Kaserne Basel

Ganz real und doch Fiktion

Sie tun so, als ob sie vorsprächen. Und das tun sie auch – aber auch nicht, denn sie sind dafür engagiert. «Das Vorsprechen» in der Kaserne Basel. Judith Buss

Sie tun so, als ob sie vorsprächen. Und das tun sie auch – aber auch nicht, denn sie sind dafür engagiert. «Das Vorsprechen» in der Kaserne Basel. Judith Buss

Der Basler Regisseur Boris Nikitin lädt Schauspielabsolventen auf der Bühne zum Vorsprechen.

Nervosität, Hoffnung, Selbstzweifel, Adrenalin: Für die jungen Schauspieler geht es um alles. Hinter ihnen liegen vier Jahre Studium an einer der renommiertesten Schauspielschulen, der Otto-Falckenberg-Schule in München. Nun sitzen sie in Stuhlreihen rings um den Bühnenraum herum und warten auf ihren Einsatz. Gleich werden sie die grossen Monologe der Theaterklassiker vortragen, aus Shakespeares Hamlet oder Ibsens Nora.

Nur zehn Köpfe zählt der Jahrgang. Jeder von ihnen erhält in den kommenden zwei Stunden die Chance sich von seiner besten Seite zu zeigen. Normalerweise sollten ihnen dabei nur die Intendanten, Dramaturgen und Agenten zuschauen, die nach neuen Talenten suchen. Doch beim Intendanten-Vorsprechen im vergangenen November war alles ein bisschen anders.

Maximal intim, maximal öffentlich

Und das dank dem Basler Theatermacher Boris Nikitin. Schon seit einigen Jahren interessiert er sich für diese Situation, in der sich die Schauspieler anpreisen müssen. Steckbriefe mit Körpermassen und speziellen Fähigkeiten liegen den Entscheidungsträgern vor. Man weiss nie, nach was für einem Typ sie gerade suchen.

Diese Marktatmosphäre, die gleichzeitig «maximal intim und maximal öffentlich ist» fasziniert Nikitin. Sozusagen als Readymade brachte er das Vorsprechen auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Denn innerhalb des von Nikitin gesteckten Rahmens war alles echt: reale Kandidaten, reale Intendanten, reale Ergebnisse. Doch bei aller Realität, bei allen real existenziellen Auswirkungen auf das Leben der Schauspieler: am Ende geht es doch um Fiktion. Was sie anzubieten haben, ist die Fähigkeit zur perfekten Darstellung.

Dieses Vexierspiel zwischen Realität und Fiktion ist zentral in Nikitins Schaffen. Ursprünglich wollte er in die Szenen, die für das Vorsprechen bereits vorbereitet waren, gar nicht eingreifen. Schliesslich ergab es sich, dass er aber doch mit den Schauspielern an einigen Stellen arbeitete. «Der Medley-Charakter hat sich dadurch noch verstärkt. Statt eines zehnminütigen Monologs, habe ich die Schauspieler auch mal mit einem Lied unterbrechen lassen. Das setzt ihre Stärken besser in Szene, und ich finde dieses kurzweilige Format fürs Publikum sehr angenehm.» Mit Video-Sequenzen, in denen die Schauspieler über sich und ihre beruflichen Perspektiven erzählen, wird das Ganze zusätzlich aufgelockert.

Eine Minderheit wird engagiert

Während seines Studiums der Theaterwissenschaft an der Universität Giessen entwickelte Nikitin erste eigene Performances. 2013 und 2015 verantwortete er das Festival «It’s the real thing – Basler Dokumentartage» als künstlerischer Leiter. Mittlerweile ist er als Theatermacher gefragt und etabliert. Die Premiere von «Das Vorsprechen» in München wurde in der Süddeutschen Zeitung, auf Spiegel Online und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprochen. Entgegen der ursprünglichen Absicht Nikitins, wurde «Das Vorsprechen» ins Repertoire der Münchner Kammerspiele aufgenommen.

Allein diese Öffentlichkeit ist natürlich nicht zuletzt für die jungen Schauspieler ein Geschenk. Wobei es die Absolventen meist nicht leicht haben, wie im Verlauf von «Das Vorsprechen» selbst zur Sprache kommt: «0,4 Prozent werden Stars, 23 Prozent arbeiten mehr recht als schlecht, 23 Prozent mehr schlecht als recht, 25 dümpeln so rum und der Rest macht etwas anderes.» Schaut man heute auf die Website der Falckenberg-Schule, so hatte wohl bis jetzt nur einer das Glück ein festes Engagement zu erhalten. Laut Nikitin stehen noch zwei weitere kurz vor einem Engagement an einem wichtigen Haus. Insgesamt schätzt er, liegen die Perspektive für die Münchner Absolventen über dem Durchschnitt: «Bei dieser Klasse, die auch in Basel auftreten wird, sieht es insgesamt gar nicht so schlecht aus. Viele wurden schon zu Vorsprechen an die Häuser geladen. Ich persönlich erwarte, dass etwa 60 Prozent ein Engagement erhalten werden. Es ist ein sehr guter Jahrgang.»

Vielleicht landet der eine oder andere auch auf einer hiesigen Bühne. Denn in der Basler Vorstellung wird die erste Reihe im Publikum von Schweizer Intendanten und Dramaturgen besetzt sein.

«Das Vorsprechen» in der Kaserne Basel. Freitag 13. und Samstag 14. Februar, 20 Uhr.

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