Bildende Kunst
Im Kunsthumus der 1980er-Jahre

Mit der Quadriennale profiliert sich Düsseldorf als wichtige Kunststadt. Der prestigeträchtige Grossanlass kostet 5 Millionen Euro.

Sabine Altorfer, Düsseldorf
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Quadriennale 2010 Düsseldorf
7 Bilder
 Andreas Gursky: Ratingen, Schwimmbad, 1987.
 Katharina Fritsch: Drei Bilder in drei Farben, 1990-91.
 Katharina Grosse: Ohne Titel / Untitled, 2009.
 Joseph Beuys: The pack (das Rudel), 1969. (Foto: G. Bössert)
 Nam June Paik: «TV Buddha», 1989. (Foto: Egbert Haneke)
 Nam June Paik: «Mercury», 1991. (Foto: Sascha Dressler)

Quadriennale 2010 Düsseldorf

Zehn Museen und Kunstinstitutionen, dreissig Galerien und weitere Partner haben sich zur zweiten Quadriennale ein Programm ausgedacht, das Düsseldorfs ruhmreiche Vergangenheit beeindruckend spiegelt. Düsseldorf investiert für den prestigeträchtigen Kunstgrossanlass 5 Millionen Euro. Initiiert hat ihn vor vier Jahren der ehemalige Bürgermeister – allerdings so kurzfristig, dass damals das Motto den fertigen Programmen folgen musste.

Diesmal war es anders, sagt Beat Wismer, Generaldirektor im Museum Kunstpalast und früher Direktor am Aargauer Kunsthaus. «Die Quadriennale bot die Chance, dass sich einmal alle Direktoren der Düsseldorfer Kunsthäuser zusammensetzten, um ein gemeinsames Thema zu bestimmen.»

Mit dem Titel «kunstgegenwärtig» werden nicht aktuellste Positionen fokussiert, sondern die Nachkriegskunst, die grosse Zeit der Düsseldorfer Kunstakademie. Im Zentrum stehen – zu Recht – die Pioniere von damals: Joseph Beuys, Nam June Paik, eine Fotoausstellung um die Becher-Schule und ein Querschnitt durch die 80er-Jahre mit Absolventen der Kunstakademie.

Beuys: kunsthistorisch korrekt

Spannend ist, wie unterschiedlich die beiden Helden der Düsseldorfer Nachkriegsjahre – Joseph Beuys und Nam June Paik – präsentiert werden. Beuys (1921–1986), der Schamane, Erfinder der sozialen Plastik und Übervater des erweiterten Kunstbegriffes, wurde 1959 an der Akademie fristlos entlassen, doch sein Name ist mit Düsseldorf untrennbar verbunden.

Die Materialfülle in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 ist überwältigend. Die Ausstellung ist kunsthistorisch einwandfrei, aber sie wirkt so emotionslos wie Beuys’ berühmte «Honigpumpe», deren Schläuche und Motoren im weissen Raum als seelenloses Relikt erscheinen. Schön sind die Begegnungen mit den frühen Zeichnungen und sensiblen Kleinskulpturen. Ab und an blitzt
in der klinischen Auslegeordnung
die Sprengkraft, die Energie auf, die Beuys Werken innewohnt. Beim
«Rudel» aus filzbepackten Schlitten oder bei der raumfüllenden Installation «Stripes» aus Filzstreifen und Pigment-Häufchen wirkt das geheimnisvolle Zusammenspiel der Materialien.

Paik: sinnliches Erlebnis

Welch Gegensatz bei Nam June Paik! Die Ausstellung im Kunstpalast trumpft mit sinnlichen Erlebnissen auf. Wie kaum ein Zweiter verstand es der gebürtige Koreaner Paik (1932–2006), der in Deutschland studiert und in Düsseldorf gelehrt hatte, spielerische Tüfteleien, Bildwitz, technische Neuheiten und hintergründige Fragen nach Wahrnehmung und Darstellbarkeit in den neuen Medien zu verbinden. Buddhas meditieren vor Fernsehern mit ihrem Ebenbild, aufeinandergestapelte Fernseher bilden flimmernde Wände, Figuren sind aus Fernsehern gebaut, auf denen Bildstörungen und raffiniert verfremdete Bilder wilde Ornamente und hintersinnige Geschichten bilden. Mit schnellen Cuts, wie wir sie heute auch im Kino finden, verstörte Paik vor 30 Jahren die Betrachter.

