Shopping

Kunst kommt von Kaufen

Totenschädel von Damien Hirst.

Totenschädel von Damien Hirst.

Zeitgenössische Kunst reflektiert unsere Warenwelt und wird gleichzeitig selbst zur Konsum-Ikone. Eine kurze Geschichte, wie die Kunst in den Supermarkt kam.

In den 1960er-Jahren schlägt die Stunde der Kleinfamilie und des Konsums. Staubsauger, Waschmaschine und Dosengemüse machen den Haushalt zum Ein-Frau-Betrieb. Das Auto wird zum Statussymbol des Mannes. Modejournale und Luxusgüter liefern die Blaupause für die Selbstverwirklichung des modernen Individuums.  Einkaufen bedeutet nicht mehr bloss Beschaffung des Nötigen, sondern wird zum Bekenntnis einer neuen Lifestyle-Gesellschaft. Es ist Wirtschaftswunder, und alle gehen hin – auch die Kunst.

An der Lower East Side in New York ereignet sich 1961 Seltsames. Claes ­Oldenburg eröffnet den «Store». Zu ­sehen gibt es das ganze Spektrum des Alltagsbedarfs, Nahrungsmittel, Kleider, Schuhe. Alles aus demselben Material und bunt bemalt. Bald darauf richtet auch Christo seinen Blick auf die Konsumwelt und verpackt einen Einkaufswagen. 1964 initiieren der Künstler Ben Birillo und der New Yorker ­Galerist Paul Bianchini den «American Supermarket». Darin werden Waren als Kunst und Kunst als Ware angeboten.

Suppendosen als berühmte Bildserie

Ein junger Mann namens Andy Warhol signiert zwischen den vollen Gestellen echte Suppendosen der Marke Campbell. Bald darauf macht er diese zum Motiv einer Bildserie. Kritiker reiben sich die Augen. Während die tonangebenden Stars der Kunstszene, etwa Marc Rothko oder Jackson Pollock, mit ihren Bildern die Erfahrung einer transzendenten Spiritualität proklamieren, werden hier Tomatendosen zur Kunst erhoben. Die Frage, ob diese Profanisierung der Motive kritisch oder bejahend gemeint ist, beschäftigt Kritiker und Kunsthistoriker bis heute.

Warhol, der prominenteste Pop-­Künstler, trug mit seinen widersprüchlichen Bonmots nicht unbedingt zur Klärung bei.  «Schliess ein Kaufhaus zu, öffne die Türe in 100 Jahren, und Du hast ein Museum moderner Kunst», sagt er an einer Stelle, an anderer: «Es macht richtig Spass, in Schaufenster zu gucken. Man kann sich die ganzen ­Sachen ansehen und sich darüber freuen, dass sie einem zu Hause nicht die Schränke und Schubladen verstopfen.»

Zwischen Konsumfeier und Konsumkritik

Ob kritisch, ironisch bejahend oder ­affirmativ: Mit der Pop Art ist die Alltagskultur zum Gegenstand der Kunst geworden. In den Siebzigerjahren mehren sich auch die  kritischen Stimmen.
Joseph Beuys, Anthroposophen-Schamane und Mitbegründer der Grünen Partei in der BRD, zielt mit seinem ­erweiterten Kunstbegriff auf eine totale Umgestaltung unserer Lebens- und Wirtschaftswelt. In seiner utopischen Radikalität bleibt er jedoch ein Solitär.

Konsumkritik gibt es von Seiten der Kunst aber sehr wohl. Etwa Barbara Kruger mit ihren Schriftbildern
wie «I shop, therefore I am». Es fällt jedoch auf, dass viele Künstlerinnen und Künstler mit ihren Arbeiten zur Konsumwelt eine ambivalente Haltung zum Ausdruck bringen. Sie kehren die schrillen Seiten des Warenfetischismus hervor, ohne diese explizit zu kritisieren.

Wenn Sylvie Fleury prall gefüllte Einkaufstüten mit Luxusartikeln oder einen vergoldeten Einkaufswagen ins Museum transferiert, ist das dann Konsumfeier oder -kritik? Dieselbe Frage stellt sich bei Jeff Koons Hoover- Staubsaugern, die er grell beleuchtet in Vitrinen präsentiert.

Gerade am Werk dieses Künstlers ist jedoch ein weiterer interessanter ­Aspekt des Themas Kunst und Konsum abzulesen. Koons wurde vor allem mit seinen knallbunten Stahlskulpturen berühmt. Sie spiegeln in ihrer Schrillheit den Hypermaterialismus unserer Gegenwart. Ironischerweise erzielen gerade diese offensichtlich sinnentleerten Werke Höchstpreise auf dem Kunstmarkt. 1991 wurde einer seiner «Rabbits» für 91 Millionen Dollar bei Christie’s verkauft – das teuerste Werk eines noch lebenden Künstlers.

Vor dem Tod sind alle Shopper gleich

Der Meister der Verwandlung von Marktwaren in Kunst und wiederum von Kunst in teure Handelsware ist ­jedoch der Brite Damien Hirst. Sein Meisterstück ist «For the Love of God». 2007 liess er einen menschlichen Totenschädel mit 8600 Diamanten bestücken. Schon nur der Warenwert belief sich auf 12 Millionen britische Pfund. Versteigert wurde der Schädel für 50 Millionen. Die Aktion machte weltweit Schlagzeilen, warf aber auch schnell Fragen auf. Denn gekauft hat das Werk ein Konsortium, an dem Hirst selbst beteiligt war. Wieso sollte ein Künstler sein eigenes Werk kaufen?

Eine Mögliche Antwort ist die: In Zeiten, in welchen auch Kunst zum Konsumfetisch geworden ist, markiert nicht der Inhalt, sondern der Preis den Wert des Werkes. Wenn ein Werk 50 Millionen oder mehr kostet, muss es einfach wertvoll, also im Sinne der Kunst «erhaben» sein. Hirst fügt diesem Spiel noch eine weitere Komponente hinzu: Sein geschmückter ­Totenschädel ist auch ein Memento mori, ein Mahnmal dafür, dass vor dem Tod alle gleich sind. Egal, mit was für Konsumgütern sie sich schmücken können.

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