Musik
Jovanotti: «Berlusconi ist wie die Berliner Mauer»

Jovanotti kommt mit seinem neuen Album «Ora» Mitte Mai für ein Konzert in die Schweiz und sagt der az, warum er wegen Silvio Berlusconi einen Bart wachsen liess.

Andreas W. Schmid
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Lorenzo Cherubini, besser bekannt als Jovanotti, beherrscht die Kunst des Schmeichelns zwischen den Zeilen. Er gebe pro Tag höchstens drei, vier Interviews, sagt er, während er sich im Zürcher Marriott Hotel noch schnell einen Kaffee zubereitet. «Sonst käme nichts Schlaues mehr heraus.»

Das wäre in der Tat bedauerlich. Der «Guerilla-Kämpfer der Kommunikation», wie sich der 44-jährige Musiker selbst schon nannte, machte sich als Rapper auch ausserhalb Italiens einen Namen; er war aber auch als Radio-DJ, Showmaster, Schauspieler, Maler und Buchautor tätig.

In Lugano gab Jovanotti einst sein erstes Konzert im Ausland. «Ich fühlte einen Stolz, als sei ich auf einer Tournee durch die USA.»

Jovanotti, Ihre CD heisst «Ora». Warum «jetzt» und nicht «morgen» oder «gestern»?

Jovanotti: Ich fand dieses Wort das interessanteste auf der ganzen CD. Die Gegenwart wird zunehmend wichtiger. Wir leben immer mehr in einem unaufhörlichen Fluss von Informationen, die sich auf die Gegenwart beziehen. Vergangenes spielt immer weniger eine Rolle. Im Internet finden wir Unmengen von Informationen, die sich mit dem auseinandersetzen, was gerade passiert. Entsprechend verändert sich auch die Nutzung der Medien. Auch die heutige Musik ist stark auf die Gegenwart bezogen. Die Tradition spielt eine untergeordnete Rolle.

Bedauern Sie das?

Überhaupt nicht. Ich finde das sehr spannend. Die Welt verändert und öffnet sich dadurch, wie wir gerade sehen...

Als Sie «Ora» produzierten, ist Ihre Mutter gestorben. Trotzdem ist es ein Album voller Optimismus.

Die vergangenen Jahre waren schwierig für unsere Familie. Erst starb mein Bruder bei einem Flugzeugabsturz, woraufhin sich auch meine Mutter langsam verabschiedete. Als Musiker konnte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Schmerz in etwas voller Leben zu verwandeln und etwas von jener Energie aufzusaugen, die diese Menschen mir entgegengebracht hatten. Meine Mutter war eine lebenslustige Person. Sie hat mir die Heiterkeit weitervererbt. Also war es logisch, dass ich das so verarbeiten musste. Die Musik kann den grössten Schmerz transformieren.

In «Ora» philosophieren Sie über ein Leben nach dem Tod. Glauben Sie daran?

Wenn ich gewisse Lieder höre, habe ich manchmal das Gefühl, als sei meine Mutter gerade bei mir. Ich finde den Gedanken schön, dass das Leben weitergeht nach dem Tod und man sich im Jenseits trifft. Aber ob es so ist, weiss ich nicht. Was ich in diesem Lied sagen will: Es lohnt sich nicht mal, darüber nachzudenken. Ich denke an die Gegenwart und versuche, das, was mich interessiert, so gut wie möglich zu machen. Ich möchte meine Träume erfüllen und für das kämpfen, was ich in diesem Moment als wichtig erachte.

Als wichtig empfanden Sie stets das Reisen in andere Kulturen.

Ich habe das tatsächlich immer genossen, es waren wunderbare Erlebnisse und Abenteuer in so unterschiedlichen Gegenden wie Pakistan, Iran, Armenien oder Patagonien. Ich bin jedoch auch gerne in Italien.

Wenn es um Italien geht, gibt es im Ausland nur ein Thema: Berlusconi.

Nicht nur im Ausland, auch in Italien selbst. Das Schlimme daran ist, dass das nun schon über 15 Jahre so geht – eine Ewigkeit. In den USA ist jemand vier, maximal acht Jahre am Ruder. Und es kann noch eine Weile dauern. Wenn er sich etwas zuschulden kommen lässt, eher vier Jahre.

