Guillaume Bruère

Der Künstler, der nur Schnellzug fährt

Gemälde und Skulpturen zeichnen, heisst sie anders sehen. Guillaume Bruère beweist das in Zürich.

Ernst schauen einen zwei Männer an. Doch was heisst anschauen? Mit ihren aufgerissenen, grossen Augen, das Gesicht direkt der Betrachterin zugewandt, nehmen sie mich musternd in die Zange. Ist schon gut, ich bin ja brav, murmle ich ihnen in Gedanken zu, ich weiss, wie man sich in einem Kunsthaus verhalten muss. Kommt dieses Gefühl unter Beobachtung zu stehen nur von den Bildnissen selber oder weil ich eben erfahren habe, dass die grossformatigen Wasserfarben-Bleistift-Porträts von Guillaume Bruère zwei Aufsichtsmänner des Kunsthauses Zürich zeigen?

Bruère ist als Porträtist wie als Zeichner in der heutigen Kunstwelt ein Exot. Porträts lebender Menschen sind aber nur ein kleiner Teil seines Werkes. Mit Vorliebe zeichnet der in Berlin lebende Franzose in Kunsthäusern nach Kunstwerken, seit 2012 regelmässig und während jeweils einiger Wochen auch in Zürich. Über 400 Blätter sind seither entstanden, ein Teil davon im Schauspielhaus bei Proben. Eine solch riesige Menge sei nur möglich, weil Bruère sehr schnell zeichne, erklärt Kuratorin Mirjam Varadinis. Auf der Suche nach Inspiration renne er manchmal gar durch die Ausstellungen, sagt Bruère. Wenn den Künstler-Schnellzug dann etwas anblitzt, wird ein Tisch aufgestellt oder eine Rolle Papier am Boden ausgelegt und mit schnellem Strich – mit Bleistift, Fettkreide oder Wasserfarbe – das Kunstwerk in ein neues umgesetzt. Krakelig-zitternd arbeitet Bruère im Kleinen und beim Schreiben, zu Kringeln inspirierte ihn Cindy Shermans Selbstdarstellung als Clown, gross werden die Gesten nur, wenn er zum Wasserfarbenpinsel greift.

Doch was passiert eigentlich, wenn der Künstler die Kunstwerke zeichnet? Es geht ihm ja nicht um möglichst präzise Abbilder und auch nicht um das Umsetzen eines Planes. Alberto Giacomettis dünne Figuren haben es ihm beispielsweise angetan. Mit wenigen farbigen Strichen zeichnet er die Silhouetten dieser verlorenen Seelen – als atmosphärische Interpretation.

38 Mal van Gogh

Am eindrücklichsten kommt dieses Umzeichnen in den Serien zum Ausdruck. In Arnold Böcklins «Krieg» macht er unterschiedliche Figuren zu Hauptdarstellern: Mal das Pferd, dann den Reiter, die Nackte oder den Tod mit der Sense. Doch auch in einem einzigen Gesicht findet Bruère je nach Stimmung Unterschiedliches. 38 Mal hat er das Selbstbildnis Vincent van Goghs mit dem verbundenen Ohr von 1889 gezeichnet und dem Künstlerkollegen dabei unterschiedlichen Ausdruck verliehen: verletzt oder entschlossen, trotzig oder verschlossen, böse einäugig oder mit leerem Blick ... .

Guillaume Bruère arbeitet als typischer Künstler von heute nicht nur mit dem alten Medium Zeichnung, sondern auch performativ. Am 24. Mai wird er erstmals unter Hypnose zeichnen und am 25. August öffentlich am See. Ob der Schnellzug dann langsamer fährt?

Guillaume Bruère Kunsthaus Zürich, bis 8. September. Bilderbuch mit allen 400 Zürcher Zeichnungen: Scheidegger & Spiess, Fr. 48.

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