Lärm um ein «Neutrum»?

Die Ausstellung im Stapferhaus vermeidet wohltuend das vernebelnde Geschwätz über unser gesetzliches Zahlungsmittel.

Von Christoph Bopp, Ressort Leben & Wissen

Gedanken über «Geld». Die Anführungsstriche kommen nicht etwa davon, dass man über Geld (ohne Anführungsstriche) nicht spricht. Denken dürfte man doch. Und überhaupt: Über Geld spricht man nicht deshalb nicht, weil man sich wegen des Geldes schämt oder so, sondern weil man über viele andere Dinge, die eben mit dem Geld verbunden sind, an ihm kleben, von ihm kommen und durch es überhaupt wirklich werden, nicht sprechen will. Über den Lohn (in Geld) spricht man nicht deshalb nicht, weil er in Geld ausbezahlt wird, sondern weil eben viele Gefühle dranhängen: Wertschätzung – wie viel bin ich meinem Boss wert?; Rangordnung – wer in der Bude verdient mehr, wer weniger?; Wertschätzung (meine eigene) – was, für das Wenige, was der leistet, kriegt der so viel?; und dann sind wir schnell beim Neid und noch Schlimmerem.

Über «Geld» (mit Anführungsstrichen) wird aber in letzter Zeit oft und gerne gesprochen. Jeder glaubt, er hätte verstanden, worum es da geht. Und darum ist den Gedanken über «Geld», bevor man die Ausstellung «Geld» gesehen hat, etwas bang: Die unvermeidlichen Kauri-Muscheln; die komischen Mühlräder, die auf einigen Inseln als «Geld» fungieren sollen, aber wahrscheinlich ein Missverständnis eines Ethnologen sind; die Kerbhölzer und andere exotische Dinge, mit denen Unzivilisierte den Umgang mit «Geld» geübt haben.

Dann die Münzen der Alten, vor denen stehen wir mit gemischten Gefühlen, weil uns gesagt wird, dass das noch «echtes Geld» sei – gegenüber unserer zivilisatorischen Errungenschaft Papiergeld. Unweigerlich folgt dann das unsägliche Narrativ, dass Geld erfunden worden sei, um den Tausch zu erleichtern. Kein Ethnologe hat derlei bisher beobachtet, historisch ist der Fall unklar: Aristoteles, der sonst in Sachen «Geld» ziemlich klar sah, hat die Geschichte vernebelt, weil er sich fragte, wie man sonst den «Wert» zweier Produkte messen könnte – auch Marx ist an diesem Problem gescheitert. Er rechnete Polster in Häuser um – und schaffte das nur mit Geld.

Das Wichtige kommt hinter dem Zeichen

All das macht bange Gedanken, weil es beim reinen Zeichen verbleibt. Und dieses Zeichen ist – offenbar ist das nötig, weil es so mächtig ist – verpackt, verhüllt, verschalt und versilbert und vergoldet. Nachdenken über «Geld» muss sehr viel wegräumen, nicht zuletzt die hartnäckige Vorstellung, dass Geld «einen Wert» haben muss. Natürlich ist «Wert» ein wichtiger Begriff. Aber er bezeichnet eine Relation – und nur das.

Aristoteles (und Marx) hätten es sich einfacher machen können: 20 Polster sind ein Haus «wert», wenn jemand bereit ist, so viel zu zahlen. Punkt. Die Ausstellung im «Stapferhaus» hat alle diese bangen Gedanken obsolet (=nichts wert) gemacht. Sie spielt natürlich auch mit dem Zeichen (man kann sich in Fünfräpplern suhlen wie Dagobert Duck in seinen Talern), weil Ausstellungen sinnlich sein müssen. Sonst ist sie gedankenanregend – in hohem Masse, wenn man sich auf die Debatten der «Propheten» einlässt.

Dort überrascht, wie schnell die Rede vom «Geld» auf «Kapitalismus» und seine Verwandten «Gier», «homo oeconomicus», «Eigeninteressen», «Wachstum» etc. kommt. Ich neige auch zur Formel «Kapitalismus = Geldwirtschaft», aber darf man deshalb «Geld» einfach für neutral erklären und seine segensreichen Wirkungen verherrlichen? Natürlich ist es angenehmer, reich zu sein statt arm. Aber «Geld» ist eben nicht neutral, sondern mindestens vertrackt. Auf jeden Fall mehr als ein Tauscherleichterungsschmiermittel.

Die Ausstellungsmacher haben die richtigen Texte gelesen, die richtigen Zitate gebracht, die richtigen Autoritäten hingestellt, das Zeichen angemessen präsentiert – alles o. k. Ein Titel allerdings fehlt: «Die Herrschaft des Geldes» von Karl-Heinz Brodbeck. Der unhandliche 1000-Seiten-Wälzer ist zwar schwere Kost, aber nach der Lektüre würde niemand mehr sagen, dass «Geld» neutral sei.

