100 Jahre Nobelpreis an Carl Spitteler
Die Anrufung des Wildschweins — Schweizer Standpunkt von Schriftstellerin Dorothee Elmiger

Die Rede «Unser Schweizer Standpunkt» ist das Vermächtnis des Schweizer Nobelpreisträgers Carl Spitteler. Zum Jubiläum seiner Ehrung schreibt Max-Frisch-Förderpreisträgerin Dorothee Elmiger eine Antwort aus heutiger Sicht.

Dorothee Elmiger*
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Wer ist Nachbar, wer Bruder? Wovor hat man Angst?, fragt die Autorin Dorothee Elmiger im Dialog mit dem Schweizer Nobelpreisträger Carl Spitteler (1845–1924).

Wer ist Nachbar, wer Bruder? Wovor hat man Angst?, fragt die Autorin Dorothee Elmiger im Dialog mit dem Schweizer Nobelpreisträger Carl Spitteler (1845–1924).

Jürgen Beck

Im ersten Kriegswinter, am 14. Dezember 1914 – erzähle ich einem Freund aus Deutschland, der in meiner Küche sitzt – trat Carl Spitteler vor die Zürcher Sektion der Neuen Helvetischen Gesellschaft und stellte unseren Schweizer Standpunkt fest: Er erinnerte daran, dass, trotz Freundschaften, trotz geschäftlicher Wechselbeziehungen und geistigem Einverständnis zwischen Deutschland und der Schweiz oder der Schweiz und ihren Nachbarländern eine Grenze verlaufe. Jenseits der Grenze, sage ich, leben demnach die Nachbarn; im Land sind wir Brüder: Der Unterschied zwischen Nachbar und Bruder aber ist ein ungeheurer. Der Freund aus Deutschland setzt einen Kaffee auf, während ich Spittelers Papier zur Hand nehme und zitiere:

Wir leben mithin politisch im Dunkeln, bestenfalls im Halbdunkel. In Kriegszeiten, wo wir Gefahr wittern, befinden wir uns in der Lage des Bauern, der im Walde ein Wildschwein grunzen hört, ohne zu wissen, kommt es, wann kommt es, und woher kommt es. Aus diesem Grunde stellen wir unsere Truppen rings um den ganzen Waldsaum. Und dass nur ja niemand sich auf die Freundschaft verlasse, die zwischen uns und einem Nachbarvolke in Friedenszeiten waltet.

Der Freund rührt in seinem Kaffee, er räuspert sich und meint, hingegen habe sich Karl Liebknecht im September 1915 in einem Brief an die Genossen gewandt, die zu dieser Zeit die Internationale Sozialistische Konferenz zu Zimmerwald abhielten, und geschrieben: Die Freunde jedes Landes haben die Hoffnungen und Aussichten der Freunde jedes andern Landes mit in der Hand. Und so wie Liebknecht in der Folge die Freunde aus Frankreich als französische Brüder adressierte, habe Clara Zetkin ein Jahr zuvor in einem Brief an den internationalen Frauenrat der Sozialisten- und Arbeiterorganisationen Grossbritanniens von den Schwestern aller Länder, vom schwesterlichen Mitgefühl für alle, die unter diesen Ereignissen, den Ereignissen des Krieges, leiden, geschrieben.

Als er später am Fenster steht und in die Dämmerung hinausblickt, sagt er, er könne sich ausserdemdie Gehorsamsverweigerung aus Gründen der Freundschaft vorstellen: Denk an die Deserteure, die Fahnenflüchtigen.

Über das Wildschwein, sagt der Freund, müsse er hingegen länger nachdenken: Was ist aus dem Wildschwein geworden?

Spitteler, sagt der Förster am Telefon, beschreibt den Schweizer von 1914 so: Er hört ein Grunzen aus dem halbdunklen Wald, er wittert Gefahr, ihm schwant etwas, nur kann er nichts sehen. Seinen Nachbarn, die sich untereinander verbünden und bekriegen, will er nämlich nicht trauen, und er will auch keine Heimlichkeiten mächeln mit anderen Staaten, darum weiss er nichts Genaues und postiert die Truppen lückenlos, um auf alle Fälle, auf alle Routen des Wildschweins vorbereitet zu sein.