Die Besucherin amüsiert sich vor den Filmdokumenten: Die Cellistin Charlotte Moorman lässt Paik auf einem Cello aus drei Fernsehern spielen, Beuys fordert er zum Duett heraus und mit der ganzen Clique gabs 1984 ein 24-stündiges Kunsthappening. Manchmal liess sich Paik von den Möglichkeiten der Technik auch selber bezirzen. Beim «Laser Cone» von 2001 liegt man unter der Zeltkuppel und lässt sich von den farbigen Laserornamenten in eine bunte Welt entführen – wohl bewusst, dass man hier dem High-Tech-Kitsch erliegt.

Die 80er-Jahre im Überblick

Ein weiterer Grosser der Zeit, Marcel Broodthaers, glänzt durch Abwesenheit. Kunstverein und Kunsthalle versuchen, die Wirkung des Konzeptkünstlers auf seine Nachfahren zu suchen. Doch die Schau ist zu blutleer, zu heterogen, zu unnütz.

Erhellend wirkt dagegen der künstlerische Schnitt durch die 80er-Jahre im Ständehaus K 21. «Auswertung der Flugdaten» versammelt Werke u.a. von Genzken, Fritsch, Struth, Schütte, Gerdes. Fast alles Absolventen der Akademie oder im gleichen Kunstgeist agierend. Die Werke sind ausgewählt und qualitätsvoll und zeigen auf, welcher Humus sich hier gebildet hat.

Noch enger fokussiert «Der rote Bulli» im NRW-Forum: Hier wird der Einfluss des amerikanischen Fotografen Stephen Shore auf die Düsseldorfer Fotoschule von Hilla und Bernd Becher aufgedröselt. Wüsste man allerdings nicht, dass die Becher-Schüler Gursky, Höfer, Struth und Ruff später ihre je eigenen Handschriften entwickelten, ihr Ähnlichkeit könnte erschrecken.

Nach diesem Rundgang ist die Besucherin mit dem Groove der 80er-Jahre porentief imprägniert und fragt sich: Und heute? Katharina Grosse ist aktuell Professorin an der Akademie. Sie platziert ihren farbigen abstrakten «Rochen» an der Fassade der Johanniskirche – allerdings eher verunglückt. Eindrücklich dagegen ist Björn Dahlems Beitrag im KIT (Kunst im Tunnel). Seine «Die Theorie des Himmels I – Die Milchstrasse» aus Brockenhaus-Basteleien und schneeweissen Styropor-Blöcken erinnert an die 70er-Jahre, als Briccolagen in der Kunst neu und aufregend waren. Dem 36-jährigen Absolventen der Düsseldorfer Akademie gelingt im grossen, unterirdischen Raum zwischen zwei Strassentunneln aber doch eine heutige Installation, die low und high furchtlos verbindet.

Keine Blockbuster

Düsseldorf feiert seinen Status als Nabel der Kunst. Die Quadriennale bietet aber weit mehr als eine Bauchnabelschau. 100000 Besucher konnte der Grossanlass in den ersten sechs Wochen verbuchen. 2006 waren es insgesamt 380000, die vor allem wegen des Blockbusters Caravaggio nach Düsseldorf reisten. «Das werde man kaum erreichen», sagt Beat Wismer, «aber eine Fortsetzung ist geplant.» Düsseldorf wolle sich damit gegen Köln und Berlin behaupten, so Wismer. «Interessant ist auch, dass unser Einzugsgebiet bis Belgien und Holland reicht.»

Auf möglichst viele Eintritte ist «kunstgegenwärtig» nicht angelegt, und der Name Quadriennale ist ein Zungenbrecher. Doch die geballte Ladung an Ausstellungen funktioniert als Augenöffner. An den Originalen vermittelt sie eine Basis für das Verständnis wichtiger Kunstentwicklungen. Vor allem auch, wenn man bedenkt, wie vieles aus diesen Jahren in bewussten Revivals oder gar so genannten Neuerfindungen der jüngsten Künstlergeneration (wieder) auftaucht.

Quadriennale Düsseldorf Bis 16. Januar. Paik (Kunstpalast) nur bis 21. November.
www.quadriennale-duesseldorf.de

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