Hier regiert «Matto». Der Gedanke schiesst beim Betreten der Universitären Psychiatrischen Klinik in Basel (UPK) ungebeten durch den Kopf. Friedrich Glauser lässt in seinem Kriminalroman «Matto regiert» Wachtmeister Studer in der fiktiven Heil- und Pflegeanstalt Randlingen die Grenzregionen zwischen Vernunft und Wahnsinn erkunden. Für den wegen seiner Morphiumsucht entmündigten und in verschiedenen Kliniken internierten Autor war das «Reich des Wahnsinns» tragische, Architektur gewordene Realität – in eben solchen Anstalten wie der Basler Klinik, mit ihrem an eine Kaserne erinnernden Hauptgebäude, dem Park, mit seinen beidseits aufgereihten Klinikhäusern. Bis in die Fünfzigerjahre trennte eine mitten durch die Anlage laufende Mauer die «Weiber»- von den Männerhäusern. Wer einmal hier landete, kam schwer wieder raus.

Beschreibungen wie Glausers Roman oder Ken Kesey’s Bestseller «One Flew Over the Cuckoo’s Nest», verfilmt mit Jack Nicholson in der Hauptrolle, prägen das Bild von psychiatrischen Kliniken bis heute. Damit haben diese zu kämpfen. Der Umgang mit psychisch erkrankten Menschen ist längst ein anderer geworden. Aber die alten Bilder sitzen in den Köpfen fest.

Ein wenig wie beim Zahnarzt

«Die Entstigmatisierung der Psychiatrie ist eine unserer strategischen Stossrichtungen», sagt Regula Lüthi, die Leiterin der Pflege und der medizinisch-therapeutischen Dienste an der UPK. In diese Strategie passt die Zusammenarbeit mit dem Festival Wildwuchs, die seit 2001 existiert. In den letzten drei Jahren intensivierte die Kuratorin Gunda Zeeb den Austausch zwischen Klinik und Festival. Für die diesjährige Ausgabe wurde eine Ausschreibung für Projekte in und um die Klinik selbst gemacht. Ein Novum. Aus 20 Projekten wählte eine Jury sechs aus, die nun Eingang ins Programm gefunden haben (siehe Kasten). Regula Lüthi und Paul Karsten, der Vorsitzende der Kunstkommission der Klinik, koordinieren und betreuen die Zusammenarbeit.

«Wir finden wichtig, dass die Psychiatrie nicht ein in sich geschlossener Zirkel ist, wie eine Black Box, von der man nicht weiss, was drin passiert», erklärt Karsten. «Die Wenigsten können sich vorstellen, was es heisst, in psychiatrischer Behandlung zu sein. Es ist ein wenig wie mit der Angst vor dem Zahnarzt. Man denkt, er tue einem Schreckliches an, obwohl man weiss, dass es nicht wehtut. Da leiden wir bereits im Voraus an etwas. Das ist unnötig. Deshalb ist es so wichtig, sich auf Augenhöhe zu begegnen.»

Psychiatrische Kliniken haben ihre Öffentlichkeitsarbeit in den letzten Jahren intensiviert. Diesem Trend folgt auch die UPK. Man will Vorurteile abbauen. Ein Projekt wie Wildwuchs unterstreicht die Offenheit der Klinik und bietet Interessierten die Möglichkeit, dieser fremden Welt anders zu begegnen. Was aber bedeutet das genau, wenn Künstler und Künstlerinnen an einem solchen Ort arbeiten? Gibt es einen realen Nutzen für die Patienten, der über das Marketing hinausgeht?

«Grundsätzlich ist es ja immer so, dass wir durch Kunst etwas verarbeiten können, was sprachlich schwer zu fassen ist», erklärt Lüthi. Malen, Tanzen, Musik würden bereits seit langem zum Therapieangebot gehören. Wildwuchs sei da eine willkommene Erweiterung. «Die Künste öffnen andere Kanäle, um sich auszudrücken. So lernen wir beispielsweise, Ängste anders zu bewältigen als durch Sprache. Es kann helfen, wenn wir etwas in einem Bild fassen und uns fragen können: Was sehe ich da eigentlich.»

Therapie und Kunst

Auch für Paul Karsten ist die Bedeutung von künstlerischem Schaffen für den Heilungsprozess unbestritten: «Wahrnehmen, Innehalten, Verstehen: Das sind sowohl therapeutische wie künstlerische Prozesse. Diese sind im Grunde für alle Menschen wichtig. Was mache ich im Leben? Was sind meine Ziele? Diese Fragen stellen wir uns alle früher oder später. Der künstlerische Ausdruck hilft, Varianten der Verarbeitung zu finden.»

Das tönt plausibel, ist in Wirklichkeit aber eine echte Herausforderung, gerade, wenn Künstler anfangen auf dem Klinikgelände zu arbeiten. «Es treffen sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander», erklärt Karsten. «Hier das Künstlerische, die Work in Progress, da der Klinikalltag mit seinen regulierten Abläufen. Die Arbeit der Künstler gräbt sich quer durch unsere Strukturen. Bei Projekten wie dem Audio-Walk beispielsweise, wo 20 Wäscheleinen durchs ganze Areal gespannt werden, sind verschiedene Abteilungen betroffen. Die Mitarbeiter sind sich das teilweise gewohnt. Manchmal denken sie wohl auch: Oh, was kommt da wieder auf uns zu.»

Grundsätzlich diene der Einfall der Künstlerinnen und Künstler in den Klinikalltag auch dem Betriebsklima. Das Projekt fordere letztendlich von allen eine grössere Flexibilität und die Mitarbeitenden würden gezwungen, Abläufe und Strukturen zu hinterfragen.
Im Grossen und Ganzen stosse das Projekt auf Zustimmung und teilweise auch auf Begeisterung, sagen die Verantwortlichen. Rund 20 Patientinnen und Patienten sowie 25 Mitarbeitende und Angehörige sind involviert, wenn es am 10. und 11. Juni heisst: «Wildwuchs@UPK».