Etwas Dunkles hat es, dieses Tier bei Spitteler, sagt der Förster, es ist ein dumpfes Gefühl des Schweizers (auch der Schweizerin, vermute ich, sagt er leise lachend), ein Geräusch oder ein Schemen im diffusen Licht, das dieses Land durch die Zeit begleitet. Und während seinem Auftreten im Jahr 1914 unbestreitbar die tatsächliche Gefahr des Krieges zugrunde lag, würde ich seine Anrufung in unserer Gegenwart hingegen so beschreiben: Jemand hört ein Grunzen oder was er oder sie dafür hält, und mir nichts, dir nichts wird daraus ein ganzes wildes Schwein, ein Tier so gross, wie es noch nie gesichtet wurde, ein gewaltiger Eber wird auf der Stelle im Wald vermutet, und es breitet sich Dunkelheit aus, und alle wissen es besser als die anderen und verlangen Massnahmen zum Schutz ihrer Habe, ihrer Töchter und der Erbfolge.

(...)

Übrigens, sagt der Förster am Telefon, impliziere doch die Formulierung Spittelers, der Schweizer platziere die Truppen rings um den ganzen Waldsaum seltsamerweise, dass das Wildschwein sich im Landesinnern befinde und von den Verteidigern umzingelt sei. Es handle sich in seinen Augen um eine fehlerhafte Umkehrung der Perspektive, sagt der Förster. Dabei gehe das Bild doch nur auf, wenn der Wald im Gegenteil um die Schweiz herum läge: Europa als Wald und die Schweiz als Lichtung inmitten des dicht bewachsenen Gebiets, auf dieser Lichtung pflanzten die Bauern Mais oder Kartoffeln und sie fürchteten die wilden Schweine, die ihnen die Ernte kaputtmachten, die Maisfelder zerstörten, mit ihrer Nase die Äcker umpflügten und die Krokuszwiebeln frässen.

Schauen Sie sich zum Beispiel das Gemälde des Niederländers Frans Snyders über die Eberjagd an, fügt der Förster nachdenklich hinzu: Das Tier ist von Hunden umzingelt, manche von ihnen hat es abgeschüttelt. Sehen Sie, das Wildschwein ist sehr wehrhaft, aber Angst muss man wirklich nicht haben vor ihm.

Nach langem Nachdenken sagt auch der Freund in meiner Küche, in seinen Augen sei dieses Tier, von dem wir heute sprechen, eine Fiktion: In der Gegenwart bedeute das Ringen mit dem Schwein, das umgehe, vielleicht immer ein Ringen mit sich selbst: Ich lege mich an einer Stelle, an der die Wildschweine regelmässig wühlen, auf den Boden, sagt er. Ich lege mich auf den durchwühlten Grund und bedecke mich mit Schlamm, bis nichts mehr zu sehen ist ausser meinen eigenen, weit offenen Augen. Nachdem ich lange regungslos gewartet habe, höre ich Geräusche, und ich weiss, dass ich nun endlich das Tier zu Gesicht bekommen werde: Als ich schon die Wärme seines Körpers in der Dunkelheit spüre, greife ich zu und packe es mit aller Kraft, ich schnelle hoch und versuche, es zu Boden zu werfen, und da fasst es mich am Hals oder am Handgelenk, es beginnt mich zu würgen, es setzt sich schwer auf meine Brust. Da sehe ich, dass ich es bin, das Phantom, der Mahr, den ich bekämpfe: Wir zwei sind ganz allein.

(...)

