Serie Lebensentscheide

Bleiben oder gehen? Orden oder Liebe?

Lukas Niederberger. HO

Lukas Niederberger. HO

Zur Ausstellung «Entscheiden» des Stapferhauses Lenzburg erzählen Menschen von ihren Lebensentscheiden. Heute berichtet der Theologe Lukas Niederberger von seinem schweren Entscheid zwischen dem Jesuitenorden und der Liebe zu einer Frau.

«Zweimal war es die Beziehung zu einer Frau, die mich vor die Entscheidung stellte: Bleiben oder gehen? Ich lebte als Jesuit in der Ordensgemeinschaft und eine heimliche Liebesbeziehung wollte ich auf die Dauer nicht.

Als ich mich zum ersten Mal verliebte, entschied ich mich für den Orden. Es hielt mich zu viel zurück: Meine Arbeit als Jesuit war spannend, ich war viel beschäftigt, viel unterwegs, mit zunehmender Verantwortung betraut und frei von jeglichen materiellen Sorgen. Als ich mich sechs Jahre später zum zweiten Mal verliebte, gab es nebst der Frau, die die Entscheidung auslöste, auch eine tiefere Ursache: Ich hatte ein paar Jahre unter lauter über siebzigjährigen Jesuiten gelebt. Ich hingegen war gut vierzig und mit den üblichen Midlife-Fragen konfrontiert: Will ich dispensiert von jeglicher materieller Sorge alt werden, saniert bis zum letzten Tag? Will ich mein Leben weiterhin über die Arbeit definieren und nicht über die Beziehungen zu Menschen? Ist das nicht ein zu bequemes Leben? Zieht es nicht einfach an mir vorbei?

Die Angst vor dem Urteil mancher Menschen beschäftigte mich natürlich. Und einige reagierten auch sehr enttäuscht, andere gar vorwurfsvoll. Meine Beziehung zu Gott hat aber unter diesem Bruch nicht gelitten – im Gegenteil. Die partnerschaftliche Liebe ist der konkreteste Ausdruck göttlicher Liebe. Als Jesuit lernte ich ja 22 Jahre lang, dass Gott in allen und allem zu finden ist – ganz speziell also in der Partnerin. Es spielten sich jedoch andere Szenarien und Hochrechnungen in meinem Kopf ab. Der Preis war absehbar, ich würde meine Ordens-Familie verlieren, ich würde ohne Hab und Gut, ohne Bankkonto und ohne Altersvorsorge dastehen – und ohne Beruf.

Ein Schlüsselmoment war das Gespräch mit meiner Mutter, deren Ängste auch hauptsächlich um meine fehlende Altersvorsorge kreisten. Mir wurde klar, dass dies für mich nicht matchentscheidend sein konnte, und so stellte ich mich meinen Ängsten. Ich malte mir ein Worst-Case-Szenario aus: Ich würde alt sein und mausarm und allein. Und dann? Ich könnte meinen Lebensabend zum Beispiel in jenem Altersheim für ausgesteuerte Männer verbringen, mit dem ich als Jesuit einst in Kontakt gekommen bin. Die Männer dort schienen mir jedenfalls zufrieden. Ich könnte die Stadt-Bibliothek aufsuchen und mich mit Freunden treffen. Das Worst-Case-Szenario verlor damit seinen Schrecken.

Nach viel Kopf-Arbeit entschied ich mich für den Austritt aus dem Orden. Unabhängig davon, ob die Liebe zur Frau von Dauer war oder nicht. Sie war es nämlich nicht. Ich habe die Entscheidung trotzdem keine Sekunde bereut. Und ich bin überzeugt: Jener Sommer 2007 war genau der richtige Zeitpunkt für diesen grossen Schritt.»

*Aufgezeichnet von Sibylle Lichtensteiger, der Leiterin der Kulturinstitution Stapferhaus Lenzburg, die bis zum 30. November im Zeughaus Lenzburg die Ausstellung «Entscheiden» zeigt.

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