Wegen Berlusconi haben Sie sich einen Bart wachsen lassen, haben Sie erklärt. Ein Scherz, oder?

Nein, das war ernst gemeint. Berlusconi will nicht, dass sich seine Angestellten Bärte wachsen lassen. Ich bin zwar nicht bei ihm angestellt, aber als kleiner Rebell, der ich bin, liess ich mir sofort einen Bart wachsen...

...einen Bart, den Sie sofort abschneiden, wenn er zurücktritt?

Nein, nein, sonst hätte ich ihn bereits abschneiden müssen. Denn Berlusconi ist längst von meinem Radar verschwunden. Auch wenn er in Realität leider noch nicht weg ist. Ich habe gelernt, dass man bei Berlusconi nie davon sprechen kann, dass es vorbei sei. Wir haben das, seit er vor bald zwei Jahrzehnten Politiker wurde, sicher schon 20-mal gesagt. Und trotzdem ist er weiterhin da. Er kommt mir vor wie der Terminator im Film, der immer wieder aufsteht und weitermacht.

Erstaunlich, wie viele Italiener Berlusconi trotz allem immer noch wählen würden.

Ja, aber Berlusconi ist auch ein sympathischer Mann...

...Berlusconi ist sympathisch?

Ja, darüber gibt es keinen Zweifel. Viele seiner Stimmen erhält er, weil die Menschen ihn sympathisch finden. Und Berlusconi war immer sehr innovativ, was die italienische Politik anbelangt. Die Menschen in Italien hatten in den Neunzigerjahren die Schnauze voll. Sie waren des komplizierten politischen Systems mit den vielen Parteien überdrüssig. Lieber gaben sie diesem Politiker, der einfache Botschaften vermittelte, ihre Stimme.

Haben auch Sie sich verführen lassen?

Nein. Ich habe ihn nie gewählt. Ich war auch nie fasziniert von ihm, vielleicht auch deshalb, weil ich selbst ein Mann des Spektakels bin. Ich kenne also die Mechanismen des Spektakels. Ich wähle jemanden, weil er ein Programm präsentiert, das meinem Land nützt. Das ist es auch, was ich ihm am meisten vorwerfe: Er hat nichts für Italien gemacht. Nichts, rein gar nichts.

Er hat seine Talente für weniger Wichtiges verschleudert.

Seine Affären sind mir egal. Ehrlich. Entscheidend ist, was er sonst bewirkt hat. Einer, der drei Fernsehkanäle besitzt, hätte zum Beispiel einen Kultursender schaffen können.

Was erwarten Sie von der Zukunft?

Berlusconi ist für uns wie die Berliner Mauer. Als diese einstürzte, war die Freude darüber gross. Gut war damit in Deutschland allerdings noch lange nicht alles, dem Land stellten sich andere, neue Probleme. So wird es auch nach der Ära Berlusconi sein. Wenn er weg ist, dann wird Italien Zeit brauchen, um den Berlusconismus und seine negativen Folgen zu überwinden. Ich hoffe auf neue Gesichter.

Werden Sie selbst mitwirken?

Nein, ich bin Musiker und will das auch bleiben. Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Und ich wäre auch zu nichts anderem fähig. Zu Hause kümmert sich meine Frau ums Geld. Wenn ich das schon im Privaten nicht machen kann, dann fände ich es anmassend, draussen plötzlich den grossen Zampano spielen zu wollen.

Dann werden Sie den Titel Ihres ersten Albums also nicht umsetzen? Dieses hiess: «Jovanotti for President».

Nein, dafür bin ich zu sehr Individualist. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht für die anderen Menschen interessiere. Ich interessiere mich sehr für sie und teile auch gerne mit ihnen. Individualismus darf keinesfalls mit Egoismus verwechselt werden.

Im Mai treten Sie in Basel auf. Was können wir da erwarten?

Ein Fest, ein Spektakel voller Freude, Energie und Schweiss. Die Zuschauer sollen sich amüsieren, die Musik geniessen, tanzen. Ja, vor allem tanzen.

Jovanotti Ora. Live: St. Jakobshalle, Basel. 16. Mai.

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