Kaserne Basel

Kaserne Basel: Anti-Theater als berührendes Kopfkino

Boris Nikitin

Boris Nikitin

Die Kaserne hat ihre Saison mit dem Schwerpunkt «Telling Stories» begonnen. Zur Eröffnung gab es ein Highlight und einen Tiefpunkt.

«Telling Stories», Geschichten erzählen, heisst das Mini-Festival in der Basler Kaserne. Dabei stehen Produktionen im Fokus, die hinterfragen, wie und vor allem wer wessen Geschichte erzählt und damit prägt. Zur Einstimmung in das international besetzte Programm sei die Videoinstallation «Heterotopic Planetarium» empfohlen, kuratiert von Kadiatou Diallo.
Sie zeigt afrikanische Videokunst auf der Höhe der Zeit. Afrofuturismus, die Hölle des Postkolonialismus, die Utopie eines Instituts, das die Wunden des Kolonialismus nicht nur politisch, sondern auch spirituell heilen will. Prädikat: sehenswert.

Die grosse Bühne gehört an diesem Abend Boris Nikitin mit seinem «Versuch über das Sterben». Der Grenzgänger zwischen Illusions- und Dokumentartheater hat im Frühjahr mit «Macht und Verwundbarkeit» eine viel beachtete Gesprächsreihe in der Kaserne lanciert und dabei einmal mehr gezeigt, dass seine Forschungsarbeit in Sachen Theater gängige Vorstellungen unterläuft.

Für sein Solo wählt er ein radikales Setting. Die Reithalle ist bis auf die Zuschauertribüne leergeräumt. Vor dem Publikum steht ein Stuhl. Darauf liegt ein Stapel Papier. Nikitin betritt die Bühne, setzt sich und beginnt zu lesen – und wird für die kommenden 50 Minuten nichts anderes tun. Blatt für Blatt breitet er seinen «Versuch über das Sterben aus», blinzelt ab und zu in die Scheinwerfer, als ob er sich vergewissern möchte, dass jemand ihm zuhört. Und das Publikum hängt an seinen Lippen.

Es sind zwei Themen, die Nikitin wechselweise ineinander verschränkt: das Sterben seines Vaters und sein eigenes Coming-out als schwuler Mann vor rund 20 Jahren.
Im Juni 2016, drei Wochen nach dem Tod seines Vaters, habe er begonnen, an diesem Text zu schreiben. Damals noch während der Vorbereitungen zu seinem «Hamlet». Der Vater war an ALS erkrankt, einer unheilbaren Muskelkrankheit. Von der Diagnose bis zum Tod blieben ihm rund zwölf Monate. «Ein eiskaltes, berechenbares Szenario.»

Der Sohn erzählt die Stationen dieses Passionswegs, beschreibt die verschiedenen Zerfallsstufen vom Rollator zum Rollstuhl bis zur Bettlägerigkeit mit Ernährungssonde. Der Vater, ein Sportler, der seinen Körper als Forschungsgegenstand und chemische Fabrik begriffen habe, wehrt sich zu Beginn gegen das absehbare Szenario, unbeweglich seinem Ende entgegendämmern zu müssen. Die Entscheidung, diesen Weg mittels Sterbehilfe zu verkürzen, trifft er früh, verschiebt die Einnahme des Gifts jedoch von Monat zu Monat und stirbt letztendlich an einem Infekt.

Sterben lernen, heisst leben lernen

Die Selbstermächtigung des Vaters, bis zum Ende über seinen Körper bestimmen zu wollen, entgegen gesellschaftlicher Tabus, dieses Thema verschränkt Nikitin mit seinem Coming-out. Nach zwei leidenschaftlichen Sommern mit «einem doppelt so alten und doppelt so schweren Schauspieler» habe er seinem Umfeld und dann auch den Eltern erzählt, dass er schwul sei.
Erst durch die öffentliche Rede habe er die Angst vor sich selbst überwunden, die gesellschaftliche Konditionierung seines Körpers abgelegt. Seit seinem Coming-out durchschaue er das soziale Konstrukt unserer Wirklichkeit erst recht und sehe die Welt als nie abgeschlossene Möglichkeit.

Vater und Sohn haben in entscheidenden Momenten dasselbe getan. Sie haben sich entgegen der Konvention für ihre eigene Wahrheit entschieden. Dieser Spur folgend erweitert Nikitin den Begriff des Coming-outs: Jeder Mensch, der bereit sei, Unangenehmes öffentlich zu machen, sei es privat oder politisch, betreibe ein Coming-out. Das Risiko dabei sei immer hoch, der Akt selbst aber auch eine Hingabe an die anderen. Die beispielhafte Rede öffne den Raum, damit diese den Schritt auch wagen.

Der Autor sagt: «Wer nicht schweigt, bleibt auch nicht allein.» Für Nikitin heisst Mensch sein, verwundbar zu sein. Vom Vater habe er gelernt, dass auch das Sterben eine Form der Selbstermächtigung sein kann. Wir könnten lernen zu leben, indem wir lernen zu sterben.
Das ist ein schwerer, kluger, emotionaler Brocken, den uns der Theatermann da zu Füssen legt. Er sorgt damit für Irritation: Das soll eine Saisoneröffnung sein? So viel Raum für eine Lesung? Der Autor-Schauspieler macht sich nicht einmal die Mühe, den Text auswendig zu rezitieren. Keine Schauspieler, keine Kostüme, kein Bühnenbild. Das ist Theater an seinem Nullpunkt.

Aber gerade in dieser Radikalität entsteht das Pathos dieses Abends: Hier spricht einer über privateste Dinge und ist sich nicht einmal sicher, wie weit man «sich selbst oder die anderen an sich heranlassen soll». Und trotzdem hat dieses Anti-Theater, dieses schlichte Kopfkino genau das, was vielen Produktionen fehlt: Dringlichkeit und Mut. Für die Katharsis, jene älteste Funktion des Theaters, braucht es nicht zwingend das ausstaffierte Stück. In einem Zeitalter, in welchem Dramen und Komödien die Menschen mittels Streaming-Diensten erreichen, hat ein einzelner Mensch, der auf einem Stuhl sitzend seine Gedankenwelt entblösst, etwas radikal Theatralisches.

Bunter Aufwand, wenig Inhalt

Die zweite Produktion zur Kaserneneröffnung bedient die erwarteten Theatermittel: eine performativ gestaltete Ausstattung, Musik, zwei Tänzerinnen. Aber was Marie-Caroline Hominal und Nelisiwe Xaba mit beträchtlichem Aufwand zeigen, ist an Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Sich selbst auf der Bühne einzugestehen, nicht einig darüber zu sein, was denn getanzt werden soll, ist schlichtweg eine langweilige Geschichte.

Telling Stories Bis 21. September, Kaserne Basel

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