Kulturpolitik

Chefin der Bundeskultur: «Ich bin die Fitmacherin der Schweizer Kultur»

© Alex Spichale

Isabelle Chassot ist seit 100 Tagen Direktorin im Bundesamt für Kultur. Für die Freiburger Ex-Regierungsrätin ist Kultur ein Eckpfeiler der Gesellschaft. Die Kulturpolitik dürfe aber nicht der Bund diktieren.

Frau Chassot, Sie sagten, Sie wollten nicht Trainerin der Schweizer FilmNationalmannschaft werden. Wenn nicht Trainerin der Kulturschaffenden, wie verstehen Sie sich denn als Direktorin des Bundesamtes für Kultur?

Isabelle Chassot: Ich verstehe mich als Fitmacherin der Schweizer Kulturlandschaft. Die Rolle des Bundesamtes für Kultur ist es, Drehscheibe und Partner für die Kulturschaffenden zu sein. Ich sage doch nicht, wer wo was spielt.

Die Kulturschaffenden möchten, dass Sie ihre Vertreterin sind, und die Politik in Bern möchte, dass Sie ihr Instrument sind. Ist Drehscheibe da richtig?

Ja, im Sinne eines «go between». Das heisst, ich will die Bedürfnisse der Kulturschaffenden den Entscheidungsträgern hier in Bern bekannt machen, sie sensibilisieren, Strategien für sie entwickeln und deren Umsetzung an die Hand nehmen. Ich sehe mich als Mediatorin, als Brückenbauerin.

Die Kulturschaffenden haben sehr positiv auf Ihre Wahl reagiert und gleich ihre Wünsche – meist mehr Geld –
deponiert. Wenn Sie das nicht geben, droht Liebesentzug. Eine schwierige Situation?

Nein, das habe ich erwartet. Und ich habe schnell gesagt: Ich bin keine Dea ex Machina, ich werde die Mittel nicht herzaubern können. Wir werden Prioritäten setzen müssen. Wir werden aber versuchen, verständlich zu machen, dass die Kultur mehr braucht. Dass alle mehr bekommen, ist allerdings unmöglich. Nicht Zaubern, aber Transparenz und Engagement können die Kulturschaffenden von mir erwarten.

Sie sind 100 Tage im Amt. Welche Überraschungen haben Sie erlebt?

Sehr positiv war der Empfang durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und ich war beeindruckt von ihrem Engagement, wie sie mit den Ressourcen, die sie haben, Wunder zu bewirken versuchen. Nicht bewusst war ich mir, wie stark das Bundesamt für Kultur in den letzten Jahren von den Sparmassnahmen des Bundes betroffen war.

Der Bund gibt ganze 0,4 Prozent des Gesamtbudgets für Kultur aus.
Ist Kultur so unwichtig?

Es ist wenig, aber die Mittel allein sagen nicht alles über die Wichtigkeit. Es zwingt uns, kreativ, sehr kreativ zu sein. Gerade jetzt, wo wir an den Zielen der Kulturbotschaft 2016–2019 arbeiten. Was wollen wir? Wie? Mit welchen Mitteln?

Ihr Chef, Bundesrat Berset, führt ein grosses Departement. Die Kultur ist wohl nicht seine erste Priorität.

Für einen Bundesrat, der ein Departement mit so vielen Aufgaben hat, ist er in der Kulturpolitik und in unseren Diskussionen sehr präsent. Das freut mich.

Ist Bundesrat Berset ein guter Chef?

(lacht) Ich werde nie einen Mitarbeiter oder einen Chef öffentlich bewerten. Ich kann nur sagen: Es macht mir Freude, mit ihm zu arbeiten.

Sie waren Regierungsrätin, nun sind Sie Direktorin eines Bundesamtes.
Sie haben Macht abgegeben. Fällt Ihnen das wirklich so leicht?

(zögert) Es war nie die Macht als Regierungsrätin, die mir am wichtigsten war. Ich wollte etwas bewegen, Impulse geben für die Veränderungen in der Gesellschaft. Und was heisst Macht bei einem Regierungsrat? Das ist immer geteilte Macht: mit den sechs Kollegen, mit dem Parlament und dem Volk. Hier bin ich alleinige Direktorin in einem Amt, und ich habe nur einen Chef.

Zu Ihrem neuen Berufsleben: Sie haben von Prioritätensetzung gesprochen. Was packen Sie als Erstes an?

Wir arbeiten an der neuen Kulturbotschaft. Da darf ich Ihnen noch keine Details verraten. Aber die erste Priorität ist das Amt selber. Werden wir den Aufgaben gerecht? Wie können wir das Netzwerk, unsere Aufgabe als Drehscheibe verbessern und Motivator sein für notwendige Änderungen?

Und die thematischen Schwerpunkte?

Einige Prioritäten sind uns gesetzt worden. Vom Volk und vom Parlament. Wir müssen die Initiative Jugend und Musik umsetzen. Eine andere ist die Literaturförderung. Wir haben die Volksabstimmung über die Buchpreisbindung verloren, aber wir haben den Auftrag des Parlamentes, andere Massnahmen zur Förderung der Literatur zu finden.

Die Unterstützung von Literatur-Zeitschriften wurde schon angekündigt, kommt auch die succès livres, also die erfolgsabhängige Buchförderung?

