Stephan Eicher
«Die Schweizer Insel deute ich heute positiv»

Stephan Eicher will die vielsprachige Schweiz betonen und repräsentieren, überlegt sich, ob er Nachfolger von Bundesrat Couchepin werden will, und schwärmt von seinem neuen musikalischen Partner Finn.

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Stephan Eicher

Stephan Eicher

Aargauer Zeitung

Stefan Künzli, Paris

Das Theater Les Bouffes du Nord am Boulevard de la Chapelle in Paris ist fest in Schweizer Hand. Die Sängerin Sophie Hunger gab am Mittwoch vor ausverkauftem Haus ein «magisches Konzert» (Stephan Eicher), und Eichers neues Projekt mit dem deutschen Sänger Finn. feierte am Donnerstag Premiere. Die Mittelland Zeitung traf die beiden Liedermacher zum exklusiven Gespräch unmittelbar vor dem Soundcheck in Les Bouffes du Nord.

Der intime Eicher: Hühnerhaut pur

Zwei akustische Gitarren, eine Violine, ein Kontrabass und zwei Stimmen. Das neue Projekt von Stephan Eicher mit dem Singer/Songwriter Finn. ist sehr intim. Der 32-jährige Deutsche beginnt und singt mit glasklarer, hoher Stimme. Dehnt und biegt sie auf seine eigene eigentümliche Art. Eine betörende und schmeichelnde Stimme, die sich im Ohr festbeisst und die man nicht so schnell vergisst. Finn. und Eicher wechseln sich im Leadgesang ab und ergänzen einander im mehrstimmigen Gesang. Musik, nicht von dieser Welt, Musik von der Insel der Utopien.

Es sind bekannte Stücke von Eicher und Finn., die aber zum Teil völlig neu interpretiert werden. Ein erster Höhepunkt ist eine verträumte, hinreissende Version des Grauzone-Hits «Eisbär». Der französische Schriftsteller Phillippe Djian, der seit Jahren für Eicher Texte schreibt, kommt für zwei Stücke auf die Bühne, ihm folgt Sophie Hunger. Im Duett mit Eicher singt sie «My funny Valentine», «Like a Rolling Stone» und ihr ergreifendes «Spiegelbild». Hühnerhaut pur. Mit einer Liebeserklärung, einer unverstärkten Version von Stevie Wonders «I just Call to Say I love you», wird das französische Publikum verabschiedet. (SK)

Eicher & Djian: Lesung und Musik, 3. Juli, Schloss Chillon, Montreux Jazz Festival.
Eicher & Finn.: 5. Juli, Miles Davis Hall, Montreux Jazz Festival.
Stephan Eicher (Trio): 10. Juli, Live at Sunset, Zürich.
DVD/CD: Eldorado Live, Universal. Ab 10. Juli erhältlich.

Sie haben Sophie Hunger Starthilfe gegeben, jetzt unterstützen Sie den deutschen Sängerin Finn. Werden Sie zum Förderer?

Stephan Eicher: Ja, das wäre mein Traum. Und ich lerne auch selbst viel dabei.

Wie haben Sie Finn. gefunden?

Eicher: In einer Sendung auf 3Sat. Seine elektronische Melancholie und seine folkige Einfachheit haben mich berührt. Ich wusste sofort, dass wir uns inspirieren würden. Dann hab ich etwas gemacht, was ich erst zweimal in meinem Leben gemacht habe: Ich habe ihm einen Fan-Brief geschrieben. Den zweiten schrieb ich an Sophie Hunger.

Wie haben Sie reagiert?

Finn.: Ich kannte Stephan . . . nun ja . . . ein bisschen. Man kennt ihn in Deutschland mehr vom Song «Eisbär» mit der Band Grauzone. Der «Eisbär» ist der bekannteste Song der Neuen Deutschen Welle, gleich nach Nenas «99 Luftballons». Die französischen Sachen kennt man in Deutschland weniger.

Wieso eigentlich?

Eicher: Keine Ahnung. Mir wurde ja immer wieder der rote Teppich ausgebreitet. Ich ging mit Herbert Grönemeyer auf Stadiontour. Aber meine Musik erreicht in Deutschland das grosse Publikum nicht wirklich.

Ist Stephan Eicher zu französisch?

Finn.: Das kann sein. Die Deutschen verstehen die Hyperromantik von Rosenstolz, aber nicht die Eicher-Romantik.

Eicher: Das ist paradox. Dabei versuch ich ja deutsche Romantik, Eichendorff, zu vertonen. Aber es ist so: In Deutschland würden die Leute wohl eher wegen Finn. kommen.

Dann ist Finn. Ihr Ticket nach Deutschland?

Eicher: Also wenn ichs mit Grönemeyer nicht geschafft habe, dann gibts nur noch Finn., der mich rausreissen kann. (lacht und fleht Finn. an:) Grönemeyer hats nicht geschafft. Bitte, mach mal!

Finn., wie ist Ihre Beziehung zur Schweiz?

Finn.: Eine sehr intensive, und ich versteh auch «Schwiizerdütsch». Mit 17 schickten mich meine Eltern für ein Jahr nach Yverdon ins Gymnasium. Für mich war es das wichtigste Jahr in meinem Leben. Dort hat meine musikalische Entwicklung begonnen. Das Umfeld war sehr kreativ und inspirierend. Alle haben musiziert, gemalt, geschrieben. Das hat mich sehr beeinflusst.

Eicher: Das ist ein schönes Kompliment für den Schweizer Humus.

