Schauspiel

Der amerikanische Albtraum

Das Südstaatendrama von Tenesse Williams wird am Theater Basel aufgeführt

Orpheus Desending

Das Südstaatendrama von Tenesse Williams wird am Theater Basel aufgeführt

Die beiden grossen Schauspielhäuser Basel und Zürich brachten am Wochenende zwei amerikanische Klassiker der Moderne zur Aufführung.

Schlag auf Schlag brachten am Wochenende die beiden grössten Schweizer Schauspielhäuser klassische US-Dramatik auf die Bühne. Zürich begräbt mit dem «Tod eines Handlungsreisenden» die Illusion vom humanen Kapitalismus. Bei «Orpheus descending» am Theater Basel bleibt die Unabhängigkeit des Einzelnen auf der Strecke.

Der Feind der Zivilisation kommt von aussen, sagt das Pentagon. Arthur Miller und Tennessee Williams entgegnen, der Feind steckt tief drin, in den Köpfen der braven Bürger. Was davon stimmt, war in den 50er-Jahren ein ideologischer Streit, den rechte Politiker wie linke Oppositionelle vergiftet haben. Heute, in Zeiten der Wohlstandskrise, ist das eine richtig, das andere aber nicht weniger wahr, und so landet das Theater, wenn es die Mythen der Mittelschicht hinterfragt, fast zwangsläufig bei den Klassikern der amerikanischen Moderne. Bei Geschichten, in denen ständig ein Traum platzt. In denen kleine Leute Teller waschen und doch nie Millionen scheffeln. Und der Sheriff die Freigeister jagt, nicht die Verbrecher.

Auf der Kleinen Bühne des Basler Theaters: Zwei alte Tanten (Helga Fellerer, Margot Gödrös) und ein dummes Gör (Carolin Schär) kauen genüsslich ihren Tratsch durch. Ein Schwarzer, Onkel Pleasant (Fabio Freire), fliegt raus. Die County-Schlampe Carol Cutrere, von Hanna Eichel als permanentes öffentliches Ärgernis hingestöckelt, weidet sich am eigenen Auftritt. So weit geht alles seinen Gang in Tennessee Williams’ Südstaatendrama «Orpheus descending» von 1957: die übliche Sozialkontrolle, der übliche Rassismus.

Dann stürzt Val Xavier in den Drugstore, den Adriane Westerbarkey für Florentine Kleppers Inszenierung als hohe, kühle und ziemlich leere Boutique eingerichtet hat, mit einem flatterigen Fliegenvorhang als Raumteiler. Val ist ein Fremder, ein Musiker, ein Sexsymbol – und damit der Orpheus, den Williams meinte. Nur sieht der göttliche Vagant in Basel so gar nicht nach Marlon Brando aus. Thomas Douglas lächelt eine Spur zu feist, die Schlangenhautjacke sitzt eine Spur zu schlabberig, sein Charisma ist eher saloon- als salonfähig, und sein Verhältnis zur Gitarre erweist sich in erster Linie als tragendes.

Das ist, wohlgemerkt, entlarvende Absicht und verrät das Ausmass der erotischen Austrocknung im Dorf. Schnell macht sich unter den Damen ein Prickeln breit, Carol steigert die Vorfreude auf eine Spritztour mit Val und giesst sich Schampus ins Decolleté, der frommen Frau des Sheriffs (Barbara Lotzmann) wird ganz expressionistisch ums Künstlerherz – und Thomas Douglas feiert in der Don-Juan-Rolle ein gelungenes Comeback am Theater Basel.

Die echte sinnliche Herausforderung, und die heimliche Heldin des Stücks, aber hört auf den Namen Lady. Ihr gehört der Drugstore. Sie stellt Val ein. Sie hat das beste Motiv für einen aschekalten Gefühlshaushalt: Ihr Vater, ein italienischer Schwarzbrenner, starb in den Flammen des Ku-Klux-Klan, weil er «Alkohol an Nigger verkaufte».

Niemand half. Ladys damaliger Freund David (Andrea Bettini) kniff, sie verlor ein Baby, verkaufte sich an Jabe Torrance, von dem sie nicht weiss, dass er unter den Brandstiftern war. Dieser Ehemann siecht in Gestalt von Peter Schröder durch die Inszenierung, er terrorisiert das Haus noch als Todkranker und vergeudet seine letzte Kraft für eine Bluttat. Ladys Emanzipationsversuch endet als brutaler Albtraum.

Das ist der hoffnungslos pessimistische Showdown von «Orpheus descending». Bis es so weit ist, kann man eine fabelhafte Chantal Le Moign als Lady Torrance geniessen: wie sie aufblüht, widerspenstig erst, dann geschmückt sein will vom Glück, kompromisslos, obgleich sie ahnt, dass der, ach so, heldenhafte Val bei der ersten Drohung des Sheriffs (Urs Bihler) den Koffer packt. Aufgewühlter Applaus für ein grosses Ensemble auf Kleiner Bühne.

Mit einer lebenden Leiche ist auch Linda Loman in Arthur Millers «Tod eines Handlungsreisenden» verheiratet. Allerdings haben sich die Lomans konsequent mit sich und ihren Lebenslügen arrangiert. So perfekt, dass sie die Realität eher als lästige Fernsehserie sehen, in der sie halt ab und zu auftreten, bis endlich jemand den Aus-Knopf drückt.

Entsprechend packend erzählt Regisseur Stefan Pucher den berühmten Klassiker aus dem Aufnahmestudio. Fünf Podeste mit Kulissen, eine Showtreppe und eine Blue Box nehmen die ganze Breite der Zürcher Schiffbauhalle ein, ein Kameramann schleicht durch die Szene, das Stück wird live auf Leinwände und Bildschirme geschnitten, in der Schwarzweissästhetik der Fünfzigerjahre.

Eingangs wäscht Linda (Friederike Wagner) Teller. Robert Hunger-Bühlers Willy aber betritt wie ein Millionär das Schachbrettmuster der Eingangshalle, um sich die Insignien des American Way of Life: pompöser Eisschrank, schicke Lampen, offener Ford Thunderbird, blonde Frau.

Was die perfekte Simulation einer heilen Welt verhindert, sind die Schulden, Willys geschäftlicher Misserfolg und die beiden grossspurigen Nullen, die Sean McDonagh als Sohn Biff und Jan Bluthardt als Bruder Happy aufs Sofa fläzen. Dazu der Verrat, den Willy im Motel mit einer Platinblondine (Michaela Steiger) an seiner Familie verübt und den er nicht mal eingesteht, als Biff ihn erwischt.

Gross denken, gross rauskommen, den Schein wahren – am Ende ist der American Dream als hartnäckige Zivilisationskrankheit enttarnt. So furchtbar neu ist die Einsicht zwar nicht. Aber ein hervorragendes Ensemble und ein stimmiges Regiekonzept machen die Zürcher Version des «Handlungsreisenden» unbedingt sehenswert.

«Orpheus descending» 23., 27. und 30. September, Theater Basel, Kleine Bühne. «Tod eines Handlungsreisenden»: 20.–22., 24., 28., 29. September, Zürich, Schiffbauhalle. www.theater-basel.ch, www.schauspielhaus.ch

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