War Gottfried Keller ein Schriftsteller, der sich in politische Diskussionen einbrachte? Damit wäre zu wenig gesagt. Kellers Antrieb, sich für politischen Wandel einzusetzen, wetteiferte sein Leben lang mit seinen literarischen Ambitionen. Er versteckte sich nie hinter der Rolle des Künstlers, sondern bezog immer wieder unverblümt Stellung. Keller schritt auch zur Tat, sei es als Freischärler, mit der Flinte im Arm, oder sei es als Staatsangestellter.

Mit dem Dichten begann er fast nebenbei, um sich – inspiriert vom Vormärz-Dichter Georg Herwegh – politisch äussern zu können. Sein erstes veröffentlichtes Gedicht überhaupt, «Sie kommen, die Jesuiten!», zeigt, dass Keller für die gute Sache auch propagandistische Mittel aus der untersten Schublade recht waren: «O Schweizerland, du schöne Braut, / Du wirst dem Teufel angetraut! / Ja, weine nur, du armes Kind! / Vom Gotthard weht ein schlimmer Wind – / Sie kommen, die Jesuiten!» So endet das Gedicht, das 1844 in der «Freien Schweiz» abgedruckt wurde.

Dabei war Keller kein brennender Protestant. Doch die Verknüpfung der politischen Frage mit der Konfession war die Strategie, mit der die Liberalen – auch der Zürcher Jurist und Nachwuchspolitiker Alfred Escher – letztlich die nötigen Mehrheiten für den Bundesstaat gewannen. Dieselbe derbe Rhetorik wandte Keller im linken Blatt «Der Bote von Uster» an. Er warnt in drastischen Worten vor dem «ausländischen Drachengesindel» und «Vieh» des Katholizismus, das die Einheit der Schweiz gefährde.

Die rätselhafte Wende

Die sachlichen Argumente für den liberalen Staat und die säkulare Schulbildung überliess er andern. Keller selbst schritt auch handfest zur Tat und nahm an den Freischarenzügen gegen das katholische Luzern teil. Diese Einsätze – peinlich wie sie aus militärischer wie moralischer Sicht waren – hat Keller nie unter den Tisch gekehrt. Im Gegenteil, in der Novelle «Frau Regel Amrain und ihr Jüngster», die im ersten Band von «Die Leute von Seldwyla» erschien, wird die Teilnahme des Halbwüchsigen Fritz Amrain an zwei bewaffneten Ausflügen gegen eine benachbarte Regierung erzählt. Es gehe darum, «jenen vernagelten Dummköpfen durch einen mutigen Handstreich zu zeigen, wer Meister im Lande sei». Als Fritz dann dort im Gefängnis sitzt, kommt er zur späten Einsicht: «Selbst ihre Beschränktheit oder ihre Dummheit war ihr gutes rechtliches Eigentum.»

Auch in Kellers Hauptwerk, dem «Grünen Heinrich», spielt der Erzähler die Freischärler als harmlose Idealisten herunter und legt nahe, dass ihr Scheitern gar die entscheidende Rolle im Ausbruch und der raschen Überwindung des Sonderbundskriegs gespielt habe. Auch hier bestimmt der Antikatholizismus die Metaphorik. «Dem wahrhaft freisinnigen Manne geziemt es, froh zu sein, wenn ihm das Ungehörige und Unüberlegte misslungen, und er überlässt es den Despoten und wilden Bestien, einen blinden günstigen Zufall als Gnade Gottes und die Schärfe der Klauen als Recht auszukündigen.»

Wenige Wochen nach der Gründung des Bundesstaats verliess Keller die Schweiz für eine ausgedehnte Bildungsreise inklusive nachzuholenden Universitätsstudiums. Ermöglicht wurde dies durch ein grosszügiges Stipendium der Zürcher Regierung – der auch sein Alters- und Gesinnungsgenosse Alfred Escher angehörte, der Überflieger aus der radikalliberalen Bewegung, der in der Kantons- und Bundespolitik während Jahrzehnten die Fäden ziehen und die Schweizer Wirtschaft prägen sollte.

So erstaunt es, mit welcher Vehemenz Keller sich nach seiner Rückkehr aus Deutschland auf die Zürcher Regierung einzuschiessen begann. Hatte er sich nicht auf Zürcher Staatskosten kultiviert und zum Schriftsteller gemausert? Keller biss die Hand, die ihn gefüttert hatte. Er positionierte sich bei der Opposition und schrieb gegen Escher an, mit dem er einst Ziele und Feindbilder geteilt hatte.

Anfang der 1860er-Jahre war er einer der prominentesten Kritiker des «Systems Escher», dem er vorwarf, die liberalen Grundsätze fallengelassen zu haben und nur die eigenen finanziellen Interessen und Karrierepläne zu verfolgen. In einer Polemik wetterte er gegen den Traum einer Schweiz, «die aussieht wie eine einzige ungeheure Fabrikstadt, in welche alles Geld zugeführt» werde.

