella Albrizzi. Ihr schrieb er sein Leben lang Briefe, sie sind eine der Hauptquellen für Reinhard Kaisers eben erschienene Biografie «Der glückliche Kunsträuber».

Wie aber brachten die Französische Revolution und die nachfolgenden Kriege Europa durcheinander! Denons Leben zeigt das exemplarisch: Nach der Revolution musste sich der Anhänger des Königs entscheiden: Er machte die Umbenennung ins adelige de Non zum bürgerliche Denon rückgängig, und nach seiner Ausweisung in Venedig, entledigte sich der Anhänger des Königs nicht nur leicht seiner Perücke, sondern diente sich bei den neuen Mächtigen an.

Für den Revolutionsrat setzte er die neuen Kleidervorschriften für Bürger in Kupferstiche um, damit sie in Tausender-Auflagen verteilt werden könnten. Doch kaum gedruckt, machte Napoleons Machtergreifung sie zu Makulatur. Denon bewunderte den General, der sich selber zum Kaiser machte.

Und umgekehrt ernannte ihn Bonaparte zum Direktor des «Muséum central des arts», das im Galerienflügel des ehemaligen Königspalastes eingerichtet worden war. 557 Gemälde und 124 Skulpturen (3/4 aus Königsbesitz, 1⁄4 aus leergeräumten Kirchen und Adelssitzen) konnte Denon am Anfang im Louvre verzeichnen. Tausende kamen von Denons Beutezügen dazu. Rubens war hoch im Kurs, doch Denon mochte auch die mittelalterliche deutsche und italienische Kunst.

Buch über die ägyptische Kultur

Mit Napoleon reiste Denon nach Ägypten. Der Kriegszug war ein Flop, doch ohne den Kunstbeutezug wäre der Louvre heute ärmer. Denon war diesmal weniger für den Abtransport von Kunstwerken zuständig, sondern reiste, zeichnete und brachte danach mit Hilfe von Dutzenden Druckern und Kupferstechern einen 50 Pfund schweren Brocken von Buch über die ägyptische Kultur heraus.

Das machte ihn in Europas kunstsinnigen Königs- und Fürstenhäusern schlagartig berühmt – und wenn er als «Auge Napoleons» in den Museen der besetzten Gebiete auftauchte, wussten Besitzer wie Verwalter, dass der Mann schwer zu täuschen war.

Nach dem Sturz Napoleons blieb Denon Direktor, nur der Louvre änderte einmal mehr seinen Namen und wurde vom «Musée Napoléon» zum «Musée royal du Louvre». Denons Ziel war es, das Museum zum wichtigsten und schönsten zu machen.

1814 zeigte er eine Auswahl der besten (Raub-)Stücke. Die Pariser Bürger staunten und manche ausländischer Gesandte soll erst dort die Schätze seiner eigenen Heimat schätzen gelernt haben.

Handgreiflich um Schätze gestritten

Doch nach Waterloo und nach dem Wiener Kongress von 1815 kehrten nicht nur die Machtverhältnisse, sondern auch die Richtung der Kunsttransporte. Delegationen aus ganz Europa holten sich zurück, was sie fanden oder wofür sie den Transportaufwand als gerechtfertigt einschätzten.

Von 504 aus Italien geraubten Gemälden gingen 249 zurück, 248 aber blieben in Frankreich, neun sind verschollen. Denon war da also gründlicher als seine Widersacher und er soll gar handgreiflich um seine Schätze gestritten haben. Aber er sah seine Mission vom Grand Louvre als gescheitert. So bat er Ende 1815 Ludwig XVIII. um seine Entlassung und pflegte in den politisch wieder ruhigen Jahren bis zu seinem Tod 1825 in grossbürgerlicher Manier seine eigenen Sammlungen.

Reinhard Kaiser Der glückliche Kunsträuber. C-H-Beck. 399 S., ca. Fr. 36.–.