Kultur
Die ersten Schweizer Gangster: Die Panzerknacker im Stumpendorf

Der Pro Argovia-Zyklus «Tatort Aargau» erweckt Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann wieder zum Leben. Was damals schieflief, was nicht - und was man heute anders machen würde

Flavia Bonanomi
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Der «Aargauer Robin Hood» Bernhart Matter

Der «Aargauer Robin Hood» Bernhart Matter

HO

Übernächtigte Polizisten auf dem Fahrrad und ein vom Schicksal gestreifter Hut: Die Kulturstiftung Pro Argovia ging an der ersten Veranstaltung des Zyklus «Tatort Aargau» dem Verbrecherduo Deubelbeiss und Schürmann auf die Spur. Es war die erste Veranstaltung, die unter dem Titel «Polizist oder Computer?» am Samstag im TaB über die Bühne ging. In vier Veranstaltungen, die mit Podiumsgesprächen, Diskussionen und Führungen vergangene Zeiten wieder aufleben lassen und Teilnehmenden, die sich fragen, wie es heute mit den Mythen und Realitäten von damals aussieht, nähert sich Pro Argovia der Geschichte der Kriminalität im Aargau. Die Verbrechen und Methoden von damals werden in einen Zusammenhang mit der polizeilichen Arbeit, den Straf- und den Therapiemassnahmen Jahre und Jahrzehnte nach den Ereignissen gestellt.

1952 und heute

«Halt!», schreit Herr Huber, der vom diensthabenden Polizisten Amman kurzerhand zum Polizeigehilfen ernannt worden war. Er hatte den Polizisten, als er im Postgebäude seltsame Geräusche hörte, mit einem Anruf aus dem Schlaf gerissen. Und als jener angeradelt kam, wurde der Zivilist sogleich beauftragt, Wache zu halten. Dann geht sie los, die Schiesserei, die Schaufenster, Hausmauern und die Hutkrempe eines weiteren verstörten Zivilisten, der per Zufall mit dem Fahrrad vorbeikommt, in Mitleidenschaft ziehen wird.

Unter Einsatz seines gesamten schauspielerischen Könnens liest Clo Bisaz vom TaB in Reinach die Geschichte jener Winternacht im Januar 1952 vor, als die berühmt berüchtigten Kriminellen Deubelbeiss und Schürmann, die sich im Dezember zuvor eines Mordes schuldig gemacht hatten, die Post in Reinach überfielen. Es ist der Einstieg in einen Abend voller Diskussionen und Erinnerungen – der ehemalige Chef der Kriminalpolizei Aargau, Urs Winzenried, und der Journalist und Schriftsteller Willi Wottreng, der 2007 ein Buch über die ersten Gangster der Schweiz herausbrachte, tun ihre fundierten Expertenmeinungen zur Kriminalgeschichte des Gangster-Duos «Deubelbeiss und Schürmann» kund und diskutieren darüber, was damals geschah, wie man vorging – und was heute, im Zeitalter der Digitalisierung und Technisierung, anders gemacht würde.

Der Datensatz

Es ist die erste von vier Veranstaltungen, die im Rahmen des Zyklus «Tatort Aargau» stattfinden. Innerhalb dieses Formats führt die Kulturstiftung Pro Argovia seit mehreren Jahren Veranstaltungen zu einem Thema durch, das dem Leben in und der Geschichte des Kantons Aargau auf die Spur geht. So beschäftigten sich vergangene Zyklen mit dem Theaterleben, den Stadtplätzen oder den Kunststätten und der Wissenschaftsgeschichte im Kanton Aargau. Das Ziel der Zyklen ist die Auseinandersetzung mit Themen, die die Aargauer Bevölkerung interessieren könnten. An dieser spezifischen Veranstaltung, die unter dem einfachen Titel «Polizist oder Computer?» lief, spielte der Zuschauende eine tragende Rolle: Erich Obrist, der als Präsident der Pro-Argovia-Stiftung durch den Abend führte, übergab immer wieder das Wort an Zeugen der Zeit. So etwa dem Sohn des später zum Volkshelden avancierten Herrn Huber, der so beherzt und mutig geholfen hatte, als es ihn brauchte.

Die Grundsatzfrage, die sich spätestens gegen Ende der Veranstaltung kristallisiert, ist durchaus eine aktuelle: Die Frage nach der Beschaffung, Verwertung und Speicherung von Daten. Immer wieder betont Urs Winzenried, dass die Polizeiarbeit damals noch in den Kinderschuhen steckte und dass zum Beispiel das heute oft tragende Beweismittel, die DNA-Spur, noch nicht zum Einsatz kam. Und dass da, wo heute nach kurzer Zeit ein riesiges Aufgebot an Polizisten vor Ort gewesen wäre, damals ein einziger Polizist friedlich zu Hause schlief, bis ein Notfall wie dieser ihn aus dem Bett holte.

Ein Motiv, viele Taten

Doch neben den konkreten Fakten zum Fall von damals zeichnet sich an dem Podiumsgespräch «Polizist oder Computer?» noch eine weitere Ebene ab: Die Frage nach dem «Warum» ist allgegenwärtig. Und sie bildet den Übergang zu den weiteren Veranstaltungen: Die genaue Analyse eines Tätermotivs ist – zumindest heute – unabdingbar, um ein gerechtes Urteil zu fällen. So werden sich die folgenden drei Veranstaltungen vor allem auf die eine oder andere Art mit dem Justizvollzug damals und heute beschäftigen: Der Sinn von Therapie gegenüber einer herkömmlichen Strafe und die Geschichte des «Aargauer Robin Hood» Bernhart Matter, der als letzter Verbrecher im Kanton Aargau öffentlich hingerichtet wurde, sind die Themen der nächsten Veranstaltungen. Und mit der Führung durch die Justizvollzugsanstalt Lenzburg können die Teilnehmenden ihre ganz eigenen Eindrücke von der Judikative ihres Kantons gewinnen.

Mit einer Leidenschaft zum Krimi und dem Vergleich der Aspekte Fahndung, Strafe, Therapie und Vollzug im Laufe der Zeit macht Pro Argovia aus den Verbrechen von damals Themen von heute.

Weitere Veranstaltungen

«Therapie oder Strafe?» Fr 18. 3., 19.30 Uhr, Bosshard-Scheune, Windisch.

«Verbrecher oder Volksheld?» Sa 21. 5., 14 Uhr, Gasthof Bären, Muhen.

«Denkmal oder Knast?» Do 9. 6., 13.15 Uhr, Justizvollzugsanstalt, Lenzburg (ausverkauft, Wiederholungen geplant).

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