Literatur
Der Regionalkrimi ist jetzt in der Stadt angekommen

Drei sehr unterschiedliche Kriminalromane bewegen sich in Zürichs Ober- und Unterwelt. Es sind dies Barbara Ryffels (48) «Um des schönen Scheins willen», Emil Zopfis «Spitzeltango» und Michèle Minellis «Wassergrab».

marco guetg
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Der Regionalkrimi hat jetzt auch Zürich erreicht.

Der Regionalkrimi hat jetzt auch Zürich erreicht.

Keystone

Glauser und Dürrenmatt sind die über die Landesgrenze bekannten Schweizer Autoren von Kriminalromanen. Wer aber fällt einem in der Schweiz heute zu diesem Genre ein? Hansjörg Schneider. Das verwundert weiter nicht. Seine «Hunkeler»-Krimis sind Bestseller und Kommissar Hunkeler durch die TV-Verfilmungen selbst Nicht-Lesern vertraut.

Schneider ist der Überflieger, ohne Zweifel. In etwas tieferen Sphären aber bewegen sich viele. Hier ein Medien-, dort ein Dorfkrimi, hier ein Doppelmord im Berner Oberland . . . die Themen sind vielfältig. Allen gemeinsam aber ist das Etikett auf ihrem Cover: Es sind «regionale Krimis». Das Genre leidet unter einem inflationären Boom.

Lust an Lokalem

Dass diese Lust an Lokalem irgendwann einmal auch in der Stadt Zürich ausgelebt wird, war zu erwarten. Eine Ballung registrieren wir diesen Bücherherbst, an dem – Vollständigkeit wird nicht garantiert! – gleich neun Zürich-Krimis erschienen sind.

Drei davon haben wir aus dem Stapel geholt: Barbara Ryffels (48) «Um des schönen Scheins willen», mit dem sie uns in die Welt der reichen Oberschicht führt und Leselust bereitet. Emil Zopfis «Spitzeltango», in dem er einen Blick auf die 68er-Generation wirft, uns damit aber etwas ratlos in Zürichs Gassen zurücklässt. Und schliesslich Michèle Minellis «Wassergrab», dessen Epizentrum wohl einen Zürcher Kloakenschacht erschüttert und dennoch nicht richtig auf Touren kommt.

Spannend: Barbara Ryffel

Die geografischen Koordinaten in Barbara Ryffels Krimi sind eine Villa in Küsnacht und eine Ferienwohnung in Davos. Dort wird eines Tages ein Kirchner-Gemälde geklaut, das später in einer Galerie in Gstaad wieder auftaucht und von einem dubiosen italienischen Kunsthändler gekauft wird. Das Bild ist – das allerdings wissen nicht alle Familienmitglieder – doppelt bemalt. Sichtbar an der Wand hing ein Boot in der Elbe, versteckt auf der Rückseite ein Akt im Bad.

Das ist die Ausgangslage. Spannungsgeladen ist Barbara Ryffels Geschichte nicht, aber ziemlich spannend. Denn je länger Tochter Alice, 32-jährig, nach dem Verbleib dieses Doppel-Bildes forscht, desto mehr kommt sie den Doppel-Spielchen des Bergerclans auf die Schliche. Der Vater, ein charmanter Charakterlump, hat eine Geliebte und eine uneheliche Tochter. Die Mutter hat ein Verhältnis mit dem Gärtner. Der Bruder bringt sich um, nachdem er ein erschütterndes Geständnis abgelegt hat. Ob er als Knabe wirklich missbraucht worden ist, bleibt allerdings im Dunkeln.

Es ist eine Rolex-Welt, geprägt von Neid, Intrige wie auch Schicksalsschlägen. Barbara Ryffel taucht mit viel Gespür für die Dramaturgie in dieses Biotop der Reichen. Mal ist sie ironisch, gelegentlich sarkastisch, augenzwinkernd oft und sie hat immer auch eine komödiantische Geste parat.

Wohl treibt das geklaute Kirchner-Bild die Handlung voran, letztlich aber dient es nur als Metapher für all die Verästelungen dieser Berger-Welt. Alice’ einst klar definierte Welt gerät ob der familiären Tatsachen, Verstrickungen wie Vertuschungen arg ins Wanken. Letztlich ist doch alles nur Schall und Rauch und das Leben der Bergers nur von Blendwerk erhellt.

