Kunst

Kris Martin schafft Erinnerungen für Kopf und Füsse

Im Aargauer Kunsthaus zeigt der Belgier Kris Martin (40) Werke zu Zeit, Tod und Ewigkeit. Das Blatt mit den Erklärungen sollte man beim Betreten der Ausstellung besser nicht mitnehmen.

Eine Gebrauchsanweisung für Ausstellungen sind Kritiken eigentlich nicht. Diesmal aber machen wir doch eine Empfehlung: Verkneifen Sie sich beim Betreten der Ausstellung von Kris Martin den Reflex, das Blatt mit den Erklärungen beim Eingang mitzunehmen. Machen Sie einen ersten Rundgang ganz für sich, lesen Sie die Erklärungen und Geschichten danach gemütlich im Café und gehen Sie darauf nochmals durch die Schau.

Die Begründung ist einfach: Hinter jedem Werk von Kris Martin steckt eine bestimmte, oft persönliche Geschichte des Künstlers. Doch seine Skulpturen und Installationen kann man auch viel offener lesen, sie also über die eigenen Erfahrungen interpretieren. Am spannendsten ist es, diese beiden Ebenen zu verbinden und sich nicht von vornherein beeinflussen zu lassen.

Ein Beispiel: Im Raum vis-à-vis des Innenhofes liegt ein Haufen goldfarbener Blumenvasen und Pokale auf einem Haufen. Es sind weder asiatische Dekorstücke noch industriell gefertigte Massenware, sondern gebrauchte Granathülsen aus dem Ersten Weltkrieg. Die Gravuren am Boden dokumentieren Herstellungsdatum und Herkunft – meist Frankreich und Deutschland. Teilweise wurden die Rohre von den Soldaten noch im Schützengraben mit einfachen Ritzungen verziert, zum Teil von den Leuten in den Dörfern aufwändig geschmückt. Noch heute stünden viele in den Stuben der Bauern in Flandern, erzählt Kris Martin, meist mit Plastikblumen bestückt und an der Seite einer Heiligenstatue unter Glasglocke. Tod und Verderben, aber auch die Freude am Schönen vereint diese Arbeit exemplarisch. Und weil die 709 Stücke nicht wie Preziosen einzeln aufgestellt sind, sondern als ungeordneter Haufen auf dem Boden liegen, wirken diese Gegensätze noch stärker.

Sammler und Künstler

Kris Martin ist also nicht nur Künstler, sondern auch Sammler. Manches stellt er eins zu eins ins Museum wie die Granathülsen, Glashauben von Heiligenstatuen, ein Anschlagbrett aus dem Ferien-Club oder Kieselsteine vom Strand. Anderes bearbeitet er weiter. Ein Bergfoto mit einem Sprung im Glas wird durch das fotografische Abbild und die Vergrösserung zum Vergänglichkeitssymbol, Steinbrocken aus Colorado durch miniaturhafte Gipfelkreuze zum Bergmassiv und eine tote Biene durch das Abgiessen in Gold zum kostbaren Relikt.

Erstaunlich und bewundernswert ist, wie leichthändig, wie verführerisch und wie subtil Kris Martin mit so schweren Themen wie Tod und Vergänglichkeit, Glauben und Zeit, Gewalt und Selbstzweifel in seinen Arbeiten umgeht. Seine Tintenzeichnungen des eigenen Schädels zeugen von Neugier und wirken doch ästhetisch und leicht. So ernsthaft wie verschmitzt teilt sich der Künstler auch die Rolle des Idioten zu.

Ab und zu eine kleine Bombe

Es gibt bei ihm nicht ein einziges Rezept, sondern wohlüberlegte, unterschiedliche Konzepte. Und Kris Martin macht keine trockenen Statements, sondern überzeugt durch Sinnlichkeit und Witz. Kein Wunder also, hat der Belgier längst den internationalen Durchbruch geschafft. Die schön und grosszügig inszenierte Schau im Aargauer Kunsthaus entstand denn auch dank internationaler Zusammenarbeit mit Museen in Bonn und Hannover.

Manchmal klotzt Martin gerne. Etwa wenn er einen Heissluftballon in einen Museumssaal zwängt, der das Gebäude zu sprengen scheint. Oder wenn er zwölf Tonnen Material benötigt für die Glocke ohne Klöppel, die stumm im Innenhof hin und her schwingt. Doch in 1000 Jahren ist Schluss damit: Dann wird die grosse Metallkugel «explodieren. Ein raffiniertes Innenleben würde dafür sorgen, beteuert der Künstler.

Doch Kris Martin vermag auch mit subtilen kleinen Zeichen ein grosses Thema einzufangen. Unscheinbar hängt ein kleines Kreuz an der Wand. Die Querbalken sind umgebogen, wie wenn sich das Kreuz – oder der Gekreuzigte? – die Augen zuhalten würde. Denn was ist nicht alles im Namen des Kreuzes geschieht?

Aus der Ausstellung von Kris Martin trägt man nicht nur Erinnerungen im Kopf mit, sondern auch an den Füssen. Die bronzenen Konfetti von «Festum» bleiben nämlich gerne an Sohlen und Säumen hängen. So können sie mit den Besucherinnen und Besuchern das Kunsthaus verlassen und draussen von Schönheit und Vergänglichkeit, vom Leben und der Kunst zeugen.

Kris Martin Every Day of the Weak. Aargauer Kunsthaus, bis 12. August.

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