Heute Türöffnung

Die Ausstellung «Geld. Jenseits von Gut und Böse» ist ab heute Samstag bis zum 29. November 2015 im Zeughaus Lenzburg zu sehen. Jeden Sonntag um 11 Uhr findet eine zirka 15-minütige öffentliche Einführung in die Ausstellung statt. Daneben bieten die Ausstellungsmacher Führungen für Gruppen und Workshops an. Jeden ersten Sonntag im Monat um 12 Uhr wird im Stapferhaus zudem über die drängenden Geldfragen unserer Zeit diskutiert (Das Wort zum Sonntag). Mehr Informationen unter: www.stapferhaus.ch

Roland Brogli schwimmt im Geld: Tele M1 mit dem Aargauer Finanzdirektor im Räppli-Bad.

 Niederknien vor dem BIP

Die neue Ausstellung im Stapferhaus regt zum Nachdenken über das persönliche Verhältnis zum Geld an. Von der Hektik der internationalen Finanzmärkte ist hingegen wenig zu spüren.

Von Peter Brühwiler, Ressort Wirtschaft

Das Geld verschwindet zunehmend in der digitalen Welt. Gigantische Summen rasen täglich rund um den Globus. An der Schweizer Börse Six Swiss Exchange etwa können Aktientransaktionen innerhalb von durchschnittlich 37 Mikrosekunden abgesetzt und abgeschlossen werden.

Geradezu meditativ präsentiert sich demgegenüber die neue Stapferhaus-Ausstellung «Geld. Jenseits von Gut und Böse». Über die «Himmelstreppe» erreicht der Besucher das «Jenseits», wo Geld statt Honig fliesst. Der Fluss treibt am Ende des Raums einen langsam und regelmässig rotierenden Globus an. Eine ausser Kontrolle geratene Finanzwelt sähe anders aus. Aber Geld: Das ist eben nicht nur die über Wall-Street-Computer flimmernde Zahlenreihe, sondern auch die Zehnernote, die das Grosskind von der Grossmutter zugesteckt bekommt.

Die 1:12-Initiative lässt grüssen

Auch wenn die aus den Fugen geratene Finanzwelt nur am Rande thematisiert wird: Ohne Moral kommt eine Ausstellung, die sich dem Geld widmet, natürlich nicht aus — der Untertitel «Jenseits von Gut und Böse» ändert daran nichts. Am besten gelingt den Ausstellungsmachern das Aufzeigen fragwürdiger Entwicklungen mit einfachen Methoden. Im als Kirchenraum gestalteten Hauptausstellungssaal zum Beispiel regen meterhohe Säulen an, über die Geldverteilung in der Schweiz und der Welt nachzudenken. Eine Säule — sie symbolisiert den Stundenlohn des Novartis-CEO von 3300 Franken — reicht bis unter das Dach. Daneben, ganz klein, verkümmert das Gehalt des Pizzakuriers von 19.50 Franken. Die 1:12-Initiative lässt grüssen.

Oder, noch eindrücklicher: Die auf eine Leinwand projizierten «Werbeinserate». Eine Niere vom Schwarzmarkt für 160 000 Franken wird da unter anderem angepriesen. Wenn der Ökonom Reiner Eichenberger gegen Ende des Rundgangs im Film «Fiat Money» sagt, «dem Geld verdanken wir alles, das wir heute haben», dann kommt auch dieses Bild wieder hoch. Oder der «BIP-Altar», ganz vorne im Kirchenraum. Eine Kirchenbank lädt dort zum Niederknien ein, während an der Wand gleichzeitig die Zahlen für die Konsumausgaben und die Menge des ausgestossenen Kohlendioxid-Gases scheinbar unaufhaltsam ansteigen.

«Langfristig gesehen sind wir alle tot»

Das Schlusswort geben die Ausstellungsmacher Rudolf Minsch. «Geld ist völlig neutral», sagt der Economiesuisse-Chefökonom im Film «Fiat Money». Die Frage sei, wie der Mensch damit umgehe. US-Forscher kamen nach Experimenten zu einem anderen Resultat. Sie beobachteten unter anderem, dass sich Menschen mit offensichtlich teureren Autos im Strassenverkehr unfairer verhielten. «Wirtschaftliche Ausbildung mit seinem Fokus auf die Maximierung von Selbstinteressen mag Menschen dazu bringen, Gier als positiv und förderlich zu sehen», spekulierten die Wissenschafter laut der «Frankfurter Rundschau». Das Fazit: Reichtum fördert die Unmoral.

Besser also, das Schlusswort dem wegen der Staatsschuldenkrisen jüngst wieder in Mode gekommenen britischen Ökonomen John Maynard Keynes zu überlassen. «In the long run, we are all dead», sagt er im Raum der «Propheten» in der Diskussion mit Aristoteles, Cicero, Thomas von Aquin, Martin Luther, Adam Smith und Milton Friedman. Geschrieben hat er den Satz im Jahr 1923 als Plädoyer für höhere staatliche Investitionen in Krisenzeiten zur Abfederung der Arbeitslosigkeit. Sein Konterpart, Milton Friedman, machte sich derweil für die Austeritätspolitik stark. Man kann Keynes Aussage aber auch ganz wörtlich nehmen. «Langfristig gesehen sind wir alle tot»: Auch wer sich eine Niere vom Schwarzmarkt für 160 000 Franken leisten kann