Wort & Musik
Fitzgerald & Rimini auf einer surealen Reise quer durch Europa

Sie malen den Bilderbogen eines Europas im Schwebezustand. Am Freitag stellt das Berner Duo Fitzgerald & Rimini ihre kunstvollen Klangminiaturen im Gare du Nord vor.

Anne-Sophie Scholl
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Ariane von Graffenried alias Fitzgerald und Robert Aeberhard alias Rimini.

Ariane von Graffenried alias Fitzgerald und Robert Aeberhard alias Rimini.

Michael von Graffenried

Stuck bröckelt auf die barocken Stühle, voller «Ennui» schleckt die Katze an den Socken des Königs. Canaletto, der gefeierte venezianische Vedutenmaler, präsentiert dem polnischen Herrscher seine neuste Leinwand mit einem Abbild von Warschau und wartet auf Beifall. Doch der König sagt nichts. Abrupt setzt sich die Szenerie auf der Leinwand in Bewegung: Das alte Warschau versinkt und Stalins Kulturpalast drängt ins Bild. Ein Lichtwechsel folgt und Menschen, die Burger essen und extremistische Zeichen auf der Haut tragen, treten in den Vordergrund. Menschen, wie sie Canaletto nie wichtig waren, und der Vedutenmaler fragt sich: «Was isch ächt? / Was isch Tüüschig / u was schlächt? (...) Was isch Gschicht? / U was Gedicht?».

Das könnte auch fragen, wer sich die kunstvollen Klangminiaturen von Fitzgerald & Rimini anhört. Wie Canalettos Leinwand spiegeln die Stücke des aktuellen Programms «Grand Tour» bald realistische, bald ins Surreale abhebende Stadtansichten von den Rändern des heutigen Europas.

Wortpoetin und Klangkünstler

Von Istanbul nach Langanes, von Brüssel bis Santiago de Compostela, Berlin Teufelsberg oder eben Warschau waren die Wortpoetin Ariane von Graffenried alias Elsa Fitzgerald und der Klangkünstler Robert Aeberhard alias Ribi Rimini unterwegs. Mit Geschichten aus dem Gestern und Heute, mit rohen Wortbruchstücken aus Wirklichkeit und Mythologie kamen die 36-jährigen Berner zurück. Und mit Geräuschen im Koffer, sogenannten «field recordings»: dem Ton abblätternder Farbe etwa, dem von Abfalleimern im Wind, dem Knattern von Helikoptern oder dem Knurren des Magens nach einer Portion Austern.

Rätselhafte, zu fantastischer Poesie veredelte Kleinstkunstwerke sind daraus entstanden, irgendwo angesiedelt zwischen Spoken Word, Hörspiel und Song. Anders als Canaletto zeigen Fitzgerald & Rimini den Menschen im Grossformat. Da ist etwa die Brit-Rock-Ballade von Milly, der «ungekrönten Queen» der Hooliganszene im Londoner Working-Class-Viertel Bermondsey. Oder die Made Maude, die sich in der Wade einer osteuropäischen Oligarchin in Monaco mit einem slawischen Körpersaftcocktail vollsaugt.

Wohin ist dieses Europa unterwegs? Auch die Eurokraten in Brüssel reden aneinander vorbei. Und als der Vulkan Eyjafjallajökull Feuer spuckt, kommt Europa zum Stillstand. Bei Fitzgerald & Rimini unterlaufen synkopisch treibende Bässe die hektischen Durchsagen der annullierten Flüge. Es klingt nach Sonne, Abenteuer und Aufbruch. Müde und erschöpft kehren Fitzgerald & Rimini zurück von ihrem Trip durch ein Europa, dessen Vergangenheit langsam vergessen geht, während die Zukunft noch nicht erkennbar ist.

«Grand Tour» Fitzgerald & Rimini, Freitag, 27. Mai, 20 Uhr, Gare du Nord.

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