Ganz gut, dieser Schweizer Film

Bruno Ganz sinniert mit Corinna Harfouch über das Älterwerden. Die beiden eroberten mit «Giulias Verschwinden» das Festivalpublikum von Locarno. Der erste Schweizer Preisträger heisst aber überraschend – Pascal Couchepin.

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Locarno: Giulias Verschwinden

Locarno: Giulias Verschwinden

Schweiz am Sonntag

VON CHRISTIAN JUNGEN AUS LOCARNO

Locarno ist am Wochenende jeweils eine Art Suisse Miniature, ein Ort auch, der etwas von einer Landsgemeinde hat: Alle sind da, diskutieren - die einen in der Pizzeria, die anderen an Frank A. Meyers Dîner républicain. Und am Abend sitzen alle auf der Piazza Grande, ganz demokratisch auf Plastikstühlen. Und wenn es regnet, sind alle nass. Und wenn ein Film gefällt, sind alle glücklich.

So geschehen mit «Giulias Verschwinden », den die Produktion als «Verfilmung von Martin Suters Drehbuch» anpreist. Mit gutem Grund: Es sind die messerscharf geschliffenen, manchmal bösartigen und immer lebensklugen Dialoge über das Älterwerden, die einen hier immer wieder herzhaft über Allzumenschliches lachen lassen.

Giulia (Corinna Harfouch) wird 50 Jahre alt und wird von ihren Freunden zur Geburtstagfeier im Restaurant erwartet. Doch unterwegs macht sie eine erschreckende Beobachtung: Alter macht unsichtbar, als sie an die Scheibe des Busses schaut, fehlt ihr Spiegelbild. Reflektierende Scheiben, Spiegel und Gläser (in vino veritas!) sind denn auch ein stilistisches Leitmotiv in dieser Komödie, die allen zwischen 14 und 80 einen Spiegel vorhält.

In einem Brillengeschäft an der Zürcher Bahnhofstrasse wird Giulia von einem Gentleman aus Hamburg (Bruno Ganz) angesprochen und lässt sich zu einem Cüpli überreden: «Es gibt keinen Anlass, zu dem eine so bezaubernde Frau wie sie nicht zu spät kommen dürfte.»

UND WÄHREND DIE BEIDEN flirten, kommentiert die Festgemeinde der 50-Jährigen im Restaurant im Stil eines griechischen Chors das Leben und die Sehnsucht, ewig jung und gesund zu bleiben. Man müsse sich bloss mal das Altersheim in 50 Jahren vorstellen: all die gepiercten und tätowierten Alten, frotzelt einer; Bumsen mit 50 sei wie Altersturnen, man müsse dauernd aufpassen, dass keines einen Krampf bekomme, eine andere. Die schamlos ausgesprochenen Wahrheiten über Schein und Sein verraten die geistreiche Beobachtungsgabe von Martin Suter, wie er sie in seiner Kolumne «Business Class» zum Besten gab.

In diesem Hochdeutsch gesprochenen Ensemblefilm stimmt wirklich alles: Drehbuch, Besetzung, Regie, Schnitt. Der 51-jährige Regisseur Christoph Schaub («Sternenberg», «Jeune Homme») entwickelt sich nach «Happy New Year» allmählich zum helvetischen Robert Altman: Er versteht es atmosphärisch und leichtfüssig, verschiedene Figuren und Erzählstränge zu einem episodischen Sitten- und Befindlichkeitsgemälde zu arrangieren - hier anhand von drei Geburtstagen: einem zum 18., einem zum 50. und einem zum 80. Vor 20 Jahren hatte sich Schaub in seinem ersten Spielfilm «Dreissig Jahre» mit dem Wechsel ins Erwachsenenleben beschäftigt. «Jener Film war persönlicher und stark von meinen eigenen Erfahrungen geprägt», erklärt Schaub. «Hier geht es auch um die Klischees, welche einem die Gesellschaft mit dem Alter aufzudrücken versucht.»

EIN GLANZSTÜCK IST das relaxte, vor Esprit funkelnde Spiel von Corinna Harfouch und Bruno Ganz (der wegen einer Verpflichtung in Deutschland an der Premiere fehlte): Wie dieser grossartige Kater und die stolze Katze schnurren und schmusen, ist hohe Schauspielkunst. Hier stimmt die Chemie!

«Giulias Verschwinden» ist ein Anwärter auf den Publikumspreis und wenn die Kinobetreiber nach dem offiziellen Start am 8. Oktober nicht subito die Instantwirkung eines Popcornblockbusters für Red-Bull-Kids erwarten und Zeit geben, damit die Mundpropaganda das Oliven-und-Rotwein-Publikum mobilisiert, dürfte er so gut laufen wie «Die Standesbeamtin», dem mit 75 000 Zuschauern bislang erfolgreichsten Schweizer Film des Jahres.

Für eine überraschende Premiere sorgte übrigens Festivalpräsident Marco Solari, als er Bundesrat Pascal Couchepin am Risottoessen auf dem Monte Verità in eigener Regie ehrenhalber einen Leoparden überreichte. Solch hohe künstlerische Auszeichnungen sind eigentlich Autorenfilmern oder Schauspielern vorbehalten. Solari aber wird sich damit dafür bedankt haben, dass Couchepin Locarno stets die Treue hielt und das Filmfestival immer wieder besuchte.

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