Die Buchpreisbindung wäre die Massnahme gewesen für das Buch, den Buchhandel und die Buchindustrie. Jetzt, und das ist mir wichtig, müssen wir eine Förderung machen, die nicht das Buch, sondern die Literatur im Fokus hat. Wir müssen sie erstens für das ganze Land machen, zusammen mit Pro Helvetia den Austausch über die Sprachgrenzen stärker fördern. Zweitens müssen wir den Verlegern Hilfe leisten, um die Qualität der literarischen Produktion zu stärken. Die Verlage haben heute kaum mehr die Mittel für Lektorate, das Mentoring. Und drittens müssen wir die Kritik stärken. Sie ist sehr wichtig in der Vermittlung und der Leseförderung.

Sie und Herr Berset haben in Solothurn neue Förderinstrumente für den Film versprochen. Was wird das sein?

Zwei Dinge: Unterstützung für Drehbücher. Gute Filme brauchen gute Geschichten, gute Drehbücher. Und das Zweite: Der Schweizer Film muss international präsenter sein. Wir sind bei Koproduktionen dabei, aber die Filme werden im Ausland gedreht. Es wäre wichtig, dass es Drehs in der Schweiz gibt, damit die ganze Kette – vom Drehbuch über die Technik bis zur Produktion – in der Schweiz existiert und stark ist.

Das ist der Blick auf die Macher. Gibts auch den Blick auf die Konsumenten?

Unbedingt! In einer direkten Demokratie, in der die Teilhabe an der Gesellschaft zentral ist, ist der Zugang zur Kultur ein Eckpfeiler. Leseförderung, die Initiative Jugend und Musik gehen in diese Richtung. Und es gibt die Laienkultur, der französische Begriff culture populaire trifft das besser, die es zu fördern gilt.

Nach der ersten Kulturbotschaft 2012–2015 gab es einige Enttäuschte. Die Baukultur war nicht enthalten. Wollen Sie das korrigieren?

Wir sind uns bewusst, dass bauen ein kultureller Akt ist. In einem Land, in dem die demografische Entwicklung einen solchen Bauboom ausgelöst hat, ist es dringend nötig zu fragen: Wie baut man? Wir wollen doch unseren Nachkommen gute Siedlungen, ein schönes Land hinterlassen, aber kein Ballenberg. Für Baukultur ist allerdings nicht der Bund allein zuständig.

Erachten Sie die föderalistischen Strukturen, den Lead der Kulturförderung bei den Kantonen als richtig?

Ich bin eine Vertreterin des föderalistischen Systems. Aber dort, wo wir Kompetenzen haben, kann ich den Regionen schon sagen: So gehts nicht. Wenn wir beispielsweise in der Denkmalpflege nationale Inventare haben, werde ich dafür kämpfen, dass sie respektiert werden. Föderalismus hat Sinn und wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu zentralistisch werden, dass nicht nur eine Person in einem Amt sagen kann, was richtig oder falsch ist.

Ist das eine Absage an eine nationale Kulturpolitik?

Im Gegenteil. Wir brauchen eine nationale Kulturpolitik, aber nicht eine, die der Bund diktiert. Weil er eine globale Sicht hat, ist er verantwortlich, dass wir zu einer kohärenten Kulturpolitik kommen. Für die Kulturschaffenden sind die kantonalen Grenzen ein Problem, sie müssen diese überspringen können. Das geht nur, wenn Kantone, Gemeinden und der Bund gemeinsam arbeiten.

Das Bundesamt hat neu die Aufgabe, Preise zu vergeben. In Kunst, Design und Literatur sind sie eingeführt – leider nach dem Giesskannenprinzip. Verpufft die Wirkung nicht, wenn zu viele ausgezeichnet werden?

Die Frage ist ein wenig komplexer als nur die Anzahl. Es gibt zwei Ziele: Man muss einzelnen Künstlern helfen, auf die nationale Bühne zu kommen. Dann sind es fünf, sechs oder acht Preise, um die man sich bewerben kann. Ob es zu viele sind, werden wir diskutieren. Daneben gibt es wenige Preise für das Gesamtwerk, als Anerkennungspreise. Wichtig ist, dass die Preisträger wie die Kunstsparten dadurch nationale Aufmerksamkeit bekommen. Dieses Jahr wird es erstmals Musikpreise geben und am ersten Schweizer Theatertreffen erstmals Theaterpreise.

Welchen Ratschlag geben Sie als Kultur-Fitnesstrainerin den Kunstschaffenden, damit sie einen Oscar, einen Literatur-Nobelpreis gewinnen?

Sie müssen Vertrauen in die hohe Qualität ihrer Arbeit haben. Wir können ihnen helfen, internationale Beachtung zu finden. Aber für gute Qualität braucht man im Film wie in der Literatur gute Themen. Und gute Geschichten gut zu erzählen, ist das Alpha und Omega, im Film wie in der Literatur.

Isabelle Chassot

Von 2002 bis 2013 war Isabelle Chassot (49) CVP-Staatsrätinin Freiburg für Erziehung, Kultur und Sport. Ab 2006 war sie Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK. Vor ihrer Wahl in die Freiburger Regierung war sie persönliche Mitarbeiterin von Bundesrat Arnold Koller und von Bundesrätin Ruth Metzler, ihrer Studienkollegin. Chassot lebt in Freiburg, sie bezeichnet sich alsFamilienmensch, auch wenn sie nicht mit Mann und Kindern lebe. Ihr Amt als Direktorin des Bundesamtes für Kultur trat sie am 1. November 2013 an, ihr Chef ist der FreiburgerBundesrat Alain Berset (SP). (sa)

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