Theater Basel
Bruno Cathomas: «Die Rückkehr nach Basel war grandios»

Bruno Cathomas sagt, warum er am Wilhelm Tell so litt, warum er mag, dass seine Kunst vergänglich ist und warum Schweizer eigentlich glücklich sein sollten.

Mathias Balzer
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Bruno Cathomas als Wilhelm Tell am Theater Basel
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Bruno Cathomas als Wilhelm Tell in der Inszenierung von Stefan Bachmann am Theater Basel.
Bruno Cathomas als Wilhelm Tell in der Inszenierung von Stefan Bachmann am Theater Basel.
Bruno Cathomas als Wilhelm Tell in der Inszenierung von Stefan Bachmann am Theater Basel.
Bruno Cathomas als Wilhelm Tell in der Inszenierung von Stefan Bachmann am Theater Basel.

Bruno Cathomas als Wilhelm Tell am Theater Basel

Nicole Nars-Zimmer niz

Die Rückkehr von Bruno Cathomas und Stefan Bachmann ans Theater Basel ist von Erfolg gekrönt. Ihr «Wilhelm Tell» zieht das Publikum in Scharen an. Cathomas gibt im spektakulären Schweizerkreuz des Bühnenbildners Olaf Altmann den Tell. Dick, bärtig-zottelig und bärbeissig, obwohl die Schauspieler im eingelassenen Kreuz gar nicht aufrecht stehen können. Das Gespräch mit dem aus Graubünden stammenden Schauspieler in der Kantine des Theater Basel wird zu einer Reflexion über die kreative Kraft von Widerständen in der Kunst, die Vergänglichkeit des Theaters, — und zu einem Plädoyer für weniger Angst in dieser Welt.

Herr Cathomas, wie fühlt sich das an, seit 30 Jahren ein Nomadenleben zu führen

Bruno Cathomas: Am Anfang war es nicht so schlimm. Mittlerweile drehe ich aber mehr Filme. Kommt hinzu, dass die Theaterhäuser untereinander koproduzieren. Das heisst für uns Schauspieler, dass wir pendeln müssen. Wie beispielsweise jetzt für den «Tell» in Basel. Ich reise für jede Vorstellung an. In Zukunft wird das zunehmen. Für uns Schauspieler ist das anstrengend.

Die Proben waren aber in Basel?

Ja, einen Monat lang. Das war super. Obwohl wir auch dann für Vorstellungen nach Köln reisen mussten.

War die Premiere in Basel eine Art Heimkehr?

Die Rückkehr war grandios. Ich wusste gar nicht, dass Theater ein Gedächtnis hat. Ich dachte immer: aus den Augen aus dem Sinn. Hier in Basel war das total anders. Schon im Theater: Von der Pförtnerin bis zur Requisite gab es einen herzlichen Empfang. Und auch das Publikum: Die Basler haben sich richtig gefreut, dass Stefan Bachmann und ich wieder hier sind. Ich konnte nur darüber staunen, wie uns die Leute gefeiert haben. Da kamen mir schon beinah die Tränen. So was hab ich bisher noch nicht erlebt.

Das spricht für Ihre Ära hier in Basel in den Jahren 1998 bis 2003.

Das zeigt vor allem die Sehnsucht des Publikums. Als wir hier waren, waren wir ja nicht so wohlgelitten. Ich hatte damals Plakate am Auto, wo stand: ‹Machen Sie Ihr Unterhosentheater wo anders!›

Die Erinnerung macht eben alles schöner, als es wirklich war.

Ja, vielleicht. (lacht)

Sie sprachen vom Erinnern und Vergessen. Nach 30 Jahren auf der Bühne in unzähligen Rollen: Gibt es nicht den Wunsch, dass etwas zurückbleibt von dieser vergänglichen Kunst?

Komischerweise nicht. Ich hab kein Problem damit, ein Stück irgendwann zu beenden. Sogar bei richtig grossen Sachen, wie «Murx den Europäer» an der Volksbühne Berlin, das ich 14 Jahre gespielt habe, oder hier in Basel sechs Jahre lang den «Merlin». Es ist nicht schlimm, dass die Dinge vorbeigehen. Was mir schon wehtut, ist, dass die Ära von Frank Castorf in Berlin jetzt zu Ende geht. Aber das ist, weil ich da sozialisiert worden bin. Diese Zeit hat mich unheimlich geprägt.

