Kultur

Avril Lavigne: «Manchmal geschehen ernste Dinge, die dich reifen lassen»

Sie hat eine fürchterliche Zeit hinter sich. April Lavigne war die rotzfreche Skatergöre. Jetzt gibt sie ihr Comeback als gereifte 34-jährige Dame. Auf «Head Above Water» zeigt sie sich stimmgewaltig und inhaltlich weitaus tiefer als bisher.

Avril Lavigne hat eine fürchterliche Zeit hinter sich. Seit 2015 litt die Sängerin an einer lebensgefährlichen Form von Hirnhautentzündung, zwei Jahre lag sie praktisch flach, danach kämpfte sich die Kanadierin, die mit kecken Hits wie «Complicated» und «Girlfriend» zur Symbolfigur der Skaterjugend wurde, mühsam ins Alltagsleben und in den Beruf zurück. Mit 34 Jahren hat Lavigne nun wohl das erste wirklich erwachsene Album ihrer Karriere gemacht. Auf «Head Above Water» zeigt sie sich stimmgewaltig und inhaltlich weitaus tiefer als bisher. Wir haben sie in ihrer Villa in Hollywood angerufen.

Guten Morgen, Avril. Sie müssen früh aufgestanden sein.

Avril Lavgine: Gut, es ist kurz nach 10 Uhr, das ist jetzt nicht unbedingt wahnsinnig früh. Für mich aber schon. Ich bin der totale Nachtmensch, so wie die meisten meiner Freunde. Ich habe an den neuen Songs am allerliebsten spätabends oder nachts gearbeitet.

Was bedeutet Ihnen das neue Album?

Unglaublich viel. Für mich markiert es eine Wiedergeburt und den Start zum zweiten Teil meiner Karriere, ja meines Lebens. «Sk8er Boi» war seinerzeit der Anfang, der Song bestimmte fast 15 Jahre lang den Ton meiner Musik. «Head Above Water» ist jetzt wirklich ein Neubeginn, in jeder Hinsicht. Ich habe viel durchgemacht, bin erwachsener geworden.

Sie waren schwer an Lyme-Borreliose erkrankt, daraus wurde eine hartnäckige Hirnhautentzündung. Bis die Diagnose feststand, vergingen Monate, und die Genesung dauerte mehr als zwei Jahre. Was nehmen Sie mit aus dieser Zeit?

Ich bin glücklich und dankbar, dass ich überhaupt noch am Leben bin und heilfroh, dass ich meine Musik hatte, denn ich hatte oft das Gefühl, sie hat mir Leben eingehaucht. Sobald ich wieder aufstehen konnte, schleppte ich mich an mein Klavier und schüttete mein Herz aus.

Den Song «Head Above Water» haben Sie angeblich geschrieben, als Sie dachten zu sterben.

Ja, eines Nachts habe ich geglaubt, dass ich ersticke und förmlich ertrinke. Meine Mutter lag neben mir im Bett und hielt mich. Seltsamerweise hatte ich irgendwie meinen Frieden mit dem Tod gefunden. Ich betete zu Gott, dass er meinen Kopf über Wasser halten möge. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal seit langem wieder Songs schreiben wollte. Es war, als sei ich auf eine sprudelnde Quelle gestossen.

Wie sind Sie wieder in die Gänge gekommen?

Nur sehr langsam. Wenn du da liegst, merkst du erst, wie wichtig und wie gross die vielen kleinen Dinge des Lebens sind. Du denkst Mensch, ich würde so gern in die Küche gehen und mir einen Kaffee machen. Zwei Jahre lang war mir das nicht möglich. Oder ein Abendessen mit einem Glas Wein. Freunde besuchen. Mich einfach ins Auto setzen und irgendwo hinfahren.

Haben Sie dann Stück für Stück Ihr normales Leben zurückerobert?

Nein, es war ein Auf und Ab. Und das ist es noch immer. Ich habe gute Tage und Tage, an denen ich merke, dass ich langsam machen muss. Im Moment bin ich noch nicht wieder die alte Superwoman. Aber ich kämpfe mich zurück, das Glas ist sicher halb voll und nicht halb leer.

Der Superwoman-Song auf Ihrem Album heisst «Warrior». Darin singen Sie, dass Sie die Schlacht gewinnen und niemals aufgeben werden.

Ja, ich lasse mich nicht unterkriegen. Wenn das Leben hart ist und mit Steinen nach dir wirft, wenn die ganze Welt unter dir zusammenzubrechen scheint, dann weiss ich: Am besten ist es, Ruhe zu bewahren, zu atmen und diesen Augenblick der Panik vorüberziehen zu lassen. Das meine ich nicht nur in Bezug auf meine Krankheit. Sondern das gilt für alle Herausforderungen des Lebens.

Ihr letzter Hit vor sechs Jahren hiess «Here’s To Never Growing Up». Sie haben Ihre Karriere lange darauf aufgebaut, die berufsjugendliche, forsch-freche Skatergöre zu sein. Ist es damit vorbei?

