Kultur

Bildbetrachtung von Sabine Altorfer – diese Woche: Ein Nachtbild passend zur Umstellung auf die Winterzeit

Georg Aerni: TV Time. Tsz Wan Shan aus dem Jahr 2000. C-Print,24x156cm.

Georg Aerni: TV Time. Tsz Wan Shan aus dem Jahr 2000. C-Print,24x156cm.

Die Städte leuchten wunderbar in der Nacht. Der Architektur-Fotograf Georg Aerni liefert ein atemberaubendes Bild von Hongkong, auf dem man auch etwas über die Bewohner erfährt.

An diesem Wochenende stellen wir auf Winterzeit um. Die Dämmerung kommt noch früher, ebenso der Rückzug ins Haus. Erleuchtete Fenster sind das Sinnbild dafür. Das hat den Fotografen Georg Aerni, 61, zu einer Serie Nachtbilder von Hongkong angetrieben. Dicht an dicht stehen Hochhäuser, ihre Konturen lässt der Zürcher Fotograf mit ETH-Architekturdiplom scharf, Menschen und Verkehr verschwinden aber durch die Langzeitbelichtung. Aerni macht das Licht bis hinunter auf die Strassen, aber auch die immense Abstrahlung sichtbar. Vor allem aber betont er das Spiel der hellen Fenster-Vierecke.

Mit dem Serientitel «TV Time» liefert er zudem die Antwort auf die Frage, was die Menschen in ihren Wohnungen machen. Ihm ist aufgefallen, dass kaltes Licht meistens auf Büros hinweist, warme Lampen auf Wohnungen – und durch eingeschaltete Fernseher ein bläulicher Schimmer entsteht. Georg Aerni liefert uns hier nicht nur eine atemberaubende Stadtkulisse, sondern – überraschend – auch ein Nutzerdiagramm.

Zur Person

Sabine Altorferist Kulturredaktorin bei CH Media und schreibt primär über Bildende Kunst. Seit März 2017 verfasst sie jede Woche in der «Schweiz am Wochenende» eine Bildbetrachtung - passend zur Jahreszeit, aktuellen Ereignissen oder Werken, die sie besonders mag.

Sabine Altorfer

ist Kulturredaktorin bei CH Media und schreibt primär über Bildende Kunst. Seit März 2017 verfasst sie jede Woche in der «Schweiz am Wochenende» eine Bildbetrachtung - passend zur Jahreszeit, aktuellen Ereignissen oder Werken, die sie besonders mag.

17. Oktober: Der Rheinfall in Sonntagsstimmung

Das Wasser mag wundervoll toben, doch gefährlich wird es nicht. Johann Jakob Biedermann (1763–1830) malte den «Rheinfall bei Schaffhausen» inmitten einer festen Landkulisse und in mildem Sonnenschein.

Das Wasser mag wundervoll toben, doch gefährlich wird es nicht. Johann Jakob Biedermann (1763–1830) malte den «Rheinfall bei Schaffhausen» inmitten einer festen Landkulisse und in mildem Sonnenschein.

Vor kurzem bin ich dem Rhein entlang geradelt, von Kreuzlingen nach Koblenz. Der Rheinfall präsentierte sich gerade wunderbar dramatisch: Er toste und gischte – wir staunten und knipsten. Müsste er nicht auch für Maler ein tolles Sujet sein? Tatsächlich war er schon um 1520 Hintergrund für eine Taufe Christi von Joachim Patinier. Dazu gibt es zahllose Stiche und einige Gemälde.

Mein Favorit ist dieses malerische Kunststücklein von 1809. Kompositorisch blieb Johann Jakob Biedermann nahe bei dem, was er sah. Was sich in seinen Veduten und Stichen bewährt hatte. Sein Ehrgeiz hier galt der malerischen Ausführung. Er lässt die Gischt stieben, die Tropfen und den Schaum glänzen. Mit Tausenden Tupfen und Strichlein überhöht er die Krönchen mit reinem Weiss. Wie immer bei Biedermann scheint die Sonne, er liefert angenehmen Augenschmaus und lässt seine Staffage-Figuren ruhig auf sicherer Terrasse stehen. Biedermann beherrschte das biedermeierliche Ideal vom «ewigen Sonntag».

10. Oktober: Eigenwillige Interpretation der Natur von Anne Loch

Monumental in der Wirkung und im Format (205× 160 cm), aber auf das Wesentliche reduziert: Anne Loch malte die Pflanzen mit Goldbronze auf Leinwand. Das Bild des Bündner Kunstmuseums entstand 2010, vier Jahre vor ihrem Tod.

Monumental in der Wirkung und im Format (205× 160 cm), aber auf das Wesentliche reduziert: Anne Loch malte die Pflanzen mit Goldbronze auf Leinwand. Das Bild des Bündner Kunstmuseums entstand 2010, vier Jahre vor ihrem Tod.

Bildbetrachtung von Sabine Altorfer Goldig leuchten die Pflanzen, Nelken wohl. Man weiss nicht, liegen sie schön arrangiert auf einem Tisch, sind sie gar getrocknet oder hat die Malerin Anne Loch sie als helles Schattenbild gemalt, um ihre schlichte Wirkung zu steigern. Klar ist aber, Anne Loch (1946–2014) wusste, solch einfache Sujets wirken nur im Grossformat. Gut zwei Meter hoch ist diese Leinwand. Wer in der Sammlung des Bündner Kunstmuseums davor steht, kommt sich klein vor und ist hingerissen von der Präsenz dieses kargen Pflanzenbildes.

