Glamour mon amour

Alte Meister – Johann Heinrich Füssli und William Shakespeare

Das Kunstmuseum Basel zeigt das Werk des Schweizer Künstler Johann Heinrich Füssli aus neuer Perspektive.

Johann Heinrich Füssli war von Shakespeare fasziniert. Hier ein Ölgemälde mit einer Szene aus dem «Sommernachtstraum».

Das Kunstmuseum Basel zeigt das Werk des Schweizer Künstler Johann Heinrich Füssli aus neuer Perspektive.

Ich stand im Kunstmuseum Basel und dachte: Unfassbar, es gab mal eine Zeit, da war Shakespeare in England längst ein Superstar und in Europa kannte ihn kaum einer. Sein Verehrer Goethe war noch nicht geboren, es gab fast keine Übersetzungen, so gut wie niemand beherrschte Englisch, aber in Zürich gab es eine winzig kleine Gruppe gebildeter Männer, die einander zuraunten, dass dieser Willi S. ein Wunder sei. Einer der Zürcher war der blutjunge Theologe Johann Heinrich Füssli, geboren 1741, und er liess sich von seinem Mentor derart anfixen, dass er kaum 20-jährig versucht haben soll, «Macbeth» zu übersetzen.

Die weitere Geschichte kennen wir: Füssli revoluzzte etwas zu heftig, musste Zürich verlassen, wurde Maler und landete in London. Dort setzte er sich jeden Abend ins Theater und sah alles von Shakespeare, der damals auch schon seit gut 150 Jahren tot war. Füssli malte den «Sommernachtstraum», «Hamlet», «Macbeth», «Romeo und Julia», wurde selbst sehr, sehr berühmt, und das zu Recht, denn was er damals, im 18. Jahrhundert, machte, ist auch heute noch ungeheuer modern, quasi bewegte Bilder voller Dynamik und Energie. Das tanzt, schwebt und schwirrt, Schwerter gleissen im Licht der Theaterbeleuchtung, Rauch steigt auf, Schleier und Haar wehen, Gewänder und oft auch Figuren sind schier transparent und so flüchtig, als würde einer versuchen, ein wildes Bühnengeschehen mit einer alten Kamera zu fotografieren. Dies ist nun im Kunstmuseum Basel zu sehen.

Was mich daran besonders verblüffte, war Füsslis Einsatz von Hell und Dunkel, von weisshäutigen Menschen in weissen Gewändern, deren Shakespear’sches Schicksal sich mit einer grossen filmischen Geste vor einem bordeauxroten Theatervorhang oder einer düsteren Nacht abspielt. Es ist natürlich der älteste Trick der Kunstgeschichte, Füssli hat ihn nicht erfunden, überprüfen kann man ihn in Basel ein paar Meter nebenan, in der alten Abteilung des Kunstmuseums, nicht an einem aufwühlenden Schlachten- oder Historiengemälde etwa, sondern ausgerechnet an einem Stillleben von Willem Claesz aus der Zeit kurz nach Shakespeare, ein leeres Champagnerglas ist zu sehen, eine umgefallene Silberschale, ein klobiges, bräunliches Glas, eine angeschälte Zitrone, deren Schale sich malerisch vom Tisch herunterschlängelt.

Ein Bild, so menschenleer und tonlos still, wie man es sich in einer nach einem Festmahl verlassenen Küche prima vorstellen kann. Und doch lebt da etwas. Der Glanz. Er macht, dass wir die Dinge als Wesen wahrnehmen und als kostbar. Als etwas mit einem Körper, einem Volumen, einer Materialität. Diejenige des Champagnerglases ist dabei eine ganz andere als die der Silberschale. Wenn man ganz nah herangeht, also bis knapp vor dem Auslösen der Alarmanlage, sieht man, wie einfach das gemacht ist: Die zauberhafte Wirkung ist wie in Füsslis grossen Dramen nichts als eine Frage der Beleuchtung. Der Glanz der Dinge nichts als ein paar sorgfältig gesetzte weisse Punkte. Wie winzige Schneeflocken in dunklen Bilderlandschaften.

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