Damit schlug Keller wieder klassenkämpferische Töne an. Er geisselte den Gegensatz der Arbeitsbedingungen in der Fabrik auf der einen Seite und der Luxusvillen der Fabrikbesitzer auf der anderen. Die Unternehmer – so Kellers Position – waren ein ähnliches Übel für die Schweiz wie zuvor die Katholiken. Mit Escher persönlich legte sich Keller schliesslich in einem Zeitungsbeitrag an und warf dem amtierenden Kantonsratspräsidenten vor, sogar den Schweizer Neutralitätsgedanken für wirtschaftliche Zwecke zu missbrauchen.

Wie aus dieser Situation heraus Keller plötzlich in das gut bezahlte Amt des Ersten Staatsschreibers des Kantons Zürich berufen werden konnte – darüber rätselten die Zeitgenossen und darüber rätselt die Forschung noch heute. Tatsache ist, dass Keller fast über Nacht zum Repräsentanten des «Systems» wurde, gegen das er gerade noch opponiert hatte. Natürlich hörte er sofort auf, in den Zeitungen gegen Escher anzuschreiben.

Als Keller seine Stelle nach fünfzehn Jahren kündigte, war es ihm nicht darum zu tun, sich wieder in die Polemiken zu stürzen. Der auf die 60 zugehende Mann konzentrierte sich auf die Arbeit an seinem Roman «Martin Salander». Mit dem Gesellschaftsroman wählte er ein Genre, das ihm eine literarische Form der Kritik ermöglichte. Wie Keller in einem Brief festhielt, sollte sein Roman «die Corruption des modernen Lebens darstellen und zeigen, dass auch eine republikanische Staatsform nicht davor schützt». «Martin Salander» zeigt anhand der fiktiven Stadt Münsterburg (hinter der Zürich steht) eine Gesellschaft, die von Spekulantentum, Karrierestreben und Luxus deformiert ist, und der Tugenden wie Redlichkeit und Pflichtbewusstsein abhandengekommen sind.

Kellers düstere Diagnose betrifft weniger die liberale Staatsform – die sich durchaus nach seinen Vorstellungen entwickelt hatte –, sondern die Menschen, die sich ihrer in übler Weise bedienten. Den aufrichtigen Menschen und das korrumpierte System voneinander zu trennen: Dies erlaubt zu verstehen, wie Keller in seinen letzten öffentlichen Äusserungen wieder gute Worte für Alfred Escher finden konnte. Nachdem Escher 1882 gestorben war, brachte Keller die Idee eines Denkmals zur Sprache und schrieb eine Art Spendenaufruf.

Reise durch die Gründerzeit

Escher erschien darin nun nicht mehr als Kopf des rücksichtslosen «Systems Escher», sondern als tugendhafte Gegenfolie gegen die unaufrichtige und kurzfristige Politik der nachfolgenden Politikergeneration. Als ein Jahr vor seinem Tod Eschers Denkmal eingeweiht wurde, äusserte er sich noch einmal gänzlich anerkennend. Mit seiner Würdigung stimmte Keller nicht etwa in einen Chor wohlfeiler Lobhudeleien ein. Escher war in seinen letzten Jahren aus seinen Wirtschaftsmandaten gedrängt und auch politisch ins Abseits gestellt worden.

In Kellers versöhnlichen Worten zeigt sich gewiss auch, dass Keller als politischer Kämpfer und Kommentator seinen Stil über die Jahre verfeinert hatte und den rhetorischen Zweihänder immer öfter ruhen liess. Doch vielleicht hat ihn der Rückblick auf Eschers unbeirrtes Wirken auch an seinen eigenen Furor erinnert. Von seiner ersten Veröffentlichung, dem Jesuiten-Pamphlet in Versen, hat er sich übrigens nie distanziert. Als er 1883 seine Gedichte für die «Gesammelten Gedichte» durchsah, nahm er auch «Sie kommen, die Jesuiten!» wieder auf.

So sind in Gottfried Kellers Werk vom Jesuiten-Pamphlet bis zum gesellschaftskritischen Alterswerk die politischen Anliegen eines engagierten und windungsreichen Dichter- und Bürgerlebens sedimentiert. Polemisch, humorvoll und nachdenklich laden seine Schriften zur Reise in die Schweizer Gründerzeit ein, in der so manches hart erstritten und ausgehandelt wurde, was uns heute selbstverständlich ist.

Ausstellungen über Gottfried Keller:
Landesmuseum Zürich: «Glanzlichter der Gottfried-Keller-Stiftung», bis 22. 4.
Strauhof Zürich: «Gottfried Keller – Der träumende Realist», bis 26. 5.