Rainer W. Walter

Stolz liessen die gnädigen Herren Solothurns mit goldenen Buchstaben ans Zifferblatt des alten Zeitglockenturms den lateinischen Vers schreiben «In Celtis nihil est Saloduro antiquius unis/exceptis Treveris, quarum ego dicta soror». Dieser Vers von Heinrich Loriti (1488-1536), den man seines Geburtsortes wegen Glareanus nannte, wurde gerne wie folgt übersetzt: «Nichts in celtischen Landen ist älter als Solothurn, ausser / Trier der Stadt nur allein, welcher ich Schwester genannt.»

Glareanus war ein gelehrter Mann, Historiker und Dichter und zudem Professor in Köln, Basel und Freiburg. Der erwähnte Ausspruch am Zeitglockenturm wurde von Franziscus Haffner (1609-1671), dem berühmten Chronisten Solothurns, als erwiesene Wahrheit übernommen, und niemand hätte zu seiner Zeit gewagt, ihm zu widersprechen. Im Gegenteil. Alle Halbgelehrten und Gelehrten der Zeit übernahmen Haffners Meinung als bewiesene Wahrheit.

Amiet, der versuchte, die Erzählung dem Reich der schönen Sagen zuzuordnen, meinte zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Aussage: «Sie zeigen, wie unsere heimathstolzen ruhmsüchtigen Vorfahren mit fast komischer Pietät an den alten, im Volksmund lebenden Sagen über den Ursprung ihrer Vaterstadt hingen.»

Hohes Alter ist wie ein Adelsbrief

Niemand in Solothurn hatte Lust, sich mit der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung und ihrer Regierung anzulegen und gegen die Sage und damit gegen die hochgeschätzte Tradition auszusagen. Das hohe Alter einer Stadt war ein unschätzbarer Standortvorteil, eine Art Adelsbrief gar. So verwundert es nicht, dass auf Solothurner Denkmünzen des 16. Jahrhunderts die Umschrift eingeprägt wurde;

«Salo sub Abrahamo conditum» (Solothurn unter Abraham erbaut). In diesem Zusammenhang ist das Bild des 1792 verstorbenen Solothurner Malers Franz Michael Schwaller zu erwähnen. Der Maler zeigte das Bild der Stadt, vor deren Toren Gott Vater Adam und Eva erschuf, während die Bürgerinnen und Bürger Solothurns dem göttlichen Tun von den Ringmauern herunter interessiert zuschauten. Amiet nimmt an, der Künstler Schwaller habe das Bild gemalt, um «das Lächerliche» des kollektiven Strebens nach möglichst hohem Alter Solothurns herauszuarbeiten. Mag sein. Anderseits wurde diese durchaus poetische Geschichte immer wieder erzählt, und es ist deshalb nicht auszuschliessen, dass Schwaller für Solothurn einen so starken «Alters-Beweis» schaffen wollte, der unmöglich von einer andern Stadt übertroffen werden konnte.

Ebenbürtige Schwestern

Über eine fantastische Entstehungsgeschichte verfügt auch die alte Stadt Trier. Am Rathaus ist hier der Spruch angebracht «Ante Romam Treveris stetit annis mille trecentis» (Trier vor Rom bereits stand dreizehnhundert der Jahre). Einen Bezug zu Solothurn findet man seit Haffners Zeiten auf einer Tafel an der Trierer Paulinskirche. Hier ist zu lesen: «Der Stadt Trier und Salodor/thuns wenig Stätt an Alter vor».

Offensichtlich beruhte die «Altersprahlerei», wie Amiet dieses Wetteifern nannte, in den beiden Städten auf Gegenseitigkeit. Gleichzeitig bestätigten die Inschriften, dass sich Solothurn und Trier als ebenbürtig empfanden. Später trat dann auch Zürich diesem «Schwesternbunde» bei, wurde aber lediglich als die jüngere Schwester anerkannt. Jakob Amiet beschäftigte sich eingehend mit den Ursprüngen dieser Liga der Schwesterstädte. Dabei kam er zum Schluss, dass die Legende, wonach sowohl in Solothurn als auch in Trier und Zürich Mitglieder der Thebäischen Legion den Märtyrertod erlitten hatten, eine weitere Grundlage für die gemeinsame Geschichte des «Schwesternbundes» gewesen ist.

In der christlichen Legende

Jakob Amiet schliesst seine Ausführungen mit der Feststellung, dass die Geschichte von der Schwesternschaft der drei Städte nicht allein in den weltlichen Sagen und Schilderungen bestand hatte. «Sie blühte noch weit herrlicher in der christlichen Legende. Die Blutzeugen der thebäischen Legion Ursus, Victor und Verena in Solothurn, Felix, Regula und Exuperantius in Zürich, Thyrsus, Palmatus und ihre Gefährten in Trier, sind ebenfalls Berührungspunkte, welche die frommen Gemüther dieser Städte vereinigten und die von Dichtern besungene Schwesterschaft neu bekräftigten.»