«Jeder Mensch ist ein Künstler.» Mit diesem Satz hat Joseph Beuys vor 50 Jahren seinen Kunstbegriff beworben. Der niederrheinische Kunstschamane meinte damit nicht, dass jeder Bilder malen oder Skulpturen modellieren soll. Seine Theorie der «Sozialen Plastik» proklamierte, jeder Mensch könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch plastizierend auf die Gesellschaft einwirken. Wirkliche Kunst ist nicht das, was an der Wand hängt, sondern die Gesellschaft selbst ist ein Gesamtkunstwerk.

Der Messeplatz in Basel wird während dieser Woche zum Ort einer Art Sozialen Plastik. Kuratiert wird das Happening von Creative Time. Das New Yorker Büro betreut und kreiert seit 1974 Interventionen im öffentlichen Raum, wie beispielsweise «Tribute in Light», eine gigantische Lichtinstallation auf Ground Zero im Jahr 2002.

Auditorien und ein Kiesberg

«Basilea» ist der simple Titel des Projekts. Es soll die Bewohner Basels und die Art-Besucher zum Nachdenken über die Möglichkeiten dieser Stadt, über die Definition von urbanem Raum animieren. Das zentrale rote Gerüst wurde vom spanischen Architekturkollektiv Recetas Urbanas entworfen und mithilfe Freiwilliger erbaut.

Das offene Haus bietet begehbare Plattformen für Performances, Diskussionen und Workshops. Neben diesem Zentrum wird die spanische Künstlerin Lara Almarcegui einen Berg aufschütten: 250 Tonnen Kies werden täglich aus einem Kieswerk der Region auf den Platz geleert. Für die Künstlerin reflektiert der wachsende Kiesberg die reale Bautätigkeit in der Stadt.

Die Performerin Isabel Lewis aus Santo Domingo lädt die Menschen der Stadt täglich zu Bewegungspraktiken ein: Tai Chi, Slow Walk, Parkour und gemeinsames Musikmachen stehen auf dem Programm. An vier von sieben Abenden werden die Schnurebegge, Naarebaschi und Muggedätscher mit ihren Trommeln Teil der Kollektiv-Performance. Mit den Künstlern von Recetas Urbanas können Besucher jeden Tag ihr eigenes Auditorium entwerfen.

Hüttenbau, Tai Chi, und gemeinsames Musizieren vor der grössten Kunstmesse der Welt: Ob sich der politische Aktivist Beuys das so erträumt hätte, die Soziale Plastik des 21. Jahrhunderts? Wohl kaum. Wir dürfen gespannt sein, ob «Basilea» in Basel Wirkung entfaltet und die Diskussion um den öffentlichen Raum beleben kann.