Und all die Figuren, die sie gespielt haben. Kehren die in den Träumen wieder?

Interessant ist, dass man mit den Rollen erwachsen wird. Ich spiele beispielsweise in «Hamlet» jetzt den Hamlet. Früher war ich Claudius. «Sommernachtstraum» hab ich einmal inszeniert und fünf Mal gespielt, aber nie in derselben Rolle. So kenne ich das Stück in- und auswendig. Das ist der Vorteil der Erfahrung. Ich muss sehr viele Stücke, die mir angeboten werden gar nicht erst lesen.

Der Vorteil der Erfahrung. Trotzdem bleibt von Ihrer Kunst letztendlich nichts übrig.

Ich mag ja genau diesen flüchtigen Moment, dass eben nichts bleibt vom Theater. Das hat auch den grossen Vorteil, dass die schlechten Arbeiten niemand mehr sehen kann. Beim schlechten Film ist das schlimmer. Der kommt ja dann immer wieder (lacht)! Aber im Ernst: In der Erinnerung der Leute bleibt mehr haften, als man denkt. In Berlin spreche ich mit Leuten immer noch über «Shoppen & Ficken» oder «Murx». Die guten Sachen bleiben eben schon im Gedächtnis.

Von Laax auf die grossen Bühne und ans Filmset

Bruno Cathomas ist 1965 im bündnerischen Laax geboren. Nach einer Lehre als Schlosser studierte er an der Schauspielakademie in Zürich. Ab 1992 spielte er an der Volksbühne am Rosa-Luxenburgplatz. Er entwickelte in dieser Zeit sein Schauspielhandwerk unter Regisseuren wie Frank Castorf, Christoph Marthaler, Johann Kresnik, Leander Hausmann. 1999 spielte Cathomas in der legendären Inszenierung von «Shoppen & Ficken» von Thomas Ostermeier in Berlin. Danach holte ihn Stefan Bachmann ans Ensemble nach Basel, wo Cathomas bis 2003 arbeitete. Ab 2002 war der Schauspieler vor allem an der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz zu sehen. Von 2009 bis 2013 war er festes Ensemblemitglied des Thalia Theater Hamburg. Seit der Spielzeit 2013/14 ist er am Schauspiel Köln und am Thalia Theater Hamburg engagiert.

Als freier Regisseur inszenierte Cathomas in Basel, Berlin, Chemnitz und Potsdam. Ausserdem spielte er in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen. Für seine Hauptrolle in Didi Danquarts «Viehjud Levi» wurde er 1999 für den Deutschen Filmpreis nominiert. 2008 bekam er den Schweizer Filmpreis als bester Darsteller in Armin Biehlers «Chicken Mexicaine». Zurzeit tritt er in Hamburg, Düsseldorf, Basel und Köln auf. In Frankfurt laufen derzeit Filmaufnahmen für den «Tatort», in dem Cathomas den Chef der Mordkommission spielt. In Zürich ist er derzeit an einem Spielfilm über Privatbankiers beteiligt. Cathomas wohnt mit seinem Partner in Köln und Berlin. (bal)

Im Moment spielen sie den Tell in diesem spektakulär absurden Bühnenbild von Olaf Altmann. Wie war es, als Sie erstmals in diesem Kreuz standen, respektive knieten?

Ich muss ehrlich sagen, ich war schon ziemlich wütend auf Stefan Bachmann. Denn ich war zuerst so froh, dass er mich gefragt hat, ob ich den Tell in Basel spielen möchte. Hier, wo ich Castorfs legendären «Tell» gesehen habe. Als ich aber das Bühnenbild zum ersten Mal sah, und die Entscheidung fiel, alles im Rhythmus zu sprechen, und ich mein Kostüm bekam, in dem ich aussehe, wie ein Biber: Da dachte ich schon, was hat denn dieser ganze Scheiss mit mir zu tun (lacht)!

Eine schwierige Rückkehr also?

Wenn ich das alles vorher gewusst hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht zugesagt. Die ersten drei Wochen bin ich jeden Tag mit Rückenschmerzen und unglaublichem Muskelkater aufgestanden. Die ersten vier Wochen kam ich nicht mal da hochgeklettert, weil ich viel zu schwer bin. Und als ich dann endlich hochkam, war ich so ausser Atem, dass ich den Text nicht mehr sprechen konnte. Da gehst Du am Abend nach Hause und denkst: ‹Mein Gott, ich bin zu alt, ich schaff das nicht mehr! Wie soll ich so einen Helden spielen!›

Die Schauspielerhölle ...

