Marcus Signer

«In der Schweiz darf man sowieso nicht berühmt sein»

Schauspieler Marcus Signer spricht kurz vor seiner Premiere in Dornach über seine Theaterarbeit, die Fortsetzung von «Wilder» und Promis in der Schweiz

Dienstagnachmittag in Dornach. Im Neuen Theater läuft die Hauptprobe zu «Heilig Abend». Geschrieben hat das Stück Erfolgsautor Daniel Kehlmann. Es spielt in einem Verhörraum. Ein Kommissar setzt eine Philosophieprofessorin unter Druck. Sie steht im Verdacht, einen Bombenanschlag angekündigt zu haben.

Die Uhr tickt. Und je länger sie tickt, umso unklarer wird, wer hier eigentlich die Wahrheit sagt. Regisseur Georg Darvas hat das Kammerstück mit Emanuela von Frankenberg und Marcus Signer besetzt. Letzterer spielt hier eine ähnliche Rolle wie in der Fernsehserie «Wilder», in der er den schrägen Bundespolizisten Kägi gibt.

Die Probe läuft schlecht. Textunsicherheiten unterbrechen den Fluss. Die beiden Schauspieler kämpfen darum, den Stoff zum Abheben zu bringen. Der Kampf ist ihnen anzusehen. Es sind ja aber noch zwei Tage bis zur Premiere.

Herr Signer, Sie kommen aus der Probe. Das war anstrengend, oder?

Marcus Signer: Es ist ein Zweipersonenstück. Das fordert, macht aber auch Spass. Heute hatten wir einige Unsicherheiten drin, gestern lief es super. Aber so soll es auch sein vor einer Premiere.

Besser, wenn es schlecht läuft?

Das ist mir lieber als umgekehrt. Wenn jetzt alles gut läuft und dafür dann die Premiere versandet. Wir sind alle etwas erschöpft. Da ist es normal, dass das Stück auch mal durchhängt.

Interessant ist, dass Sie hier eine ähnliche Rolle wie in «Wilder» spielen.

Das scheint nur so. Die Rollen sind sehr unterschiedlich. In «Wilder» spiel ich einen international tätigen Polizisten. Der hier, so stell ich es mir vor, arbeitet als Profiler und ist spezialisiert auf Attentate.

War das von langer Hand geplant, dass Sie diese beiden Rollen spielen?

Nein, überhaupt nicht. Ich wurde von Emanuela von Frankenberg vorgeschlagen, weil derjenige, der ursprünglich besetzt war, absagen musste. So bin ich hier reingerutscht. Und ich mag es. Es ist ein sehr interessantes Stück. Es geht um Vertrauen und Misstrauen und es bleibt bis zum Ende offen, was genau vor sich geht.

Was ist anders im Theater als im Film?

Es sind zwei total verschiedene Welten. Im Film musst du alles auf Kommando bringen. Im Theater bleibt Dir immer etwas Zeit, um etwas auszuprobieren.

Bevorzugen Sie eines der Medien?

Ich hab beide sehr gern. Das schöne am Theater ist, dass man die Geschichten von A nach B ausspielen kann. Und da sind die Zuschauer. Film ist einfach viel technischer. Das Schöne daran ist, dass man sich das Ganze immer wieder anschauen kann, ohne dass man altert (lacht). Im Theater besteht die Poesie darin, dass die Rolle stirbt und nur noch Erinnerung ist.

Wie viele Rollen haben Sie bis heute gespielt?

Genau weiss ich es nicht. Aber es sind sicher mehr als 300 verschiedene Stücke.

Gibt es Rollen, die Sie speziell suchen?

Ich bin immer interessiert an Sachen, die ich noch nicht kenne.

Also nicht nochmals «Wilder»?

Doch, doch, auf jeden Fall. Diese Figur kann sich noch weiterentwickeln.

Wird es eine neue Staffel geben?

Scheint’s ja. Stand jedenfalls so in der Zeitung (lacht). Es wird auf alle Fälle daran geschrieben. Vielleicht hängt es aber auch von der Billag-Abstimmung ab, ob es eine Fortsetzung gibt.

«Wilder» ist für Schweizer-Fernseh-Verhältnisse ein mutige, düstere und hoffnungslose Geschichte.

Das sehen nicht alle so.

Aber die Geschichte, die am Ende auskommt, ist doch schrecklich.

Es ist eben schiefgelaufen. Es ist eben Pech, dass der eine mit dem Fuss in der Felsspalte stecken bleibt und die Sprengung nicht mehr verhindern kann.

Dann gibt es keine Schuldigen?

Das ist schwierig. Natürlich hat die Staatsanwältin mit ihrer Geheimnistuerei viel Unheil angerichtet. Oder nehmen sie den Wilder-Bauern. Der begeht den Mord ja aus Angst, im Affekt. Es ist ja verrückt genug, dass er seine Schuld Jahre lang verheimlichen muss. Und doch gibt es Hoffnung. Zum Beispiel für seine Frau. Die hat das jetzt alles überstanden. Jetzt beginnt für sie ein neues Leben. Und auch das Dorf wird endlich diesen ganzen Ballast aus der Vergangenheit los. Endlich ist die Wahrheit draussen. Und die Seelen der Kinder können gehen.

Wenn Sie so reden, scheint Ihnen die Geschichte immer noch nah zu gehen.

Das muss sie auch. Sonst kann man so was ja gar nicht vermitteln.

Wie erholt sich Marcus Signer von einer solch intensiven Arbeit?

Ich weiss auch nicht. Vielleicht erhole ich mich gar nicht mehr (lacht). Aber ich bin gespannt, wie es weiter geht. An die alte Geschichte anzuknüpfen find ich schwierig. Wahrscheinlich gibt es eine ganz neue Story.

Sie haben für die Rolle den Schweizer Fernsehpreis erhalten.

Ja, das hat mich sehr überrascht. Ich weiss im Grunde gar nicht, wie so etwas zustande kommt.

Aber mit dem «Goalie» und dieser Rolle im «Wilder» sind sie schweizweit bekannt geworden. Arbeitet man auf so etwas hin?

Wie kommen Sie denn darauf? Auf so etwas kann man doch nicht hinarbeiten.

Aber es ist doch schon der Wunsch eines Schauspielers, solch grosse Rollen zu spielen?

Das stimmt. Da ist aber auch viel Glück dabei. Es hängt davon ab, welche Leute man kennen lernt, wer auf einen aufmerksam wird. Und es ist einfach Arbeit. Schlicht viel Arbeit.

Viele Leute hätten Angst davor, sich beruflich auf solch unsicheres Terrain zu begeben. Wie gehen Sie damit um?

Wenn ich Angst hätte, könnte ich es gar nicht machen.

Warum haben Sie keine Angst?

Ich hab manchmal schon Angst. Aber ich habe einfach nichts anderes als die Schauspielerei, um mein Brot zu verdienen. Und der Erfolg kann ja auch von heute auf morgen wieder vorbei sein.

Trotz diesen Rollen und dem Preis?

Preise haben keinen grossen Einfluss darauf. Ausser Sie gewinnen den Oscar. Aber in der Schweiz darf man sowieso nicht berühmt sein. Hier wollen die Menschen gar keine Stars. Ich mein das durchaus positiv. Cervelat-Prominenz ist das Äusserste.

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