Oper
Eine Oper für einen Athleten der Seele

Der belgische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui inszeniert die Gandhi-Oper «Satyagraha» von Philip Glass am Theater Basel.

Anja Wernicke
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Ab Freitag 28.April läuft im Theater Basel «Satyagraha» eine Oper von Philip Glass.

Ab Freitag 28.April läuft im Theater Basel «Satyagraha» eine Oper von Philip Glass.

Roland Schmid

Mahatma Gandhi ist vor allem für seine Verdienste im Kampf um die indische Unabhängigkeit bekannt. Es war ein gewaltloser Kampf und doch kein Kampf ohne Waffen. Gandhis höchst wirkungsvolle und hoffentlich unzerstörbare Waffe nannte er «Satyagraha», die Kraft der Wahrheit. Wie und wo diese Waffe geschmiedet wurde, davon erzählt die gleichnamige Oper von Philip Glass, die am Theater Basel als Schweizer Erstaufführung Premiere hat.

Bevor Gandhi den fast 30 Jahre dauernden Kampf gegen die Kolonialherrscher begann, der 1947 durch die Gründung der beiden Staaten Indien und Pakistan besiegelt wurde, verbrachte er überaus prägende Jahre in Südafrika. Hier erzielte der junge Jurist, der in London studiert hatte erstmals Erfolge. Noch prägender war für ihn allerdings die Erfahrung von Ungerechtigkeit, die ihm direkt bei seiner ersten Ankunft im Land 1893 begegnete.

Obwohl er eine Fahrkarte für die erste Klasse erworben hatte, wurde er vom Schaffner in die dritte Klasse verwiesen, die den Farbigen zugewiesen war. Ghandi protestierte — allerdings nicht generell gegen die Rassentrennung, sondern weil er nicht auf eine Stufe mit den Afrikanern gestellt werden wollte. Er wurde aus dem Zug geschmissen. Fortan kämpfte er gegen die Diskriminierung der 60 000 Inder, die damals in Südafrika lebten.

Jenseits von Vergnügen

So spannend sich Gandhis Lebensweg ausnimmt, Philip Glass geht es in seiner Oper keineswegs um eine Nacherzählung. Eher tableaux-artig tauchen Szenen mit Figuren aus Ghandis Leben auf, darunter seine Ehefrau Kasturba und die beiden Weggefährten Sonja Schlesin und Herman Kallenbach.

Sie alle geben Original-Texte auf Sanskrit aus der Bhagavad Gita wieder, die von Glass und seiner Librettistin Conastance DeJong zusammengestellt wurden. Ghandi hatte diese zentrale Schrift des Hinduismus genau studiert und aus ihr seine Handlungsmaximen abgeleitet. Wer etwas über Gandhi lernen möchte, sollte neben seiner Biografie auch diese Texte studieren, die zu seinem geistigen Nährboden wurden. Sie fordern auf, jenseits der Unterscheidungen zwischen Freund und Feind, Freude und Hass einen Gleichmut aufzubauen, der sich keineswegs in Passivität, sondern im Handeln manifestiert.

Gandhi war zweifellos ein solcher «Athlet der Seele, dessen Grund bewegungslos bleibt». Seine Willensstärke gewann er aus dem konsequenten Verinnerlichen solcher Passagen wie: «Ein Mann, der das Begehren von seinen Taten ganz verbannt, beginnt seine Arbeit zufrieden, abhängig von keinem. Zufrieden nimmt er an, was das Schicksal bringt, überwindet alle Gegensätzlichkeiten.»

Die Philosophie dieser fein balancierten Mitte ohne übermässige Ausschläge in diese oder jene Richtung, spiegelt sich in der Musik von Philip Glass wider. Der musikalische Leiter Jonathan Stockhammer vergleicht sie mit yogischer Essweise, bei der alle stimulierenden Zutaten wie Zwiebeln, Knoblauch, Fleisch, Alkohol und Kaffee vermieden würden. Glass, dessen Stil der Minimal Music zugerechnet wird, verwendet nur einfachste Akkorde, die sich permanent wiederholen und rhythmisch gegeneinander verschoben werden.

Die zunächst harmlos wirkende Musik entwickelt einen hypnotischen Sog und vermittelt den Eindruck von bewegter Unbeweglichkeit. Der Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui beschreibt sie als Perpetuum mobile oder als Spirale, die in ihrem permanenten Kreisen alles anzieht.

Der 41-Jährige, der mit einem muslimischen Vater und einer katholischen Mutter in Belgien aufwuchs, war in seiner Jugend mit Problemen von Identität und Zugehörigkeit konfrontiert. Er ist dafür bekannt, unterschiedliche Tanzstile zu verschmelzen.

Das verbindet ihn mit Glass, der zwar zunächst klassische Musik studiert hatte, dann aber Unterricht beim Sitar-Virtuosen Ravi Shankar nahm. «Satyagraha» verspricht ein umfassendes akustisches, visuelles und geistiges Erlebnis zu werden, das von Cherkaoui als ein «kontemplativer, kosmischer Tanz voll Melancholie» interpretiert wird.

Satyagraha Philip Glass, Sidi Larbi Cherkaoui. Premiere, heute Freitag, 28. April, 19.30 Uhr. Theater Basel.

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