Literatur
Früher schrieb Urs Widmer bis zu 17 Stunden am Stück an seinen Texten

Am Montag feiert der Fabulierkünstler Urs Widmer seinen 75. Geburtstag – ein Besuch in seiner Schreibstube mitten in Zürich, wo der Poet sein Fantasie-Reich eingerichtet hat.

Babina Cathomen
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Der Schweizer Autor Urs Widmer in seiner Schreibstube in Zürich.

Der Schweizer Autor Urs Widmer in seiner Schreibstube in Zürich.

Annika Bütschi

Hinter einem Bambusdschungel verbirgt sich Urs Widmers Schreibdomizil. In einem Gartenhäuschen in einer stillen, grünen Oase mitten in Zürich hat sich der Poet sein Fantasie-Reich eingerichtet. Hier entstehen seit Jahren seine Sprachkreationen und seine vor Fabulierlust übersprudelnden Werke.

Bei einer Kanne Tee in seiner Schreibstube macht sich der Dichter Gedanken zur Fantasie, die bei ihm unerschöpflich scheint: «Ich ticke fantasiemässig anders als die meisten. Wenn sie mich überschwemmt, kann sie aber auch schwarz und schmerzhaft sein. Eigentlich bin ich ja ein Fan der Vernunft und versuche die Fantasie so zu bändigen, dass sie der Vernunft gleicht.»

Heiterkeit und Melancholie wechseln sich bei Urs Widmer nicht nur im Gespräch ab. Was in seinen Texten harmlos-idyllisch beginnt, kann innert Sekunden kippen – Schönes und Schreckliches stehen nahe beieinander. Diese «kleinen Schmerzschläge», wie er die Wechsel nennt, seien die eigentliche Botschaft seiner Texte. «Der emotionale Sound ist wichtig. Wer meine Werke auf Fakten hin liest, gerät bald durcheinander.»

Oft wähnt man sich in seinen Büchern in einem Traum, in dem Zeit, Raum und manchmal auch sprachliche Parameter aufgehoben sind. Wie etwa in der Erzählung «Der blaue Siphon», einem seiner berühmtesten Werke, in der sich der Erzähler nach einem Kinobesuch plötzlich im Garten seiner Kindheit wiederfindet.

Die eigene Vergangenheit hat der Roman-, Essay- und Hörspielautor, der 18 Jahre in Deutschland gelebt hat, oft in seinem Werk verarbeitet: Seine Kindheit während Kriegszeiten in Basel an der Grenze zu Deutschland oder die Beziehung zu seinen Eltern fanden etwa Eingang in die Romane «Der Geliebte der Mutter» und «Das Buch des Vaters». «So fantasievoll ich wirke, vieles in meinen Büchern ist autobiografisches Material, das mich geprägt hat», sagt er.

«Ein Schriftsteller sollte seine Literatur aber nicht als Therapie verwenden – dies habe ich in Form einer Psychoanalyse gemacht. In meine Bücher nehme ich nur die Kernelemente, was der Leichtigkeit meiner Literatur geholfen hat. Verkrampfte Abrechnungen gibt es darin nicht.»

Auch in seiner Autobiografie «Reise an den Rand des Universums», die im Herbst erscheint, hat er sich diese Leichtigkeit beibehalten. Allerdings habe er sich für einmal am Zügel genommen, sagt Urs Widmer lachend. «Ich habe mir das Erfinden verboten und versucht, bei einer nüchternen Sprache zu bleiben.» Der Sprachkünstler wirkt gelöst: Entspannt sitzt er in seinem Korbsessel, nippt an der Teetasse und beantwortet selbst Fragen zum Alter, die er im ganzen Medienrummel rund um seinen Geburtstag oft zu hören bekommt, gut gelaunt.

«Das Alter kann tatsächlich ein Massaker sein, hat aber auch ein paar Vorteile: Man hat einen weiteren Blick, mehr Erfahrung und damit eine grössere Gelassenheit.» Er sei ein glücklicher Mensch, die Melancholie bestimme ihn im Alter weniger. «Als ich jung war, habe ich unter heftigen Angstanfällen gelitten, das hat mich nun fast verlassen», sagt er nachdenklich. Glücksgefühle beschert ihm nicht zuletzt das Schreiben, auch wenn er dieses heute nicht mehr wie früher exzessive 17 Stunden am Stück betreibt. Das Schreiben bezeichnet er als «Glücksmaschine», «einem Triumph gleich».

Bissige Theatertexte

Während er sich in seinen Prosawerken subtil gesellschaftskritisch äussert, kann der Schriftsteller in seinen Theatertexten durchaus bissige Töne anschlagen. Seine Sozialsatire «Top Dogs» ist das erfolgreichste Beispiel dafür. Darin hat er bereits 1996 Missstände in der Finanzwelt angeprangert. Die Ökonomie war auch in späteren Theaterarbeiten ein Thema – kürzlich hat er in seinem Stück «Das Ende vom Geld» eine Managergruppe dem Untergang geweiht. «Im Theater bin ich ein anderer und deutlich aggressiver», sagt Widmer.

«Die Themen im Theater haben häufig mit Machtfragen zu tun, daraus entsteht eine unvermeidliche Polemik.» Am deutlichsten wird dies vielleicht bei seinem Stück «Jeanmaire – ein Stück Schweiz» (1992) rund um den Schweizer Spionageskandal, bei dem die Emotionen hoch gingen. «Ich bin kein Provokateur, aber ich sage gerne, was ich meine. Der Fall Jeanmaire war eine Löwenjagd auf moderne Art», erinnert sich Widmer.

So dezidiert kritisch er sich zu Schweizer Politik und Wirtschaft äussert, in der Schweizer Literatur ortet er einen Aufschwung. Im Zug der Moderne sei die Leichtigkeit bei allen grösser geworden. «Das Über-Ich, das einem vorgibt, wie man schreiben muss, wurde abgebaut, man lässt sich durch den Kanon keine Vorschriften mehr machen.» Und zu dieser neuen Luftigkeit hat der Schriftsteller, der sich in der Tradition von Gottfried Keller und Robert Walser verwurzelt sieht, bestimmt einen beträchtlichen Teil beigetragen.

Hörspiel von Urs Widmer «Vom Fenster meines Hauses aus»: Freitag, 24. Mai,
20 Uhr auf Radio SRF 1.

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