Design

Ausserirdische Uhren: Wenn ein Uhrmacher Schriftsteller wird

Patrick Hohmann (hinten) musste für sein Projekt Geduld beweisen.zvg

Patrick Hohmann (hinten) musste für sein Projekt Geduld beweisen.zvg

Patrick Hohmann kreiert Zeitmesser in Zürich und ist unter die Schriftsteller gegangen

Die Rakete steckt im Gehäuse der Uhr. Aus Antriebsteilen, die eine russische Sojus-Rakete ins All befördert haben, lässt Patrick Hohmann elegante Herrenuhren anfertigen. Ein Schrotthändler sammelt die Teile, die in 50 Kilometer Höhe abgeworfen werden, in der kasachischen Wüste ein. Das Element des Triebwerks, das zum Uhrgehäuse wird, ähnelt einem Wagenrad, besteht aus hitzebeständigem Stahl und rostet. Deswegen wird es weiterverarbeitet zu einer Legierung, die keine Allergien auslöst, rostfrei und bearbeitbar ist. Einige Modelle haben auch ein Stück der Aluminium-Aussenhülle des Raketenantriebs als Zifferblatt. Die Kratzer und Striemen stammen vom Flug ins All.

Kantig und klassisch

Das Endprodukt glänzt an Patrick Hohmanns Handgelenk, während er im winzigen Atelier am Limmatquai den Herstellungsprozess der Werenbach-Uhr erklärt. Das Design ist kantig und klassisch–maskulin und puristisch, wie Hohmann sagt. Vom Gedanken, das Design der Rakete nachzuempfinden, sei er schnell weggekommen: «Das sah schrecklich aus.» Es gehe ihm vor allem um die Geschichte dahinter, den Hauch von Abenteuer, den Raketen und das Weltall mit sich bringen: «Das vermittelt das Gehäuse, das gut doppelt so teuer ist wie das Uhrwerk.» In den Werenbach-Uhren läuft ein Standardwerk, das auch bei IWC und Omega Verwendung findet.

Die Idee für die Raketenuhr hatte der heute 42-jährige Zürcher vor fünf Jahren beim Joggen am Werenbach. Daher stammt auch der Name seines Kleinunternehmens. Erst als der Markenspezialist 2012 nach einem missglückten Jobwechsel überraschend arbeitslos wurde, beschloss er: «Jetzt muss ich sofort nach Kasachstan.»

Natürlich hat der Kontakt zum kasachischen Schrotthändler nicht auf Anhieb geklappt und auch der Transport der Ware in die Schweiz war abenteuerlich. So spannend sogar, dass Hohmann ein Buch geschrieben hat, das trotz autobiografischen Zügen ein Roman ist (siehe Kasten).

Er schrieb es während eines Stillstands des Uhrenprojekts. «Ich war in der Krise», sagt Hohmann, da neun Monate lang nicht klar war, ob das Raketenmaterial überhaupt beschafft werden konnte. Freunde nahmen ihn zur Seite und rieten ihm ab von der Idee. Seine Frau tat sich schwer mit der finanziellen Unsicherheit, und er selber wusste aus seiner professionellen Erfahrung, dass er ein solches Projekt eigentlich abbrechen müsste. Aber der Traum war stärker.

Heute kann Hohmann nicht nur elf Uhren-Modelle in Kleinserien präsentieren, sondern auch seinen Abenteuerroman, der kürzlich beim Bilger-Verlag erschienen ist. In der Rolle des Schriftstellers habe er sich zurechtfinden müssen: «Meine erste Lesung war furchtbar. Ich musste erst lernen, wie man vorliest, wie man atmet.»

Hohmanns Schaffensdrang

Dass das Buch lediglich ein Promotionsinstrument für die Uhr sei, hört Hohmann nicht gerne. «Mein Ziel war, dass sich die beiden Dinge unabhängig voneinander auf dem Markt durchsetzen. Nun stelle ich fest, dass sie viel stärker zusammengehören als beabsichtigt. Eine Trennung ist fast nicht möglich.» Sein Schaffensdrang zwinge ihn zur Interdisziplinarität: «Meine Vision ist, aus dem Projekt nicht nur ein Buch, sondern verschiedene Produkte entstehen zu lassen, die auch für sich alleine stehen.»

Vom Vertrieb der Uhren kann der Vater zweier Kinder momentan noch nicht leben. «Dafür müsste ich pro Woche eine Uhr verkaufen», sagt Hohmann. Die Raketenuhren kosten zwischen 6300 und 8500 Franken und werden von Hohmann selber vertrieben. Dieses Wochenende zeigt er Uhr und Buch an der Designmesse Designgut in Winterthur und Ende November an der Blickfang in Zürich.

Obwohl er noch am Anfang steht, sind die Werenbach-Uhren schon weit gekommen. Zwei Astronauten tragen sie am Handgelenk – auch während eines Flugs ins All. Ein kasachischer Kosmonaut erhielt sie kürzlich von seiner Regierung geschenkt. Damit das klappte, musste Patrick Hohmann wieder ins Flugzeug steigen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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