Balstahl
«Ab und zue gits eis um d Ohre»

Markus Reinhardt und sein Team sorgen dafür, dass in Balsthal das Geislechlöpfe nicht ausstirbt. Der alte Brauch wird vor dem morgigen Samichlaustag einen Monat lang gepflegt.

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Geisle

Geisle

Solothurner Zeitung

Fabian Muster

Rhythmisch schwingt er die Geisle um seinen Kopf, alle zwei Sekunden ist das typische Chlöpfe zu vernehmen, das den Brauch auch weitherum hörbar macht. Plötzlich wirds still: Statt zu chlöpfe hat sich die Geisle wie eine Schlange um seinen Körper gewindet. Seine Kollegen können ein Lachen nicht verkneifen. «Es sieht einfacher aus, als es tatsächlich ist», rechtfertigt sich Adrian Zeltner aus Neuendorf. «Ab und zue gits haut eis um d Ohre.»

Ein alter Brauch hat halt auch seine Tücken. Das ändert aber nichts daran, dass Markus Reinhardt noch immer gleich «angefressen» ist vom Geislechlöpfe wie als kleiner Junge. Er ist schuld daran, dass sich manchmal ein Anfänger die Geisle um die Ohren haut. Vor rund zehn Jahren begann er mit dem inzwischen verstorbenen Xaver Heutschi, jeweils ab Anfang November kostenlos Kurse für den angeblich über 100-jährigen Samichlaus-Brauch in Balsthal anzubieten. «Wir merkten, dass es immer weniger Geislechlöpfer auf den Strassen gab.» Daraus ist eine Erfolgsstory geworden: Mittlerweile treffen sich rund 25 Knaben und Mädchen sowie bis zu 10 Erwachsene am Mittwoch- und Freitagabend auf dem roten Platz beim Rainfeldschulhaus. Dort gibt ihnen Reinhardt, der seit 43 Jahren geislechlöpft, Instruktionen. Unterstützt wird er von seiner Frau Manuela, seinem Sohn Silvan sowie den Kollegen Ueli Oertli und Roland Probst. Die Besten oder «alle, die chlöpfen wollen», versammeln sich dann am morgigen Samichlaustag auf der Herrengasse und zeigen auf der abgesperrten Kantonsstrasse ihr Können. Danach rennen die Samichläuse und ihre Schmutzli durchs Dorf.

Früher Autoantennen abgechlöpft

«In den letzten Jahren gab es vermehrt auch Anfragen von auswärts, etwa aus Wangen bei Olten oder Wolfwil», sagt Reinhardt. Es schauten in den Kursen auch immer wieder Leute aus der Region vorbei. Aus Mümliswil, Laupersdorf oder Welschenrohr - also von überall, wo sie den Brauch wieder aufleben lassen wollen. Und aus Neuendorf, von wo Adrian Zeltner mit seinen vier Kollegen an diesem Mittwochabend bereits das zweite Mal vorbeischaut. Die vor wenigen Jahren gegründete Chlausezunft will die Tradition im Dorf wieder aufleben lassen. Für dieses Jahr haben sie erstmals auswärtige Geislechlöpfer eingeladen. «Vielleicht schaffen wirs nächstes Jahr ja selbst, den Samichlaus durch die Strassen zu jagen», so Zeltner.

Doch was ist das Geheimnis eines guten Geislechlöpfers? «Die Geisle muss aufs Können und die Körpergrösse abgestimmt sein», betont Reinhardt. Es gibt Geislen von 1,5 bis 5,5 Meter Länge. Als Anfänger benütze man am besten ein etwas kürzeres Exemplar, weiss der Fachmann. Er selbst ist inzwischen bei 4,2 Meter angelangt. Seine Geisle ist acht Jahre alt und mehrmals geflickt. «Meine erste Geisle aus Wäscheleinen besitze ich aber noch immer», sagt Reinhardt nicht ohne Stolz und erzählt gleich ein paar Müsterli aus seiner Jugendzeit. «Wir versuchten damals, die Autoantennen abzuchlöpfen.» Die Herrengasse sei früher am Samichlaustag noch nicht gesperrt gewesen, und so hätten sie versucht, beim Durchfahren der Autos eine Antenne zu treffen. «Gewisse Auseinandersetzungen mit den Fahrern waren da vorprogrammiert», lacht Reinhardt.

Loser Strick der Geisle ist aus Hanf

Im Kurs wird aber nicht nur das Geislechlöpfe gelernt, sondern die Geislen selbst angefertigt. Der lose Strick besteht aus Hanf. Weiter braucht es einen Holzstiel sowie einen Zwick, der fürs Chlöpfen verantwortlich ist. Dieser besteht im Normalfall aus weisser Kunststoffschnur, wie sie überall käuflich ist. «Am besten wäre natürlich Seide, doch das bekommt man fast nicht mehr», weiss Reinhardt.

Die Kursstunde ist vorbei. «Wenns richtig machsch, ischs vüu eifacher», hat Adrian Zeltner nach ein paar gelungenen Versuchen mittlerweile herausgefunden. Man brauche viel weniger Kraft als zu Beginn. Doch trotzdem müsse er nun seine Schmerzen «go abetrinke». Ein kühles Bier haben sich die Fünf aus Neuendorf in der Tat verdient. Schliesslich versuchten sie sich an der Herkulesaufgabe, einen alten Brauch vor dem Aussterben zu bewahren.

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