Theater

Für einmal gemeinsam daheim

Sibylle Lichtensteiger, Leiterin Stapferhaus, und Peter-Jakob Kelting, Leiter Theater Tuchlaube. Sandra Ardizzone

Sibylle Lichtensteiger, Leiterin Stapferhaus, und Peter-Jakob Kelting, Leiter Theater Tuchlaube. Sandra Ardizzone

Das Stapferhaus Lenzburg und das Theater Tuchlaube in Aarau suchen gemeinsam nach Heimat.

Es sei erstaunlich, dass sie beide oft bei den gleichen Themen landeten. Das sagen Sibylle Lichtensteiger und Peter-Jakob Kelting. Und das zeigt sich aktuell im Programm ihrer beiden Häuser: Das Stapferhaus Lenzburg präsentiert im Moment (noch) erfolgreich die Ausstellung «Heimat. Eine Grenzerfahrung», und im Aarauer Theater Tuchlaube spinnt sich «Heim» als roter Faden durch die Produktionen dieser Saison. Was liegt also näher, als zusammenarbeiten? Als gemeinsame Veranstaltung offerieren die beiden Häuser am Freitag und Sonntag nun «Heimat Kosmos», einen theatralischen Dreiteiler der Berner Gruppe Club 111.

Die Serie im Theater

In der Regie von Meret Matter werden Lebensgeschichten von rund zwanzig Figuren unterschiedlicher Herkunft, Lebensweisen und Ansprüche miteinander verwoben. Im Mittelpunkt steht eine Beraterin für binationale Paare, die geschieden, verliebt, aber desillusioniert ihren Weg sucht. Das Stück arbeitet mit Klischees, Vorurteilen und viel echtem Leben. Man habe es gewählt, sagt Kelting, «weil es inhaltlich eine gesellschaftliche Realität abbildet. Es zeigt Paare aus unterschiedlichen Kulturen mit ihren Problemen und Freuden, die sich aus ihren unterschiedlichen Heimaten ergeben. Das wird auf eine sehr spielerische, sehr komödiantische und sehr emotionale Art verhandelt.»

Das Theaterstück bildet also quasi einen verschärfenden Spiegel zu dem, was die 600 Menschen im Vorfeld der Stapferhaus-Ausstellung auf dem Riesenrad über Heimat, über ihre Probleme, Zukunftshoffnungen und Ängste erzählt haben. Das Stück hat drei einstündige Teile, funktioniert ähnlich wie eine TV- oder Filmserie. Ist das eine Tendenz auf dem Theater? Kelting winkt ab. «Serien im Theater funktionierten kaum», sagt Lichtensteiger, «keiner geht 100-mal hin. Man schaut sie zu Hause, wenn man gerade Zeit hat.» Das Prinzip der Serie könne man aber für Ausstellungen nutzen: «Wir erzählen in ‹Heimat› eigentlich eine grosse Geschichte in vielen kleinen Geschichten und Sequenzen.» Das mache eine Ausstellung zum Erlebnis.

Stapferhaus-Ausstellung «Heimat – eine Grenzerfahrung»:

Das Stichwort «Geschichten erzählen» münzt Kelting wiederum aufs Theater. Aktuell suche man auf den Bühnen «nach intelligenten Formen, wie man komplizierte Geschichten einfach erzählt». Am Stück «Heimat Kosmos» haben fünf Autoren auf Einladung des Club 111 geschrieben – im Prinzip wie bei TV-Serien. «Ein solcher Writers’ Room mit fünf Autoren ist aussergewöhnlich neu und gelungen», sagt Kelting. Ihm gefällt, dass das Stück «so direkt erzählt, volkstheatermässig».