In den Grenzgebieten und entlang der Waldsäume, sagt der Förster am Telefon, haben sich zu jeder Zeit nicht nur die Truppen aufgehalten, zur wehrhaften Definition der Staatengebiete, sondern auch die Individuen, die Wandernden und Fliehenden, die Fremden und Verstossenen, die diese Staaten erzeugten. Sprechen wir von der Gegenwart, fährt er fort, geht es doch vor allem um genau diese Grenzen und Waldsäume, um diejenigen, die in diesen Gebieten festhängen, die an diesen Linien zerrieben werden. In diesem Zusammenhang, sagt der Förster, beobachte er die Anrufung des Wildschweins.

Das quasi universelle Nationsverständnis Spittelers, fährt er fort, habe ihm in diesem Zusammenhang nicht schlecht gefallen: Müsste es doch ganz leicht sein, Bruder – oder Schwester – zu werden, wenn weder Sprache noch Kultur, sondern nur der politische Wille als Bedingung dazu gelte.

(...)

* Dorothee Elmiger (33) war zweimal für den Schweizer Buchpreis nominiert, 2018 gewann sie den Max-Frisch-Förderpreis. Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Band: Camille Luscher (Hg.): «Neue Schweizer Standpunkte. Im Dialog mit Carl Spitteler», Rotpunktverlag, 135 S.

100 Jahre Literaturnobelpreis an Carl Spitteler — der Autor hat 1919 als bisher einziger Schweizer die höchste Ehrung der Literatur erhalten

Den Anstoss zu Spittelers Ehrung hatte 2012 der Berner Germanist Jonas Fränkel gegeben, er gewann den Nobelpreisträger Romain Rolland als Fürsprecher. Carl Spitteler ist bis heute der einzige gebürtige Schweizer Autor, der mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Zu Widerstand gegen Spittelers Ehrung hatte vor allem dessen Rede «Unser Schweizer Standpunkt» geführt. Es waren die Jahre des Ersten Weltkriegs. Spitteler hielt diese Rede am 14. Dezember 1914 in Zürich vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft. Diese hatte sich im ersten Kriegsjahr formiert mit dem Ziel, sich für Mehrsprachigkeit, nationalen Zusammenhalt und regionale Eigenarten einzusetzen. Spitteler sprach mit starken Symbolen, Bildern und mythologischen Elementen über den nationalen Zusammenhalt. In der Rede kritisierte er die Verletzung der Neutralität Belgiens durch Deutschland und löste damit in Deutschland und Österreich eine heftige Polemik aus. In der Akademie des Nobelpreises fürchtete man, eine Vergabe an Spitteler könne als Parteilichkeit ausgelegt werden und die «Verbitterung» schüren.

Spittelers Werk ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten – für heutigen Geschmack dürfte es zu stark mit Symbolismus und Allegorien beladen sein. Seine Rede jedoch hat die Zeit überstanden. Sie ist zum Symbol geworden und wurde immer wieder aufgegriffen, wenn man es
in der Schweiz für nötig hielt, über das schweizerische Selbstverständnis nachzudenken.

Sonderausstellung in Liestal

Zum Jubiläum der Vergabe des Nobelpreises an Carl Spitteler haben drei Verlage aus drei Sprachregionen der Schweiz die Autoren Dorothee Elmiger, Pascale Kramer, Catherine Lovey, Adolf Muschg, Fabio Pusterla, Daniel de Roulet, Monique Schwitter und Tommaso Soldini eingeladen, aus heutiger Sicht auf Spittelers Rede zu reagieren. Auf Deutsch sind die Texte unter dem Titel «Neue Schweizer Standpunkte. Im Dialog mit Carl Spitteler» soeben im Rotpunktverlag erschienen (135 Seiten). Im März veröffentlicht der Verlag Nagel & Kimche ein Spitteler-Lesebuch mit einem Vorwort von Peter von Matt. Das Dichter- und Stadtmuseum Liestal zeigt eine eben eröffnete Sonderausstellung. Weitere Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr sind auf der Website www.spitteler.ch aufgeschaltet.

Anne-Sophie Scholl

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