Teatro alla Scala
Der Pereira-Zug rast durch die Mailänder Scala

Für den ehemaligen Zürcher Opernchef Alexander Pereira läuft bei seiner ersten Saisoneröffnung als Scala-Intendant einiges dumm - das könnte sich im Laufe der Saison allerdings noch ändern...

christian berzins
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Alexander Pereiras neues Reich – die Mailänder Scala im Premierenlicht.

Alexander Pereiras neues Reich – die Mailänder Scala im Premierenlicht.

Brescia/Amisano © Teatro alla S

«Er ist überall!», sagte uns der alteingesessene Scala-Angestellte Paolo über seinen neuen Chef Alexander Pereira halb bewundernd, halb beängstigt. Vor dem Operntempel angekommen, erleben wir es gleich selbst. Da plauderte der ehemalige Zürcher Opernchef um 11.30 Uhr unter den Mailänder Opern-Arkaden mit der Stehplatz-Besucherin Adele, die schon am 7. Dezember 1974 den «Fidelio» mit Karl Böhm erlebt hat und zur Vereinigung der wegen ihrer bisweilen aufflammenden Proteste berühmt-berüchtigten Loggionisti gehört, ja er verspricht, mit ihr am Montag einen Caffè zu trinken, und «gleichzeitig» ist er schon wieder oben im Büro, begrüsst die Journalisten, die ihre Pressekarten abholen. Lobby-Arbeit hier wie dort.

Um 17.59 Uhr dann – wenige Momente vor Opernbeginn! – steht Pereira mit seiner Freundin Daniela de Soussa noch mitten im Parkett, um 18.01 nimmt er in der ersten Loge, gleich links über dem Orchestergraben Platz. Freude und Stolz, seine erste «Prima» zu feiern, strahlen bis in den hintersten Winkel der Galerie.

Pereiras Premiere im Februar

Dumm nur, dass es nicht «seine» Premiere ist: Vorgänger Stephane Lissner hat diesen «Fidelio» entworfen, dessen Chefdirigent Daniel Barenboim dirigiert, Deborah Warner inszeniert Beethovens Freiheits- und Liebeshymne. Und so betont Pereira denn trotzig, dass seine erste Premiere im Februar anstehe. Es ist Verdis «Aida»: Ein Werk, das in Italien in den letzten 50 Jahren optisch von Franco Zefirellis pompösen Inszenierungen geprägt war. Und ausgerechnet dessen Scala-Inszenierung von 2006 liess Pereira nach Kasachstan verschachern... Kein Wunder, sagt uns Paolo: «Pereira ist wie ein Zug, der mit voller Kraft durch die Scala rast.» Und so kracht es bisweilen heftig. Seine Entlassung hat Pereira für Dezember 2015 bekanntlich auch schon erhalten. Doch wen man auch immer fragt, man bekommt stets dasselbe zu hören: «Pereira bleibt.»

Dumm nur, dass ausgerechnet zu seiner ersten Premiere weder Staatspräsident Giorgio Napolitano noch Premier Matteo Renzi erschienen und in der Königsloge nur die zweite Garde der italienischen Politik sass. Die Nationalhymne wurde zu Beginn dennoch gespielt. «Offenbar genügt es, wenn der Senatspräsident im Saal sitzt», meinte ein älterer italienischer Kollege schulterzuckend. Und so hörte denn das herausgeputzte alt-aristokratische Mailand die Hymne: Fussballstar Andrea Pirlo, Architekt Mario Botta, Währungsfonds-Direktorin Christine Lagarde, Ex-Premier Mario Monti – allesamt von den Heerscharen italienischer Journalisten, TV-Kameras und Dutzenden Fotografen empfangen. Draussen auf der Piazza detonierten derweil Böller, es flogen Eier und Fäuste und «Die Internationale» wurde angestimmt.

Dumm für Pereira, dass diese Proteste mehr als auch schon einen sehr sozialkritischen Ton hatten, gar Verletzte forderten, von 750 (!) Sicherheitskräften in die Schranken gewiesen wurden. «La crisi» ist in Italien längst nicht ausgestanden und so ist für viele ein Opernfest, bei dem der Parkettplatz 2400 Euro kostet, ein Affront. Doch Pereira winkte ab, sagte, dass die Proteste normal seien und er ja mit dem verdienten Geld Scala-Jugend- und Kinderprojekte unterstützen werde.

Nebenschauplätze? Vielleicht

Dumm deshalb umso mehr für Pereira, dass bei all diesen unschönen Nebengeräuschen auch der erwartete künstlerische Erfolg ausblieb. Noch vor der Premiere hatte er gesagt: «Wir sind nicht immer die Besten, aber mit diesem ‹Fidelio› sind wir es.» Obwohl alles sehr luxuriös besetzt war, Kaliber Peter Mattei (Fernando) und Mojca Erdmann (Marzelline) die Nebenrollen sangen, triumphierte niemand – auch nicht die solide singende Anja Kampe als Leonore. Klaus Florian Vogt sang grossartig stilvoll, stiess aber mit seiner unheroischen Stimme im Scala-Rund auf Unverständnis. Und die in der Gegenwart spielende Inszenierung war blutleer, alle Charaktere blieben blass.

Eigenartig war schon der Beginn: Barenboim dirigierte nicht die «kleine»- Fidelio-Ouvertüre, sondern Leonore II. Ein Fehler, weist doch dieses heroisch-zerrissene Werk auf ein Drama hin, das dann lange gar nicht kommt: Der Graben zwischen dem dunklen Ton, den da Barenboim anschlug und alle Geister der musikalischen Vergangenheit heraufbeschwörte, passte so gar nicht zum Singspiel-Charakter des Folgenden. Es war zwar alles korrekt, aber blieb bis in den finalen Freiheitsjubel seltsam harmlos. Barenboim wurde dennoch mit «grandissimo il maestro» und einem «Evviva!» begrüsst – so heftig, dass es fast schon zu offensichtlich eine politische Demonstration all’Italiana war. Es war Barenboims letzte Premiere, Pereiras Chefdirigent wird Riccardo Chailly sein.

Zusammen mit dem Italiener Chailly hat Pereira schon Projekte bis ins Jahr 2020. Er wird dafür weibeln wie nie zuvor, neues Geld suchen. Nach Ferrari sei die Scala der berühmteste italienische Brand in der Welt, so Pereira zur Presse, das verdiene europäische Unterstützung – er meinte damit sowohl Gäste wie EU-Geld... Am Sonntag waren schon mal 10 Millionen Menschen mit dabei: in Kinos, am TV, via Livestream und Twitter. Ab 1. Mai werden Millionen von Menschen wegen der Expo nach Mailand fahren. Gut möglich, dass 2015 nicht alles dumm laufen wird für Pereira.

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