Vorteil der Kooperation

Als die beiden kulturellen Aargauer Aushängeschilder ihre Zusammenarbeit bekannt gaben, dachte man sofort ans Kulturleitbild des Kantons, in dem mehr Kooperationen zwischen den Institutionen als eines der Hauptziele definiert ist. Auf die Frage, ob sie damit brav das Kulturleitbild umsetzten, ernteten wir bei Lichtensteiger und Kelting Stirnrunzeln wie ein Lächeln. «Unsere Aktivitäten sind generell auf Kooperation ausgerichtet – das hat nichts mit braver Erfüllung des Kulturleitbildes zu tun», sagt Kelting. «Wenn ich Theater veranstalte, schaue ich, wo in der Gesellschaft liegen Themen, wo ergeben sich Synergien, wo und bei wem passiert Interessantes, wo stellt man sich die gleichen Fragen, die man aus unterschiedlicher Perspektive anpackt.» Und Lichtensteiger doppelt nach: «Kooperation gehört auch zur Arbeitsweise des Stapferhauses: Wir recherchieren und setzen Themen, aber zur Umsetzung suchen wir Szenographen, Fachleute, arbeiten mit Universitäten und bei den Veranstaltungen auch mit anderen Institutionen.» Der Nutzen jetzt, bei der Zusammenarbeit mit der Tuchlaube, sei ganz praktisch: «Sollen wir mit grossem Aufwand einen Theaterraum einrichten, wenn es das bereits besser gibt?»

Der Inhalt, das Thema Heim/Heimat, hat die beiden also zusammengeführt. Aber trotzdem die Frage, die im Kulturbetrieb immer gestellt wird: Gibt es mehr Geld, wenn zwei etwas gemeinsam machen? Die Antwort ist wieder ein Lachen und ein «Nein». Entscheidend sei, sagt Kelting, ob die Zusammenarbeit einen Mehrwert ergebe. «Wird der Horizont geöffnet?» Ein weiterer Vorteil: «Man kann ein doppeltes, aber unterschiedliches Publikum ansprechen.» Kelting gibt ein Beispiel: «Vielleicht hat jemand in der Ausstellung ein tolles Erlebnis gehabt und vertieft es gerne an einem anderen Ort.» Aber auch für die Verantwortlichen sind Gespräche über die Häuser- und Stadtgrenzen hinaus wertvoll. «Wir profitieren gegenseitig von der Denkarbeit des anderen – und sind nicht direkte Konkurrenz», sagt Lichtensteiger. Für die Ausstellung hat das Stapferhaus beispielsweise eine der Figuren aus dem Stück «Heimaterde» übernommen, das in der Tuchlaube gespielt wurde: Die Amerikanerin, die so lustig über die Kochrezepte ihrer Schweizer Grossmutter erzählt.

Neue Heimaten

Das Stapferhaus wie das Theater Tuchlaube bekommen in Zukunft eine neue Homebase. Der Neubau des Stapferhauses beim Bahnhof Lenzburg ist im Rohbau fertig, in Aarau hat am Montag der Einwohnerrat klar Ja gesagt zum Kredit für die Alte Reithalle, die zum Theater- und Musikhaus werden soll. Und wieder sind sich Kelting und Lichtensteiger einig, was ihre neuen Häuser nicht werden sollen: «Kulturtempel». Sie wollen Häuser, «wo Gegenwart verhandelt wird» (Lichtensteiger), «einen Begegnungsort, wo erlebbar wird, was Kultur, was Theater sein kann. In dem Konzept haben klassische Inszenierungen oder Tanztheater genauso ihren Platz wie populäre Formen bis hin zu modernem Zirkus» (Kelting).

Nach dem Gespräch, schon draussen an der Kälte, kommt noch die Frage nach den zukünftigen Inhalten auf. «Wir sind am Thema ‹fake. Über Lüge und Wahrheit›», sagt Sibylle Lichtensteiger. «Ist nicht wahr!», staunt Peter-Jakob Kelting. Wir planen für die kommende Saison einen Zyklus unter dem Motto «?Alles Lüge!». Die nächste Kooperation bietet sich an.

Heimat Kosmos Theater von Club 111 Bern. Theater Tuchlaube, Aarau. Fr, 2. März, 19 Uhr und So, 4. März, 17 Uhr.

Ausstellung «Heimat» Altes Zeughaus Lenzburg, bis 25. März.

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