Literatur

Eine Reise ins vermeintliche Paradies – doch dann geht alles schief

Kontraste zwischen Reich und Arm werden uns beim Reisen immer wieder vergegenwärtigt.

Kontraste zwischen Reich und Arm werden uns beim Reisen immer wieder vergegenwärtigt.

Ludwig Fels hat einen so schmerzhaften wie magisch schönen Roman geschrieben über unser Bereisen einer Welt mit ihren Schrecken.

Helen und Olav haben es dorthin geschafft, wohin sich viele träumen. Eine Insel mit blauem Meer und weiten Stränden, auf der sie – dank einer unerwarteten Erbschaft – ein Haus kaufen können.

«Wir sind hier richtig», sagt Olav. Fast so oft, wie er Helen sagt, dass er sie liebt. Was also kann ihnen passieren?

Alles.

Die schöne Insel als Fassade

Eines abends werden sie von einer Prostituierten ­attackiert, die Helen mit dem Stöckelschuh ins Auge schlägt. Kliniken auf der Insel und erst recht auf dem Festland sind belagert von verletzten und zerschossenen Menschen. Wie sich bald erweist, ist die Insel eine künstliche, mit Mühe für Touristen von den politischen Schrecken des Landes freigehaltene Blase.

«Wenig später gingen sie am Rand der Schottertrasse zur Küstenstrasse und fühlten sich, als wären sie über Abgründe von Schweigen gesprungen, jubelnd, mindestens», schreibt Fels.

Weiter steht im Buch: «Die Schwerverletzten waren auf Decken und Tücher gebettet, manche sangen, weinten, mit verschmierten Gesichtern, andere schlugen mit Fäusten auf den Boden.»

Im leeren Pool ihres Hauses spielen Strassenkinder, die ein Äffchen an einer Kette aus Stacheldraht mitschleifen. Radikal verwahrlost, unempfindlich gegen Schmerz und Ablehnung, scheinen diese Kinder aus nichts als aus Überlebensmechanismen zu bestehen.

Es ist ein schneller und schockierender Weg von «alles ist gut» bis zur Katastrophe.

Ein schönes Leben führen in einem bitterarmen Land

Als Olav sieht, dass Helens Platz auf der Matratze leer ist, kann er sie zwar am Flughafen noch abpassen, aber weder kehrt er mit ihr nach Europa zurück noch Helen mit ihm ins Haus. «Hinausgetreten in eine neue Wahrheit, die ihre Grausamkeit immer weniger vor ihnen verbarg», stehen sie schneller als man begreifen kann, in einem Raum, der auch zwei tief verbundene Menschen einsam auf sich selbst zurückwirft.

Während Helen zur Abreise imstande ist, scheint Olav betäubt, und vom Leid seiner Vergangenheit – dem Verlust einer Tochter, den Jahren im Gefängnis – in einer unabwendbaren Weise eingeholt. Andere retten war möglich: Ins Gefängnis hatte er gemusst, weil er Helens gewalttätigem Ex-Mann die Knochen gebrochen hatte. So hatte er sie kennen gelernt. Aber sich selbst retten scheint viel schwerer.

Was er seinem Helden nicht erspart, erspart der Franke und Wahlwiener Ludwig Fels auch seinen Lesern nicht; gern würde man als schaurige Dystopie lesen, was aber in Wahrheit der Realität in bitterarmen, von Krieg, Diktatur und Militär heimgesuchten Ländern recht nahe kommen dürfte. «Wir wollen doch nur leben», sagt Helen einmal, und dieser so harmlos klingende Satz klingt im Kontext dieser Geschichte nur anmassend.

Dass ein so schmerzhaftes Buch aber zugleich ein so schönes Buch sein kann; ein Raum, den man den erzählten Schrecken zum Trotz dennoch fasziniert betritt, ist der unerbittlich genauen, in ihrer Eigenwilligkeit und gedanklichen Schärfe magisch schönen Sprache zu verdanken, in die Ludwig Fels sein Erzählen fasst. Es ist ein veränderndes Erzählen; eines, das den Blick auf die Welt, die wir meist so hemmungslos bereisen und für unsere ureigenen Interessen beanspruchen, schärft und zurechtrückt.

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