Ja, natürlich. Die ersten drei, vier, sechs Wochen hast du keine Ahnung, wo das hinzielt. Vielleicht wird das total geil, vielleicht auch der grösste Scheiss, den du je gemacht hast. Du weisst es nicht!

Eigentlich ist das Bühnenbild eine Zumutung für Schauspieler.

Genau. Psychologisches Spiel kannst du grad mal vergessen. Du hast nur Sprichwörter und irgendwie bescheuerte Sätze zu deklinieren. Bachmann ist aber ein Regisseur, der nicht mit fertigen Konzepten arbeitet, sondern sehr intuitiv. Er lässt sich auf solche Konstellationen, wie dieses Bühnenbild, diese Sprache, diese Kostüme ein, ohne alles vorzudenken. Plötzlich wird aber klar, dass man das alles genau so erzählen muss!

Also doch ein gutes Bühnenbild?

Klar! Bei mir beispielsweise wird diese Enge noch enger, weil ich so dick bin. Nachdem Du leidest wie die Sau, kapierst du plötzlich, wie das funktioniert. Künstler brauchen eben genau diese Reibung, diesen Widerstand, um Neues zu erfahren.

Ihr verleiht Schillers Text einen ungeheuerlichen Sound. Stellenweise wird er gerappt. Wie kamen Sie denn darauf?

Am Beginn der Proben haben wir lange nur den Text gesprochen, weil Stefan Bachmann, meinte, er wolle noch nicht ins Bühnenbild, weil er noch keine Idee dazu habe. Er hatte aber die Idee, diesen rhythmischen Text eben genauso rhythmisch zu sprechen. Und plötzlich merkten wir, dass Schillers Sprache so viel besser funktioniert. Wie kann man Sätze wie ‹Der Starke ist am mächtigsten allein› heute sprechen? So was kann man doch gar nicht mehr sagen heutzutage. Aber mit Rhythmus geht es plötzlich. Man hört die Sprache neu. Sie wird wieder rätselhaft und komisch. Der Rütlischwur zum Beispiel: Der bekommt bei uns etwas Ernsthaftes und Berührendes. Aber gleichzeitig müssen sich natürlich alle im Kreuz bücken, um den Freiheitsschwur zu sprechen (lacht).

Die Inszenierung dreht diese Heldenmythen ins Absurde. Es fehlen jedoch jegliche expliziten Verweise auf die Gegenwart. Gerade für die Schweiz als Nicht-EU-Trutzburg gäbe es da doch viele Assoziationsangebote.

Das sind Entscheidungen, die während der Arbeit fallen. Wir haben im Lauf der Proben immer mehr reduziert. Wir versuchten Bachmanns Idee treu zu bleiben, den «Tell» wie einen Alpenwestern zu zeigen, aber sehr reduziert. Wir haben sehr viel ausprobiert und sehr viel wieder fallen gelassen. Es gibt dieses Kreuz, man denkt vielleicht an Höhlen oder den Gotthard. Letztendlich regt die Reduktion die Fantasie der Zuschauer an.

Sie selbst leben seit 30 Jahren nicht mehr in der Schweiz. Wie sehen Sie Ihre Heimat von aussen?

Immer noch zwiespältig. Im Grunde hat mit dem Aufkommen der SVP in den Neunzigern begonnen, was jetzt in Europa geschieht. Restauration auf vielen Ebenen, politisch und kulturell. Ich leide wie die Sau darunter. Ich bin durch und durch Welt- und EU-Bürger und ich verstehe all diese Ängste nicht. Die Schweiz ist jedes Mal, wenn ich zurückkomme, noch reicher, noch teurer, — und die Angst noch grösser. Dabei sind die Schweizer doch weltoffen. Man trifft sie auf dem ganzen Globus an. Zu Hause aber beschweren sie sich über die vielen Ausländer im Tram. Dabei ist es doch so: Wir hier in Europa und im Speziellen in der Schweiz haben es noch nie so gut gehabt. Eigentlich müssten wir die glücklichsten Menschen sein.