Normalerweise ist das ja so eine Sache mit dem Lästern: Irgendwie tut es gut, aber Schuldgefühle sind trotzdem da. Zum Glück ist das beim Verein der Flaneure anders. Mit seinem neuen szenischen Stadtspaziergang «Geschichten aus der Stadt: Nachbarn» gibt er den Zuschauenden die Möglichkeit, Leute zu beobachten, ohne sich dabei schlecht zu fühlen.

Natürlich sind das nicht irgendwelche Leute, sondern die vier Darstellenden aus dem Flaneure-Team. Mit Kopfhörern auf den Ohren spähen die Besucher aus der abendlichen Dunkelheit in die bespielten Wohnungen. Da wären Johannes (Lukas Kubik) und Pascale (Rahel Stork), das junge Paar, das sich zankt und dann wieder lieb hat. Im Haus gegenüber übt sich die Bernerin Esthi (Nina Iseli) im Trommeln – sehr zum Unmut der Nachbarn. Und immer unterwegs und doch stets dabei ist der junge Velokurier (León Cremonini), der bei seinen Kunden gerne einmal Blutbeutel statt Sushi liegen lässt. Dank der Kopfhörer können alle Gespräche mitverfolgt werden – Reality TV in Theaterform sozusagen.

Theater in der Privatwohnung

Die Umsetzung ist denn auch das Faszinierende an diesem Gruppenspaziergang: Über Kopfhörer werden Musiksequenzen oder Gespräche eingespielt. Dazwischen ändert sich die Szenerie, die Darstellenden verlassen ihre Häuser und gehen mit dem Publikum mit.
Es ist bereits das dritte Mal, dass sich die Flaneure dem Format der Stadtrundgänge widmen, das Spiel in den Häusern aber ist neu. Dafür mussten die Verantwortlichen auch Privatpersonen anfragen: Am Quartierflohmarkt wurden Leute gesucht, die ihre Wohnung zur Verfügung stellen. Der Blick in die Räumlichkeiten ist also auch ein Einblick in die Wohnwelt der Basler.

Besonders schön an diesem genau geplanten Abend sind im Übrigen die unvorhersehbaren Momente: Zum Beispiel dann, wenn zwei Joggerinnen am Publikum vorbeirennen und kurz nicht klar ist, ob sie zur Geschichte gehören. Oder die vielen verschiedenen Katzen, die in den Abendstunden um die Häuser schleichen und durch die Szene springen.

Auch sonst ist der Gang durch die Strassen im Wettsteinquartier durch und durch poetisch und fantasievoll: Lucien Haugs Text lässt den Velokurier und damit auch das Publikum in die bizarre Welt des Roche-Dschungels eintauchen, wo Füchse Krawatten tragen und Wasser durch die Gänge fliesst.

Schweigen und Lauschen

So ist der eigentliche Höhepunkt des Abends nicht das Geläster unter Nachbarn oder die verwirrte Bernerin Esthi, sondern das gemeinsame Schweigen: Mit fremden Leuten durchs dunkle Quartier ziehen, alle für sich und doch beieinander, die gleiche Musik in den Ohren, das hat eine ganz eigene Magie. An einem lauen Herbstabend ganz besonders.

«Geschichten aus der Stadt: Nachbarn».  Bis zum 4. November. Treffpunkt ist die Römergasse 24. Die Vorstellungen sind alle ausverkauft – Restkarten an der Abendkasse oder unter www.vereinderflaneure.ch.