Im Theater mit...
Désirée Meiser: «Musik elektrisiert mich mehr als Worte»

Die Schauspielerin und heutige Leiterin des Gare du Nord besuchte mit der bz «Linie 1».

Susanna Petrin
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Désirée Meiser (r.) besucht mit Susanna Petrin am Gymnasium Liestal das Kult-Musical «Linie 1», in dem sie vor bald 30 Jahren selber die Maria gespielt hat.

Désirée Meiser (r.) besucht mit Susanna Petrin am Gymnasium Liestal das Kult-Musical «Linie 1», in dem sie vor bald 30 Jahren selber die Maria gespielt hat.

Juri Junkov

1989. Wenn mein damals 13-Jähriges Ich gewusst hätte, dass ich 2016 mit Désirée Meiser einen Theaterabend verbringe, es wäre ausgeflippt, wie es damals zu sagen in war. Désirée Meiser war meine Lieblingsschauspielerin. Ganz besonders liebte ich sie als Maria im damaligen Hit-Musical «Linie 1». Und das ging nicht nur mir so: «Linie 1» und seine Maria waren damals Kult in Basel. Nun, 27 Jahre später, sehen wir uns zusammen eine «Linie 1»-Schüleraufführung am Gymnasium Liestal an. Mit dabei ist auch ihr jüngster Sohn Ruben. Er ist so alt, wie ich damals war: 13.

Linie 1, fahr mal wieder U-Bahn! Désirée Meiser, laufen Ihnen jetzt die alten Lieder wieder nach?

Désirée Meiser: Einige sind sowas von eingegraben. Schon vor Basel habe ich darin bei meinem ersten Engagement in Darmstadt am Staatstheater gespielt – damals war ich das Mädchen. Dann bin ich sogar im Gripstheater eingesprungen für deren DDR-Tournee, 1988, kurz vor der Wende. Wir hatten ein Gastspiel in Halle im Theater von Peter Sodann, den man als «Tatort»-Kommissar kennt. Er hatte einen relativ kritischen Spielplan und war stets bisschen gefährdet. Da war eine aufgeladene Stimmung, alles war im Umbruch. Da war zwischen uns Schauspielern so ein Verbrüderungs- und Verschwesterungsgefühl. Wir haben unser ganzes Ostmark-Devisengeld in Rotkäppchen-Sekt umgenützt und uns heillos mit den allen betrunken. Da hatte das wirklich eine politische Komponente.

«Linie 1» wird vom Berliner Grips-Theater bis heute konstant weiter gespielt. Funktioniert das noch?

Nach dem Fall der Mauer habe ich mich das echt gefragt. Ich dachte, jetzt müssen die das doch umschreiben. Aber sie sind komplett bei der Vorlage geblieben. Die ganzen Veränderungen bekommen keinen Raum. Das finde ich erstaunlich.

Auch am Gymnasium Liestal wird das klassisch wie in den 80ern gespielt.

Da sieht man, wie behütet letztlich diese Welt hier noch ist. Dass man diese Art von Berliner Bahnhof-Zoo-Drogenromantik so beeindruckend findet. Letztlich sind wir immer noch auf einer Insel der Glückseligen. Vielleicht stellt «Linie 1» immer noch den Traum dar, als behütetes Mädchen in die gefährliche Grossstadt zu gehen. Eine Schülerin beschreibt im Programmheft, wie es ist, im Baselbiet aufgewachsen zu sein: Da ist alles schön, «d’ Natur, Fründe, d’Eltere, s’ Grosi. Und denn gosch i die grossi Stadt!» Wie das Mädchen im Musical. Es verkörpert diese traumatische Vorstellung: Du musst da in der U-Bahn übernachten und dein Johnny ist nicht da.

Haben Sie «Linie 1» seit 1989 noch mal gesehen?

Nein. Das war der Beginn der Baumbauer-Ära, während der ich am Theater Basel fest engagiert war. Ich habe mit den Räubern angefangen, da war ich allein unter 13 Männern. Ich hatte keine Ahnung, war völlig fremd hier, habe da mit diesem Rudel Jungs geprobt. «Linie 1» war dann so ein richtiges Ensemble-Stück. Es war ein wahnsinnig nettes Ensemble. So eine Revue ist viel Arbeit. Aber wenns läuft, macht es unheimlich Spass. Es war immer Party in der Garderobe.

Zur Person

Désirée Meiser

Désirée Meiser ist Schauspielerin, Sängerin, Musiktheater-Regisseurin und die Co-
Initiantin sowie künstlerische Leiterin vom Gare du Nord, dem Bahnhof für Neue Musik, in den ehemaligen Buffet-Räumen des Basler Badischen Bahnhofs. Neben einem reichen Programm an zeitgenössischer Musik des 20. und 21. Jahrhunderts bietet der Gare du Nord auch immer mehr Vermittlungsprogramme an – bereits für Kinder ab dem Kindergartenalter.

www.garedunord.ch

Wie war es für Sie, die zerknautschte Maria zu spielen?

Dass diese getretene Existenz das schönste Lied hat, halte ich für einen kleinen Coup. Man weiss nicht warum, das war einfach so die Kult-Rolle, auf die ich bis heute angesprochen werde. «Jo, ‹Linie 1›, das isch so toll gsi und ich ha sie ganz oft gseh.» Am Ende gabs im Publikum ein Feuerzeugmeer. Ist ja klar, dass einen das nicht kalt lässt. Aber eine Zeit lang habe ich damit gehadert, dass sehr anspruchsvolle Rollen, die mir wirklich sehr wichtig waren, nie richtig dagegen ankamen.

