Auflösung
83-jähriger Traditionsverein in Minne aufgelöst

Der 1927 gegründete gemischte Chor war einst Dreh- und Angelpunkt des sozialen, politischen und kulturellen Lebens in der Gemeinde Kappel. Am Berchtoldstag wurde der Verein mit einer letzten Feier im Kreise der Mitglieder aufgelöst.

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Gemischter Chor Kappel

Gemischter Chor Kappel

Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

Von Martin Platter

Schön ist er gewesen, der letzte Auftritt des gemischten Chors Kappel, der den Mitgliedern vorbehalten war. Etliche erschienen in standesgemässen Trachten und Bekleidungen. Bei Sonnenschein und klirrender Kälte traf man sich wie früher um den Jahreswechsel am späten Nachmittag im Uerzliker Restaurant «Lindenhof», um danach gemeinsam die Stühle im Dorf einzusammeln. Eine Tradition, die aus der Not der Zwischenkriegsjahre entstanden war und bis in die 1960er Jahre Bestand hatte.

Weil man für die Theateraufführung im alten Schulhaus zu wenig Sitzgelegenheiten hatte, lieh man sich diese bei der Bevölkerung aus. «Das Zurückbringen war noch kurzweiliger», erinnert sich Dölf Häberling, der im Gründungsjahr des Vereins geboren wurde. Ein letztes Mal demonstrierte er das Ritual, dem er seinerzeit mit Kollegen freudig nachgelebt hatte: Vor dem Verladen bezeichnete er die Stühle mit weisser Kreide unter der Sitzfläche mit den Namen der Besitzer - ehe eine hochprozentige Stärkung kredenzt wurde. So wurde die Prozession durchs Dorf hinter Ross und Wagen mit jedem Halt fröhlicher. Wie damals schwelgte man in Erinnerungen und erzählte sich alte Geschichten und Anekdoten.

Einst Dreh- und Angelpunkt

Kaum zu glauben: Der älteste und traditionsreichste Verein in der Oberämtler Gemeinde, einst Dreh- und Angelpunkt des sozialen, politischen und kulturellen Lebens, ist in der Auflösung begriffen. Ohne die Mitgliedschaft im gemischten Chor hatte man früher keine Chance in den Gemeinderat gewählt zu werden. Der gemischte Chor war «graue Eminenz» der Gemeindeversammlung und mit «Chränzli», Waldfest und Vereinsreisen zuständig für das einst karge kulturelle Leben auf dem Dorf. Wie konnte es soweit kommen? Ausgerechnet in Kappel, das noch heute mit rekordverdächtig hohem Interesse an Gemeindeversammlungen auffällt, ebenso, wie mit wertkonservativer Haltung bei Abstimmungen.

In der Chronik zum 75-jährigen Bestehen des gemischten Chors 2002 schrieb der damalige Präsident Wädi Rohner: «Viele traditionelle Vereine haben Mühe, sich den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.» Konkret wird die amtierende Präsidentin Monika Jäger, die den Verein mit dreiköpfigem Minivorstand seither am Leben gehalten hat. Sie lokalisiert unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten über die Ausrichtung des Vereins, die einer gemeinsamen Zukunft im Wege standen. Das habe nach den Festivitäten zum Jahrtausendwechsel zu einer Welle von Austritten vornehmlich jüngerer und progressiv denkender Mitglieder geführt, die bereit gewesen wären, unter anderen Bedingungen anzupacken und weiterzumachen.

Meinungsverschiedenheiten

Der Aderlass verschärfte das Problem, mit dem der gemischte Chor allerdings Zeit seines Bestehens immer wieder zu kämpfen hatte: Geringes Interesse an den Gesangsproben. Zudem schwand die Bereitschaft, sich bei den zeitaufwendigen Vereinsaktivitäten zu engagieren. Allmählich reifte der Entschluss, den gemischten Chor aufzulösen. Gemäss Jäger konnte aber ein Teil des Erbes gerettet werden. Das «Chränzli» werde seit 2008 von der neu gegründeten Theatergruppe Oberamt aufgeführt und das Waldfest organisiere nun der örtliche Unihockeyclub «Albis Devils».

«Die Kappeler haben lieber gefestet als gesungen», so der Eindruck der letzten Dirigentin Lisbeth Limacher. Das bestätigte sich bei der letzten Theatervorführung des gemischten Chors, die den sinnigen Titel «Die letzte Vorstandssitzung» trug. Im Saal des Restaurant Post zu Rifferswil wurde ein letztes Mal in der Geschichte des Kappeler gemischten Chors gemeinsam gelästert und getratscht, gesungen, gewitzelt und getanzt.

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