Bei Wikipedia gab es plötzlich zwei Kategorien amerikanische Schriftsteller: «American novelists» und «American women novelists». Als Nutzerinnen – und allen voran die Autorin Amanda Filipacchi – diese Trennung in «Schriftsteller» und «weibliche Schriftsteller» bemerkten, reagierten sie empört. Die Diskussion schwappte weit über die USA hinaus. Denn hier ging es nicht nur um verletzte Gefühle von einigen wenigen Autorinnen oder um einige unverbesserliche Feministinnen, sondern tatsächlich um Grundsatzfragen.

Die Lexikon-Grossmacht Wikipedia hat die, nennen wir sie mal «unglückliche», Kategorien-Einteilung unterdessen rückgängig gemacht. Aber die Geschichte zeigt zwei Dinge exemplarisch. Erstens: Wikipedia ist eine gefährliche Informationsquelle, weil jeder und jede, der will, Dinge publizieren, ändern, löschen kann. Und zweitens: Die Diskussion über sexistische Ausgrenzungen, über die Wahrnehmung von Künstlerinnen, ihre Diskriminierung und ihre Gleichstellung, ist noch lange nicht ausgestanden.

Doch, wie kam es überhaupt zu dieser Geschlechter-Einteilung? John Pack Lambert, Student der Wayne State University und seit Jahren einer der Millionen freiwilliger Wikipedia-Schreiber, fand die Liste der «American novelists» zu lang und zu unübersichtlich. Also reaktivierte er den nicht mehr genutzten Eintrag «American women novelists». Er behandelte diese Kategorie aber nicht als das, was sie sein müsste, als Unter-Kategorie nämlich, sondern als Ersatz. Er begann bei A und – weil er gerade dabei war – machte er mit englischen und australischen Autorinnen weiter. Er degradierte etwa die Weltautorin A. L. Kennedy zu «Scottish woman novelist». Bei der USA-Liste schaffte er es bis zum Buchstaben D, bis es auffiel – und bis Amanda Filipacchi einen Kommentar in der «New York Times» schrieb. Titel: «Wikipedias Sexismus gegen Schriftstellerinnen.» Das löste dies- und jenseits des Atlantiks und im globalen Netz Reaktionen aus. Zum einen Protest und zum anderen Schimpf und Häme gegenüber den überempfindlichen Frauen und den ewig gestrigen Feministinnen.

Wer aber nur einen Moment darüber nachdenkt, was diese Aufteilung im Grunde heisst, wird den Protest sehr wohl verstehen. Wenn die Autorinnen aus der generellen Kategorie der Autoren ausgeschieden werden, heisst das nichts anderes, als dass Frauen keine «normalen» Schriftsteller mehr sind, sondern etwas Eigenes, etwas anderes. Die Frauenfalle schnappt zu: Schriftstellerinnen sind demnach nicht richtige Autorinnen, sondern eben nur weibliche Schreibende. Sie werden mit dieser Frauen-Kategorie in ein Getto gesteckt und zur Nebenklasse degradiert.

Das ist diskriminierend – aber nicht untypisch für Wikipedia, wie die Autorin Joyce Carol Oates twitterte: «Die Voreingenommenheit von Wikipedia ist ein exakter Spiegel der allgemeinen Voreingenommenheit». Und Literaturwissenschafterin Elaine Showalter schrieb zurück: «Wikipedia beschneidet die Zahl der amerikanischen Schriftsteller, indem es die Frauen wegnimmt! Ein neuer Schritt zurück.» Die Diskussionen gehen weiter und weiten sich gar aus, wie James Gleick in seinem Blog in der «New York Review of Books» schreibt. Nicht nur Frauen seien in vielen Teilen des Online-Lexikons diskriminiert, sondern auch Menschen nicht weisser Ethnien. Als Beispiel führt er die Autorin Maya Angelou auf. Sie sei in Wikipedia unter «African-American writers», African-American women poets» und «American women poets» zu finden, nicht aber bei den «American writers» und nicht bei den «American poets».

Die Geschichte zeigt, was ein einzelner Wikipedia-Schreiber anzurichten vermag. Kommt dazu, dass die meisten Einträge von Leuten stammen, die selber einer einzigen Kategorie angehören. «Rund 90 Prozent der Wikipedia-Autoren sind Männer, und man sieht es», kommentiert etwa die Zeitschrift «New Scientist». Es sind, müsste man ergänzen, mehrheitlich weisse und eher jüngere Männer.

Selbst wenn ein Schreiberling wie Lambert gestoppt und die diskriminierende Kategorie entfernt wird, bleibt mehr als ein schaler Nachgeschmack. Denn Amanda Filipacchi berichtet, was ihr nach ihrem Protest passiert ist: Ihr eigener Wikipedia-Eintrag wurde verändert, Links wurden gestrichen und selbst die Einträge über die Firma ihrer Eltern wurden gelöscht. Sie sollen wieder erstellt, teilweise aber bereits wieder gelöscht oder verändert worden sein. «Revenge editing», Rache-Editierung heisst dieser Vorgang. Und manche Kommentierende fragen zu Recht besorgt: Was wäre, wenn Amanda Filipacchi nicht eine Kommentatorin der «New York Times» wäre? Welche Chance hätte jemand ohne mediale Rückendeckung gegen die Macht von Wikipedia?