Mein Lieblingswerk

Andrea Marcon: «Dieses Bild hat mich innerlich strapaziert»

Hans Holbein d. J.: (1497/1498–1543): Der tote Christus im Grab, 1521–1522, Öl auf Lindenholz, 32.4 x 202.1 cm. Kunstmuseum Basel

Hans Holbein d. J.: (1497/1498–1543): Der tote Christus im Grab, 1521–1522, Öl auf Lindenholz, 32.4 x 202.1 cm. Kunstmuseum Basel

Die Serie «Mein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum» stellt, während das Museum geschlossen ist, dessen Schätze vor. Diesmal wählt der Cembalist, Organist und Dirigent Andrea Marcon das Gemälde «Der tote Christus im Grab» von Hans Holbein dem Jüngeren.

Als ich vor 32 Jahren nach Basel kam und an der Schola Cantorum Basiliensis mein Studium begann, war das Kunstmuseum einer der Orte, den ich immer wieder, vier Jahre lang, regelmässig besuchte. Sonntags war der Eintritt frei, ein Geschenk für mich armen Studenten. Malerei und Alte Meister waren und sind bis heute meine grosse Leidenschaft neben der Musik.

Ich konnte damals regelmässig meine Augen mit der wunderbaren Sammlung des Kunstmuseums füttern. Schon bei meinem ersten Besuch haben mich viele der Bilder bewegt. Aber insbesondere eines der Gemälde machte mich damals wirklich sprachlos und hatte mich buchstäblich innerlich strapaziert: «Der tote Christus im Grabe» (1521–22) von Hans Holbein dem Jüngeren. Ich kannte es noch nicht, und ich hatte den Eindruck, tatsächlich vor einem Grab mit einer Leiche zu stehen.

Dieses Gemälde ist einfach schrecklich, macht Angst und verschlägt einem den Atem. Später entdeckte ich dann, dass Dostojewski, als er 1867 selbst in Basel war, so sehr darüber erschrak, dass er in seinem Roman «Der Idiot» darüber schreibt, wie ein solches Bild einem den Glauben rauben kann. De facto beeindruckt diese Darstellung, weil sie keinen Gott zeigt, sondern einen toten Menschen, der schon mindestens drei Tage lang in einem Grab liegt: Gesicht, Hände und Füsse sind schon der Fäulnis ausgesetzt. Es stinkt alles schrecklich, und man bekommt keinen Hinweis auf eine Auferstehung. Jesus, ganz als Mensch, bis zur letzten Sekunde vor dem Licht.

Der tote Christus ist ab 11. April ausgestellt – in «Holbein. Cranach. Grünewald» im Museum der Kulturen Basel.

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