Christian Kracht
Er tut es wieder

Christian Krachts Protagonisten verfallen braunem Gedankengut. Das Buch ist trotzdem ein Meisterwerk.

Anna Kardos
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Schweigt konsequent zu seinen Romanen: Autor Christian Kracht.

Schweigt konsequent zu seinen Romanen: Autor Christian Kracht.

Frauke Finsterwalder

Als Marketinggag wärs ein Wurf: Man nehme eine Prise explosiv braunes Gedankengut, mische es mit der Hauptfigur eines Romans (immer schön in Ich-Form), quirle das ganze schaumig durch geheimnisvolles Schweigen darüber, wie das Ganze gemeint sei. Und schon hat man das grosse Echo. Vielleicht sogar einen medialen Krach.

So geschehen beim letzten Buch eines ziemlich virtuosen Krachmachers namens Christian Kracht. Sein Buch hiess übrigens «Imperium» (die ersten Alarmglocken läuten bereits an dieser Stelle) und erzählte die Wandlung eines Idealisten zum Rassisten, eines Vegetariers zum Arier. Der Effekt liess nicht lange auf sich warten: Die Zeitungen liefen heiss, die Besprechungen explodierten im Verhältnis zum Vorgängerroman aufs Fünffache – dabei war der Autor mit Schweizer Wurzeln und deutscher Attitüde bereits vorher ein Lieblingskind der Literaturszene gewesen.

Doch der Rummel hat Christian Kracht eine Achillessehne beschert (Sie erinnern sich an die verletzliche Körperstelle des gleichnamigen antiken Superhelden). Was immer der Autor schreibt, wird seither von Presse und Publikum an einen Antisemitismus-Detektor angeschlossen.

Holdes, trunkenes Deutschland

Und der Detektor schlägt auch im neuen Roman «Die Toten» gewaltig aus. Denn weder meidet der Autor die verfängliche Epoche noch das vorbelastete Thema. Vom «holden, trunkenen Deutschland» ist da ebenso zu lesen wie von der «sukzessiven Heranzüchtung eines Mannes, der sich (...) ausserordentlich nützlich zeigen werde» und das Eingangskapitel liest sich wie ein Stundenbuch für sadistisch Veranlagte. Oops, he did it again, möchte man über den einst als Pop-Autor bezeichneten Kracht kalauern, zumal die Handlung des neuen Romans erst noch halb in Deutschland, halb in Japan angesiedelt ist und somit nicht gerade in den neutralsten Zonen der damaligen Weltpolitik.

Dass in diesen Zeiten und Zonen schlechterdings alles, Handlungen, Aussagen, Gedanken der Figuren, gesättigt ist mit antisemitischem Gedankengut, dass es in der Atmosphäre hängt, ist gleichsam in der Sache begründet. Dass Autor Christian Kracht seine Romansprache, auch seine Protagonisten nicht gegen die irisierende Ideologie, das Durch-sämtliche-Ritzen-Sickern nationalen Gedankenguts bekenntnishaft abgrenzt, schafft allerdings beim Lesen ein grandioses Unbehagen.

Spitze Finger, dann Begeisterung

Doch die spitzen Finger, mit denen man den Roman zunächst in der Hand hält, lockern sich unmerklich – und vielleicht etwas unwillentlich. Denn, was soll man sagen? Das Buch ist ein kleines Meisterwerk (vom Ausdruck «genial» ist in diesem Kontext abzuraten). Elegant der Stil; subtil durchkomponiert die Form. Es geht darin um die Welt des Films in den 1930er-Jahren. Und keineswegs zufällig mit diesem Medium der Massen komprimiert Christian Kracht die grosse Welt in einer kleinen Linse. Da erstaunt es nicht, dass ein strammer Filmtycoon «den Erdball überziehen will mit deutschen Filmen, kolonialisieren mit Zelluloid» oder dass ein japanischer Filmemacher bemerkt, «wie eng verwandt Kamera und Maschinengewehr» sind.

Und die Handlung? Sie entrollt das Leben zweier Männer parallel. Der eine Schweizer, als Filmer grossartig, als Mensch kleinmütig. Der andere Japaner, als Mensch «grauslich begabt» und als Filmer – ebenso. Als Scharnier zwischen beiden und gemeinsames Objekt der Begierde führt der Autor Ida ins Feld, Typ «nordische Frau», mit «zierlichen Zehen» und «flotter Fliegeruniform». So weit die Anlage. Doch erst was Kracht aus dieser entstehen lässt, macht aus seinem Roman ein grossartiges Buch. Die Figuren bringt er auf vielfachen Ebenen miteinander in Berührung; der Echoraum seiner geschliffenen Sätze ist immens, und genauso reichhaltig ist auch der Hintergrund, aus dem er zierliche Scheiben abschneidet, um sie den Lesern darzureichen. Doch nicht zuletzt wie raffiniert Christian Kracht die Weltgeschichte mit seiner fiktiven Geschichte verknüpft und die fiktive Geschichte wiederum mit der Geschichte in der Geschichte, das – und noch mehr – macht «Die Toten» zu einem grossartigen Leseerlebnis.

Christian Kracht «Die Toten», Kiepenheuer und Witsch, 2011 Seiten

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