Es tut sich was in der Schweizer Kultur. Vor rund 15 Jahren haben Sie zur Schweiz gesagt: «Die Schweiz wird als Insel, an den Realitäten vorbei, verteidigt.» Würden Sie das von der Schweiz immer noch sagen?

Eicher: Absolut, dieses Gefühl habe ich immer noch. Nur habe ich es damals mit einem negativen Unterton - im Sinn von Abschottung - gemeint. Doch heute deute ich die Insel fast schon positiv: Zum Glück lebt sie an den Realitäten vorbei. Denn wenn man sich die Realität anschaut, dann muss ich sagen: In diesem Klub möchte ich lieber nicht Mitglied sein. Auf der Schweizer Insel, scheint es, wird eine Utopie gelebt.

Zeichnet Ihre Musik auch einen Fluchtweg aus der Realität, aus der Gegenwart?

Finn.: Unsere Musik spendet Trost. Ich wurde mal gefragt, ob ich die Illusion hätte, dass Musik die Welt retten könne. Ich antwortete: Musik rettet jeden Tag die Welt. Von allen Künsten geht die Musik am tiefsten. Sie ist wie ein Urgeräusch, das Geborgenheit gibt.

Fühlen Sie sich wie ein Botschafter der Schweizer Insel?

Eicher: Nein, sicher nicht. Botschaften, das ist doch eher etwas für Engel.

Doch Sie sind ein wichtiger Repräsentant für die vielsprachige und offene Schweiz.

Eicher: Ja, das mache ich auch gern. Wenn ich etwas tun kann, dann mache ichs jeden Abend auf der Bühne. Ich bin und fühle mich vor allem im Ausland als Schweizer.

Diese Repräsentationsrolle ist heute wichtiger denn je, nach aussen und nach innen?

Eicher: Dann muss ich aber zuerst in die Schweiz zurückkommen.

Ja, gern. Die Schweiz driftet auseinander, die Sprachgrenzen akzentuieren sich, die Deutschschweizer wollen lieber Englisch als Französisch lernen. Das hat sich in der Diskussion um die Nachfolge von Bundesrat Couchepin gezeigt.

Eicher: Das ist nicht gut für die Schweiz, das ist das Dümmste, was eintreten könnte. Wenn wir von der Schweiz als Kulturnation sprechen, dann müssen wir die Eigenheiten, unsere Vielsprachigkeit, diese einzigartige Mischung aus Lateinischem und Deutschem betonen. Man kann nicht von der Schweiz als Insel der Utopien sprechen und dann gleichzeitig neue Gräben schaffen.

Was kann man machen?

Eicher: Das ist eine Frage der Education, der Erziehung. In der Schule sollte unbedingt Französisch und Italienisch gelernt werden. Ich selber habs ja gehasst. Ich habe deshalb die Matura verpasst, bin aus dem Gymnasium geflogen. Macht das Französisch schmackhaft. Bei mir übernahm das ein Mädchen, in das ich verliebt war. Sie zog nach Paris, ich reiste ihr per Autostopp hinterher und stellte fest: Französisch ist gar nicht so schlimm.

Stephan Eicher

Der 48-jährige Sänger ist in Münchenbuchsee aufgewachsen und lebt heute mit seiner Familie in der Camargue. Er hat 13 Studioalben veröffentlicht und ist in Frankreich und der Schweiz ein gefeierter Star.

Finn.

Der 32-jährige Finn ist als Patrick Zimmer im badischen Offenburg aufgewachsen und wohnt in Hamburg und London. Er hat drei Alben aufgenommen. In der Schweiz ist er noch nicht bekannt.

Eben. Sie als Berner, der beide Kulturen aufgesogen hat und auch lebt, sind der ideale Schweizer Repräsentant. Der neue Musterschweizer.

Eicher: Sie wollen mich also fragen, ob ich die Wahl zum Bundesrat, als Nachfolger von Couchepin,
annehmen würde. Hmm . . . lassen Sie mich das bitte aber noch kurz überlegen.

Für welche Partei würden Sie kandidieren?

Eicher: Das ist das Problem. Demokratie ist natürlich heute immer noch das einzig mögliche politische System. Nur hat Musik totalitäre Züge. Wenn man mich wollte, müsste man wohl eine neue Partei gründen. Vielleicht die «Cabaret-Voltaire-Partei»? Dadaismus spielte ja in Zürich eine wichtige Rolle.

Wie schaffen Sie es, dass so wenig Ihres Privatlebens an die Öffentlichkeit dringt?

Eicher: Weil es privat ist. Ich gehe jeden Abend mit schlotternden Beinen auf die Bühne und zeige das Privateste, was ich habe. Meine Kinder können nichts dafür, dass ich bekannt bin. Auf der Bühne gehöre ich dem Publikum, in der Eisenbahn möchte ich meine Ruhe haben.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Eicher: Im nächsten Jahr mache ich ein Projekt mit dem Schriftsteller Martin Suter. Es wäre fast, oh Schreck, ein Musical geworden, zum Glück ist es jetzt eher ein Singspiel. Unser Traum hat sich erfüllt: Das Projekt wird dort aufgeführt, wo all die klassische, etablierte Kunst stattfindet: im Pfauen, im Schauspielhaus Zürich. Für den Punker, der öfters auf dem Polizeiposten gelandet ist, und den Jungkünstler, dem das Stipendium für die Kunstschule verweigert wurde, ist dies eine hübsche Wendung. Das kommt für mich gleich nach Ihrer Bundesrats-Anfrage.