Eine Schwade Klärgestank zieht durch die Luft. «Heieiei, ist das schön hier», sagt eine Premierenbesucherin. Sie hat recht. An den Betontanks links und rechts wachsen Kletterpflanzen mit rötlichen Blättern, durch das kalte Licht tanzen Mücken, die drei Schauspieler machen Witze und hinter ihnen: das nächtliche Dunkel. Es ist wirklich schön hier.

Der performative Rundgang «Augias oder Herakles auf der Kläranlage», eine Co-Produktion vom Roxy Theater und der freien Gruppe «Kurzer Prozess», will in der Kläranlage Birsfelden eine Geschichte über Mist und Mast erzählen: Ein Wurstunternehmer hat den Dung seines Betriebs in die Kanalisation geleitet. Die Abwasserreinigung steht vor dem Totalkollaps.

Herakles wird angerufen. Der antike Held soll das Problem ein für allemal lösen. Denn der hat das schon mal geschafft – wenn auch in mythischer Vorzeit. Laut der griechischen Sage putzte Herakles die Ställe des Augias innert eines Tages. 3000 Rinder sollen 30 Jahre lang seit der letzten Reinigung ausgeharrt haben. Was ist also das bisschen Industrie-Dung der heutigen Konsumgesellschaft für den Halbgott? Herakles, ein einfaches Gemüt, möchte in Birsfelden dieselbe Methode anwenden, die sich in der Antike bewährt hat: Er leitete zwei Flüsse durch die Ställe; jetzt will er die Kläranlage fluten. «Schwemmreinigung», nennt das der Held bei seinem ersten Auftritt.

Gummistiefel und Latzhosen

Künstler kapern die Kläranlage und drohen damit, den Rhein und die Birs durch die Abwasseraufbereitung zu leiten. Hochsicherheitsbetrieb trifft anarchischen Performancegeist. «Es ist hier ein bisschen CIA-mässig», erklärt das Roxy-Personal an der improvisierten Kasse. Besucherinnen und Besuchern dürfen nur in Begleitung aufs Klo, unterwegs beobachtet von Überwachungskameras. Schwaden vom Klärgestank steigern derweil die Erwartungen des wartenden Publikums. Als sich das Tor dann öffnet und die drei Schauspieler Ralph Tristan Engelmann, Benjamin Mathis und Andreas Müller dahinter in gelben Gummistiefeln und den offiziellen Betriebs-Latzhosen stehen, scheinen sich diese zu erfüllen. «Bitte folgen Sie den Anweisungen unserer Mitarbeitern», schliessen sie ihre Sicherheitsanweisungen ab, nachdem sie eben noch vor hochexplosiven Gasen gewarnt haben.

Kaum lesbare Spielhaltung

Was dann aber folgt ist eine Mischung aus Slapstick, Volkshochschule und antikem Dramenstoff, aufbereitet auf Schuh-des-Manitu-Niveau. Herakles behauptet, die ägyptischen Pyramiden seien riesige Faultürme zur Abfallentsorgung gewesen, lässt sich bei der nächsten Station von Weihrauch umflort Cervelats opfern und inszeniert sich beim kommenden Halt als empfindsames Blümchen. Nichts motiviert die Figuren, nichts treibt die Geschichte an. Zumal auch nicht klar wird, welche Geschichte erzählt werden soll: Geht es um Heldenverehrung, gar um Populismuskritik im allgemeinen AfD-Taumel oder doch um eine Würdigung der oft geschmähten Institution «Kläranlage»?

Auch als Hommage funktioniert der Abend nur begrenzt, weil so viele Ironieebenen angedeutet sind, dass die Spielhaltung für das Publikum kaum lesbar ist. Wenn sich der Spieler erst in einem langen Monolog moralisierend über Umweltzerstörung und Massentierhaltung auslässt und dann wieder verklausulierte Slapstick-Nummern darbietet, bleibt nicht er, sondern die Umgebung und der Gestank in der Erinnerung haften. Die wunderbare Aussicht auf Vorstadt und Stadt, das nahe Klärwasser und die leuchtenden Werbungen am St. Jakob-Stadion in der Ferne. «Augias oder Herakles auf der Kläranlage» kommt nicht gegen das faszinierende Wabern im Klärwasserbecken an. Aber genau deshalb lohnt sich der Besuch des performativen Rundgangs! Wann hat man sonst eine Chance, die Kläranlage nachts zu erleben?»