Mögen Sie das Musical eigentlich?

Das ist ein kleiner sentimentaler Punkt in meiner Biografie. Wir mochten es gerne, haben es liebevoll ironisch gespielt. Ich habe mich immer voll in alles reingegeben. Wenn ich an einem Abend Prinzessin Natalie in Kleists «Prinz Friedrich von Homburg» gespielt habe und am nächsten Maria in «Linie 1», fand ich das toll. Wenn du an einem Abend in diesen hypersensiblen Energiebereich dieser Natalie gehst und am nächsten spielst du diese verkrachte Existenz, diese hässliche, getretene, ungeliebte Maria mit der schönen Stimme. Das sind so verschiedene Farben dieses Berufs.

Und musikalisch?

Ich war immer sehr neugierig, was Musik betrifft. Ich habe mich in den Jazz reingestürzt, ethnische Musik, die Barockmusik und bin schliesslich in die Zeitgenössische Musik hineingewachsen. In diesem grossen Reichtum spielt für mich «Linie 1» keine grosse Rolle. Damals war ich jung, hatte noch keine Familie, war noch auf der Suche. Jetzt fand ich es schön, dass diese jungen Leute sich da so ungebremst dreingeschmissen haben, das mit viel, fast zu viel Energie, gespielt haben. Was auch immer es ist, es ist etwas Befreiendes. Gemeinsam auf der Bühne zu stehen und zu tanzen: Ich finde, das ist eine gute Schule.

Könnten Sie sich vorstellen, «Linie 1» selbst zu inszenieren?

Nein. Es würde in den Gare du Nord überhaupt nicht reinpassen. Und man kann sich nicht künstlerisch verwirklichen: Das ist eine Revue, die musst du halbwegs gut bauen, die Leute auf die Schiene bringen.

Sie haben vor etwa 15 Jahren mit dem Schauspiel aufgehört. Weshalb?

Das war eine grosse Entscheidung, es dauerte Jahre, bis die richtig gereift war. Dieses totale sich Reingeben, wie wir es gestern gesehen haben, konnte ich irgendwie nicht mehr bieten. Ich wollte viel mehr Richtung Musik gehen, habe begonnen, eigene Musiktheater-Projekte zu entwickeln. Das ging mir gestern auch noch mal durch den Kopf: dass ich jetzt aus dem Theater komplett raus bin. Ich bin keine Schauspielerin mehr. Und das tut auch nicht mehr weh. Die Désirée, die damals die Maria gespielt hat, die gibt es so nicht mehr. Das war ein anderes Leben.

Ihr heutiges Spezialgebiet ist das Gegenteil von «Linie 1». Warum ist die «Neue Musik» jetzt ihre grösste Leidenschaft?

Das hat sich auf eine Art folgerichtig entwickelt. «Wiener Blut» in Darmstadt war ein erstes Aha-Erlebnis. Dass mich Musik mehr elektrisiert als die gesprochene Sprache. Die Musik als Kommunikator, als Inhaltstransporteur, gibt einen ganz anderen Raum. Ich habe gemerkt, dass ich über die Musik stärker künstlerisch funktioniere. Als Baumbauer mich als Klärchen ins «Weisse Rössl» schickte, wollte ich das aber erst absagen – ich war schon in vielen Stücken, andere Kollegen wollten das lieber machen. Das war dann aber schicksalhaft, weil Herbert Wernicke (der Regisseur, Anm. der Red.) mein erster Ehemann und der Vater meiner beiden grossen Kinder wurde. Von da an war ich in ganz vielen Musiktheaterproduktionen.

Aber Neue Musik ist noch mal ein grosser Schritt.

Gleich nach dem Ende der Baumbauer-Ära kam das Angebot von Mauricio Kagel für die Oper «Aus Deutschland». Mit Musikern vom Schönberg-Ensemble, unter Leitung von Reinbert de Leeuw, ein toller Dirigent für Zeitgenössische Musik. Ich habe nie Musik studiert, bin da eine Self-Made-Woman. Ich bekam die Partitur und dachte: Wie soll ich diese Kakophonie lernen. I will never ever be able das zu singen. Ich hab das drei Wochen lang in mich reingeprügelt. Dann fing das plötzlich an zu greifen, war wie eine Initiation. Ich war so geflasht! Dass diese Musik Bilder entwickelt in mir, mich trägt; ich mich in dieser geheimnisvollen, schrägen Musik bewegen kann und als so dimensionenreich erlebe. Das war ein Aha-Erlebnis und ich wusste: Ich will genau da weitermachen.

Also haben Sie den Gare du Nord gegründet?

Ich dachte: Wenn ich schon in Basel bleibe, mit meinen Kindern, dann muss was ganz Neues beginnen. Wenn ich bleibe, dann sicher nicht, um als Faktotum am Theater zu enden, irgendwie: «Jo d’Frau Meiser, sie isch scho sit 25 Johr do. Jo, ich ha sie gseh in dr ‹Linie 1›, jetzt spielt sie d’Muetter do in däm Stück.» Ich musste gewisse Brücken hinter mir abbrechen. Und das lässt diese Stadt zu, dass du ganz neue Wege gehst. In einer Welt, die Du Dir überhaupt erst erobern willst, dieses ganze Wissen erhören musst.

«Linie 1» läuft heute ein letztes Mal am Gymnasium Liestal. Die Vorstellung ist ausverkauft. Das Gym feiert zudem «30 Jahre Theaterkurs» (Leitung: Urs Blindenbacher).