Literatur
Christian Kracht: Der Manierist mit Starstatus

Der Schweizer Buchpreis 2016 geht an Christian Kracht für seinen jüngsten Roman «Die Toten». An dem Schweizer Schriftsteller und Journalist scheiden sich die Geister.

Anne-Sophie Scholl
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Vermischt in seinem neuen Roman verbürgte Geschichte mit Fiktion: Christian Kracht.

Vermischt in seinem neuen Roman verbürgte Geschichte mit Fiktion: Christian Kracht.

Keystone

Ist er wirklich gut oder ist es nur funkelnde Form? An Christian Kracht scheiden sich die Geister. So auch bei seinem neuen Buch «Die Toten». Zum Abschluss der BuchBasel wurde dem Kosmopoliten mit Berner Wurzeln gestern der mit 30 000 Franken dotierte Schweizer Buchpreis zugesprochen. Die Jury kürte den Roman des bald 50-Jährigen zum «besten Buch» des Jahres.

Keine Frage: Kracht kann erzählen. Das zeigt sich schon in der Eröffnungsszene des Buches. Kracht schildert darin den rituellen Selbstmord eines japanischen Offiziers. Der Autor zoomt nah heran, er nimmt die «hellgeschliffene Spitze» des traditionellen Dolches in den Blick, zeigt, wie sie die «feine, weisse Bauchhaut» ritzt, deren Wölbung «wenige schwarze Schamhaare umspielen».

Dann schwenkt er um auf die «kirschrote» Blutfontäne, die auf eine «unendlich zart getuschte» Bildrolle spritzt. Die Szene wird tatsächlich durch das Auge einer Kamera betrachtet: schaurig – und zugleich durch die Kunst überhöht.

Achse aus Zelluloid

Krachts Roman «Die Toten» spielt in den 1930er-Jahren am Vorabend der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Der Autor zieht darin eine Parallele zwischen der Eroberung der Welt durch den aufkommenden Faschismus und der Eroberung der Leinwand.

Japanische Filmenthusiasten wollen ein Bollwerk gegen den US-amerikanischen Kulturimperialismus schaffen. Sie lehnen den Tonfilm ab und streben eine «Achse aus Zelluloid» an zwischen Tokio und Berlin. Die Filmrolle mit der Aufzeichnung des rituellen Selbstmords gelangt nach Deutschland.

Alfred Hugenberg, Impresario der deutschen UFA-Filmgesellschaft und historisch verbriefte Figur, spricht Geld für ein filmisches Projekt, verknüpft mit unangenehmen Auflagen. Ein Schweizer Regisseur namens Nägeli kommt ins Spiel, der in Japan allerdings privat und künstlerisch scheitert.

Hochartifizieller Roman

Kracht kultiviert in seinem Roman eine hochartifizielle, manierierte Sprache. Hochartifiziell ist auch der Roman selbst. Der Autor vermischt verbürgte Geschichte mit Fiktion und lässt reale Figuren auftreten, neben Hugenberg auch die Filmkritiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner oder auch Filmemacher Charlie Chaplin.

Das düstere Thema Faschismus, ins Spannungsfeld gebracht mit Sinnstiftung und Halt durch kulturelle Überlieferung, ist eine weitere schillernde Ingredienz. Kracht orientiert sich im Aufbau des Romans am japanischen No-Theater, dessen Schauspieler sich «wie Geister über die Bühne bewegen». Geisterhaft bleiben auch die Figuren im Roman, der sich wie eine Folge kleiner zumeist stummer Filmszenen liest.

Die fünfköpfige Jury des Buchpreises erkannte in dem Roman «eine gelungene Verknüpfung von grossem literarischem Können mit einer hellsichtigen Diagnose unserer Gegenwart.» Christian Kracht hat seit dem Erscheinen seines Debüts von 1995 Starstatus. Mit jedem neuen Buch ist ihm jeweils schon vor dessen Erscheinen grosses Raunen gewiss.

Nicht ganz so positiv wurde sein neuer Roman allerdings in der Kritikerrunde im letzten «Literaturclub» von SRF aufgenommen. Kritiker Philipp Tingler sah darin die Manifestation einer neuen Art Literatur ähnlich der Kunst eines Damian Hirst: Virtuose Kunst, die alles zeigt und zugleich alles offenlässt. Kunst, die zur schillernden Oberfläche wird und damit eine inhaltliche Leerstelle liefert, die für jede Interpretation offen ist.

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