Ja, das ist sehr wahr. Sicher habe ich nach wie vor eine sehr rock-’n’-rollige Seite an mir. Und ich mache noch immer kindische Sachen, etwa mit dem Board durchs Haus skaten. Aber die vergangenen Jahre haben stark dazu beigetragen, dass ich kein kleines Mädchen mehr bin. Sondern eine erwachsene Frau. Manchmal geschehen ernste Dinge, die dich reifen lassen. Und doch will ich das Leben auch nicht zu ernst nehmen.

Unbeschwerten Pop-Punk machen Sie jedenfalls nicht mehr. Vielmehr gehen Songs wie «Crush» und «Goddess» deutlich Richtung Soul und Jazz.

Ja, da haben Sie recht. Pop-Rock habe ich 15 Jahre lang gemacht. Alles hat seine Zeit. Ich wollte vor allem singen auf dieser Platte, meine Stimme und meine Gefühle zum Ausdruck bringen.

Ihre Stimme ist von der Krankheit überhaupt nicht beeinträchtigt worden. Sie singen so laut und leidenschaftlich wie noch nie.

(lacht): Danke schön. Ja, ich habe wirklich alles gegeben, mich reingelegt in diese Songs.

Auf dem Cover sind Sie sogar nackt, nur von einer Gitarre bedeckt. Weshalb?

Weil ich mich in diesen Songs komplett entblösse. Ohne Scham.

Ist Songschreiben für Sie eine Form von Therapie?

Ohne Zweifel. Zu Hause am Klavier, an der Gitarre, beim Texten fühle ich mich am glücklichsten und auch am gesundesten. Und als ich endlich wieder im Studio arbeiten konnte, war das ein Meilenstein für mich und ich hoffe, dass die neuen Lieder anderen Menschen Mut machen und durch schwere Zeiten helfen.

Wovon handelt die aktuelle Single «Tell Me It’s Over»?

Über eine Beziehung, die zu Ende geht, obwohl du den Typ noch richtig, richtig scharf findest und wirklich kein Interesse daran hast, dass Schluss ist.

Sie waren zwei Mal verheiratet, mit Deryck Whibley von Sum 41, dann mit Nickelback-Sänger Chad Kroeger. Haben Sie selbst diese Erfahrung gemacht?

Gott! Ja, natürlich. Du kannst nicht loslassen und hältst fest, obschon du genau weisst, dass dir das nicht guttut. Manchmal ist die Chemie zwischen zwei Menschen so intensiv, dass du die Tür mit Schwung zuknallen musst.

Steht Ihnen momentan überhaupt der Sinn nach einer neuen Beziehung? Sind Sie gar mit jemandem zusammen?

Das will ich nicht verraten. Ich bin Sternzeichen Jungfrau, und die Liebe ist mir immer sehr, sehr wichtig. Mein Liebesleben soll bis auf weiteres privat bleiben. Vielleicht erzähle ich Ihnen eines Tages mehr darüber, aber jetzt gerade lieber nicht.

Einer der Songs heisst «I Fell In Love With The Devil». Wer ist der Teufel, in den Sie sich verliebt haben?

Das werde ich niemals, niemals verraten! (lacht laut) Aber es war heftig, und ich hatte richtig Angst. Ich war noch geschwächt und zu dem Zeitpunkt sowieso schon so verletzlich und voller Furcht und Unsicherheit. Dann kam er. Das war das, was man eine «toxische Beziehung» nennt, und das einzig Gute ist, dass es nicht lange gedauert hat. Ich bin da schnell raus, regelrecht getürmt. Und wie so oft bei mir entstand aus dem Erlebnis ein Song.

Der fröhlichste und leichteste Song der Platte ist das von Sixties-Soul inspirierte «Dumb Blonde». Aber die Botschaft hat es in sich, oder?

O Mann! Allerdings. Ich ging mit einem Frauenhasser aus, kein Witz, und er sagte zu mir «Du bist doch bloss ein dummes Blondchen». Ich dachte nur: Danke, Idiot, schon wieder eine Song-Idee. «Dumb Blonde» handelt von den Typen, die nicht klarkommen mit starken, unabhängigen und selbstbewussten Frauen. Die dich nur runtermachen wollen aufgrund ihrer eigenen Unsicherheiten und ihrer Komplexe. Aber Tatsache ist doch: Jeder Mann sollte sich glücklich schätzen, wenn die Frau auf Augenhöhe ist. Ich verstehe das nicht. Ich will doch auch keinen Kerl in meinem Leben, dem ich mich überlegen fühle und den ich auch noch erziehen muss. Keine Ahnung! Männer sind mir manchmal ein Rätsel. Ich weiss nur: Ich liebe Menschen, egal, ob Frauen oder Männer, die eine Meinung haben und für ihre eigenen Überzeugungen einstehen.

Haben Sie ihm eine gescheuert?

(lacht) Ich glaube, dieser Song wird für ihn Ohrfeige genug sein.

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