Etwas ratlos: Emil Zopfi

Das ist definitiv nicht Emil Zopfis Welt. Der 70-jährige Glarner und Alpinist, der nach Jahren in Obstalden GL seinen Wohnsitz wieder nach Zürich verlegt hat, stellt in «Spitzeltango» drei Männer mit einer klassischen 68er-Biografie in den Mittelpunkt. Es ist eine melancholische Abrechnung mit den Visionen einer vergangenen Zeit.

Es treten auf: Robert Brown, Professor für Germanistik in den USA. Er kommt nach Zürich, um einen Vortrag über Max Frisch zu halten. Als Robert Brönimann war er in ein politisches Attentat verwickelt. Seine Mitstreiter damals: Pippo, inzwischen pensionierter Trämler, und Hermann, ein erfolgloser Filmemacher und Tangotänzer.

Eine wichtige Rolle in diesem Erinnerungsreigen spielt ein Abwesender: Martin, der grüne Politiker. Er hatte sich damals als Anwalt für die drei Politbewegten eingesetzt. Am Tag von Browns Landung wird er tot in der Limmat gefunden. Niemand glaubt so recht an einen Unfall. Hat der populistische Stadtratskandidat Tscharner etwas damit zu tun? Er steht im Verdacht, damals die drei Politaktivisten verraten zu haben. Diese wollen Klarheit. An einer Politveranstaltung auf dem Üetliberg eskaliert die Situation und nimmt eine dramatische Wende.

Die 68er-Zeit ist Zopfis Humus. Er gräbt einiges frei und er tuts mit einem melancholischen Blick, denn letztlich geht es ja auch um gescheiterte Illusionen. «Spitzeltango», eine Art Zürich-Krimi mit zahlreichen aktuellen Anspielungen, ist letztlich ein Aufbäumen, das sich über Zopfis Figuren definiert, über den hilflosen Pippo, den hoffnungslos romantischen Hermann und den altersvergesslichen Robert. Drei Männer im Herbst des Lebens, die auch schon dynamischere Zeiten erlebt haben.

Zopfi tut sich dabei etwas schwer mit seiner neuen Heimat Zürich und mit ihrer Architektur. Seine Kritik ist etwas altbacken und klingt wie von einem, den es eben erst vom Fusse des Mürtschenstocks in dieses urbane Ambiente verschlagen hat.

Wenig Drive: Michèle Minelli

Michèle Minelli (45) schlägt einen anderen Ton an. In ihrem Krimi-Erstling «Wassergrab» – die Autorin hat vor zwei Jahren mit ihrem Familienepos «Die Ruhelosen» von sich reden gemacht – geht es direkt und unsentimental zur Sache. Ihr Held ist der Kantonspolizist Leo Scheu, ein ganz normaler Ermittler, oft gelobt für sein Gespür bei den Einvernahmen. Dann wird eines Tages eine Leiche in einem Zürcher Abwasserkanal entdeckt. Am gleichen Tag erhält Leo Scheu Besuch von der attraktiven Lettin Ieva, die ein Rätsel gelöst haben und wissen will, was mit ihrer seit 1974 spurlos verschwundenen Mutter geschehen ist. Iveas Frage und die Leiche im Kanal ist ein Fanal. Die zwei Stränge vermischen sich auf mysteriöse Weise.

Michèle Minelli packt viel in ihre Geschichte und erzählt entsprechend ausführlich. Als Leser spürt man, dass sie selbst in die Schächte stieg. Moder- und Abwasserduft klebt an ihren Sätzen. Doch sie sind auch mit Ballast beladen und mäandern gemächlich über die Seiten. Man wünschte sich bei Minellis Gang durch die Schächte und zu den Menschen oft mehr Drive.

Gut möglich, dass diese der Ermittler-Wirklichkeit entspricht. In der Krimi-Wirklichkeit aber wünscht man sich mehr Tempo. Trotz allem: Am Schluss weiss man dann doch einiges über Zürichs Untergrund. Das ist ja auch nicht nichts.

Barbara Ryffel Um des schönen Scheins willen. Xanthippe-Verlag 2013. 175 S.,
ca. 26 Franken.

Emil Zopfi Spitzeltango. Limmat-Verlag 2013. 208 S., ca. 34 Franken.

Michèle Minelli Wassergrab. Aufbau-
Verlag 2013. 285 S., Fr. 25.90.

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