Es ist das Thema der Stunde: der Mensch und die Natur. Die Sorge, dass diese Beziehung aus dem Lot ist, treibt Tausende auf die Strasse. Der Klimawandel macht Angst und wirft existenzielle Fragen auf: Schaffen wir die Transformation von einer postindustriellen Gegenwart in eine Zukunft, in der die Menschheit ihre Lebens- und Wirtschaftsform in Einklang bringt mit dem Ökosystem des Planeten? Wie kam es überhaupt so weit, dass wir natürliche Ressourcen in diesem Aussmass vernichten? Wie kam es, dass wir sozusagen aus der Natur herausgefallen sind?

Das Basler Performance-Kollektiv helium x ist tief in diese Materie eingetaucht und zeigt am Sonntag in der Kaserne Basel «Das grosse Drama».

Die Arbeit im Kollektiv

Es bleiben noch vier Tage bis zur Premiere. Vor der Probe treffen wir das fünfköpfige Kollektiv zum Gespräch in der Garderobe. Platz nehmen jedoch nur vier. Patrick Oes muss sich noch Schuhe fürs Kostüm besorgen. Am Tisch sitzen Daniela Ruocco, Elina Wunderle, Friederike Falk und Philippe Heule. Sie stammen aus Bern, Zürich, St. Gallen und Hamburg. Sie arbeiten alle auch anderswo in Theatern, hier in Basel aber im Kollektiv.

Die Geburtsstunde von helium x schlug 2015 am Treibstoff Festival in Basel. «Die grosse Schlacht» war der Versuch, in einem Fussballstadion zu viert die Schlacht bei St. Jakob an der Birs nachzustellen. Danach folgte das Stück «Die grosse Krise». «Gross» bedeutet, dass immer auch eine Überforderung mitgemeint ist. Aus dem Gefälle zwischen Anspruch und realen Mitteln entwickeln die Künstlerinnen und Künstler ihr dramatisches Potenzial.

Sie tun dies immer gemeinsam. Alle sind an der Themenwahl beteiligt. Alle recherchieren, bringen Texte und Stoffe ein, lesen Bücher, die die anderen nicht lesen. Alle sind Autoren, Dramaturgen, Regisseure und Performer in einem. Das ist auch als Absage an die tradierten Hierarchien im herkömmlichen Theater gemeint. Es gibt keine Chefs, die nur ihre Vision inszenieren. Ihr kollektives System funktioniere immer besser, sagen die vier einhellig. Damit am Ende die Übersicht nicht verloren geht, betreut die Regisseurin Beatrice Fleischlin die Endproben.

Das Gespräch in der Garderobe

Nun also «Das grosse Drama», der Mensch und die Natur. Das Kollektiv beginnt von seiner Auseinandersetzung mit dem Thema zu erzählen. «Es geht um die Beziehungskrise zwischen Mensch und Natur. Die Endzeit, die Apokalypse steht vor der Tür», sagt Philippe Heule. «Wie gehen wir damit um? Vieles hat mit unserem Grundverständnis zu tun, dass wir uns als Wesen ausserhalb der Natur begreifen. Der Mensch hier, die Natur dort. Diese Gegenüberstellung hat uns lange beschäftigt.»

Elina Wunderle ergänzt: «Weil die Trennung von Mensch und Natur eine Geschichte hat, beginnen wir das Stück in Renaissance-Kostümen. Damals ging das ja los: dass wir die Welt als Ressource verstehen ...»

Philippe Heule: «Genau, das passierte in dem Moment, als die Religion weggedrängt wurde...» «Und die Wissenschaft aufkam», führt Friederike Falk den Satz weiter: «Damals hat in unserem Naturverständnis eine Entzauberung stattgefunden, die zwar den Fortschritt gebracht hat, aber auch viel Leid, wenn man beispielsweise an den Kolonialismus denkt.»

Elina Wunderle wirft ein: «Und jetzt ist es fünf nach zwölf. Es leiden bereits ganze Länder unter Überschwemmungen oder Trockenheit. Wir betrachten das hier aus einer privilegierten Position. Gleichzeitig ist die Klimaerwärmung etwas sehr Abstraktes, das schwer zu fassen ist, emotional. Die damit verbundenen politischen Prozesse sind ebenfalls sehr kompliziert. Das macht auch hilflos.»

Ist es denn überhaupt möglich, ein solch grosses Thema für die Bühne zu komprimieren? Philippe Heule ist der Meinung, das mache gerade im Theater besonders Sinn. «Wir finden es reizvoll, im Theater die Natur zu verhandeln, weil es eben ein abstrakter, künstlicher Kulturraum ist. Da stellt sich die Frage, wie wir Natur überhaupt herstellen. Im Theater gibt es Kulissen. Jemand hat gesagt, im Moment höre die Natur auf, nur noch Kulisse zu sein.»

Daniela Ruocco führt das weiter aus: «Der Gedanke der Kulisse war wichtig. Sowohl im Theater wie in der Natur bewegen wir uns in einer Kulisse. Natur ist ja oft nur Hintergrund für tolle Urlaubsfotos.» Auf ihrer Bühne bestehe diese aus Kunstrasen, einem blauen Tuch, einer Plastiktanne, einem Stein aus Pappe. «Das Verrückte ist aber, dass diese verstaubten Theatermittel plötzlich Leben bekommen. Sie funktionieren als Projektionsfläche für all unsere Naturkonzepte. Das ist auch lustig», sagt die Performerin.

Bietet das Kollektiv denn auch Lösungen an, wie wir dem Klima-Schlamassel entkommen könnten?

Heule sagt: «Die Lösungen liegen eigentlich auf der Hand. Einerseits ist die Utopie greifbar nah, andererseits aber auch die Aussicht auf Zerstörung. Es ist immer eine Frage von Macht und Machtverteilung, welches Szenario sich letztendlich durchsetzen wird.»

Da kommt Friederike Falk nochmals richtig in Fahrt: «Ich finde die Situation absurd. Einerseits ist das Thema Klimawandel seit 25 Jahren auf der politischen Agenda. Andererseits ist seither nichts Wesentliches passiert, weil die Staaten innerhalb des kapitalistischen Systems zueinander in Konkurrenz stehen. Das bewirkt genau das Gegenteil von dem, was die Erde nötig hätte. Das stimmt mich sehr pessimistisch», sagt die Schauspielerin und insistiert: «Wo ist die Utopie, nach der sich die globale Gesellschaft richtet? Vom technischen und wissenschaftlichen Stand her hätten wir doch alle Ressourcen, um angemessen auf die Situation zu reagieren.»

Nach dem Gespräch in der Garderobe beginnt die Probe. Die letzten Minuten des «grossen Dramas». Die Natur aus Plastik, die bis hierhin aufgebaut wurde, wird zum geheimnisvollen Wesen, das die Menschen verschlingt. Dazu singt und rülpst ein Walfisch. Ob das nun als Tragödie oder Komödie gelesen wird, liege im Auge des Betrachters, sagt das Kollektiv. Einhellig.

«Das grosse Drama» Premiere: Sonntag, 10. Februar, bis 14. Februar. Kaserne Basel. www.kaserne-basel.ch.