In ihrer Reduktion auf den Kern, auf das Wesentliche, erinnern sie an Alberto Giacomettis dünnleibige, aber seelenvolle Menschenfiguren. Loch hat ebenso gerne und gross Enziane, Rosen und Berge gemalt, die in aufsässiger Farbigkeit am Kitsch kratzen. Kratzen sollen. Anne Loch, im deutschen Minden geboren, in Düsseldorf ausgebildet, war eine Aussenseiterin. Nach ersten Erfolgen brach sie mit dem Kunstbetrieb, lebte einige Jahre zurückgezogen in Thusis. Sie starb in Promontogno im Bergell.

3. Oktober: Die Welt in 29 Varianten von Guido Nussbaum

«29 auf einen Streich» nennt Guido Nussbaum sein Rundbild von 2019.

«29 auf einen Streich» nennt Guido Nussbaum sein Rundbild von 2019.

Wir leben so, als hätten wir mehr als eine Erde. Das Bild mit den 29 Erden von Guido Nussbaum ist die perfekte Illustration dafür. Den Anstoss für seine Beschäftigung mit dem Globus gab dem Basler Künstler 1988 aber ein Videoexperiment, das Überspielen eines Globus auf fünf Bildschirme und dazu die Erkenntnis, dass bei der Transformation vom 3-D-Globus aufs 2-D-Papier alle Karten verzerrt werden. Und, damit verbunden, unser geopolitisches Weltbild.

Seither malt der heute 72-Jährige Erdkugeln. In Öl, meist als runde Scheiben – und stets in selbst erdachten Variationen. Das Meer färbt er grün oder violett, manchmal lässt er Länder weg (wenn ihn eine Regierung ärgert), oder er setzt eine Gegend so in den Fokus, dass sie grösser erscheint. «29 auf einen Streich» nennt Guido Nussbaum sein virtuoses Kugelspiel, das an buntes Schleckzeug erinnert. Ob er sich dabei fühlte wie das tapfere Schneiderlein? Ein Plädoyer für eine buntere, vielfältigere und gerechtere Welt ist das Werk allemal.

26. September: Ein riesiges Wolkenbild, rasant wie der Herbsthimmel

Sechs Wandtafeln und mehrere Pakete Kreide stecken in «Cúmulo» von Tacita Dean. Es ist bis 15. November in der Sammlungspräsentation «Silent Vision»  der Fondation Beyeler, Riehen/Basel zu sehen.

Sechs Wandtafeln und mehrere Pakete Kreide stecken in «Cúmulo» von Tacita Dean. Es ist bis 15. November in der Sammlungspräsentation «Silent Vision» der Fondation Beyeler, Riehen/Basel zu sehen.

Manchmal begreift man – ohne hingreifen zu müssen –, warum ein Schild «Bitte nicht berühren» im Museum hängt. Etwa bei dem monumentalen ­Wolkenbild in der Fondation Beyeler. Was auf diesem Foto schlecht erkennbar ist, der Besucherin vor Ort aber schnell klar wird: Das monumentale Werk (7,3 Meter breit) ist weder Ölmalerei noch Fotografie, sondern Kreide auf Wandtafel. Wie leicht man das verschmiert, wissen wir aus der Schulzeit, als wir nach jedem Satz, den wir auf die Tafel kritzelten, weisse Spuren an Händen und Kleidern hatten.

Trotzdem nutzt die englische Künstlerin Tacita Dean, 54, eine Meisterin der Entschleunigung und der stillen Momente, Wandtafeln seit über zwanzig Jahren für ihre so starken wie fragilen Werke. Berge und Wolken sind ihre Lieblingsmotive. Von weitem betören bei «Cúmulo» die räumliche Wirkung und das luftige, mal dichte, mal durchscheinende Weiss. Fast erwarten wir, dass sich die Wolken weiter auftürmen, dass sich da dichtere Knäuel bilden, dort ein Fetzchen Weiss auflöst, dass sich hier das Weiss ins Grau verdunkelt, dort das Dunkle bald ins gleissende Licht gerät. Von nahe – Achtung! Die Alarmanlage piepst schnell – sehen wir die Tausenden Strichlein und die scharfen Schraffuren, die Wischspuren und den Abdruck der rauen Oberfläche. Mit jedem Zentimeter mehr Abstand wird aus dem banalen Material wieder das flüchtige, räumliche Gebilde aus Wasser und Licht, die unendliche Himmelssinfonie in Schwarz und Weiss.

Mike Müller und Patrik Frey haben Tacita Deans Kunstwerk auch besucht:

Auch eine kurze Meditation bietet die Fondation Beyeler zum Wolkenbild:

19. September: Ein Rotkohl als Hauptdarsteller einer Landschaft

Ein eigenartiges Gemälde: «Ein Rotkohl, eine Schnecke, ein Schmetterling, eine Libelle, eine Biene und eine Assel in einer Landschaft.» Margareta de Heer malte das Bildchen zwischen 1600 und 1665.

Ein eigenartiges Gemälde: «Ein Rotkohl, eine Schnecke, ein Schmetterling, eine Libelle, eine Biene und eine Assel in einer Landschaft.» Margareta de Heer malte das Bildchen zwischen 1600 und 1665.

Ich schlendere gerne durch Sammlungsausstellungen, begrüsse altbekannte Werke und lasse mich ebenso gerne überraschen. Landschaften aus 500 Jahren hat das Kunsthaus Zürich in einem schönen Rundgang zusammengestellt, von spätmittelalterlichen biblischen Szenen bis zu heutigen Interpretationen (bis 8. 11.). Dieses 39 mal 29 Zentimeter kleine Bildchen aus dem 17. Jahrhundert hat mich entzückt – und irritiert. Ein Kohl als Hauptdarsteller einer Landschaft ist so rar wie eigenwillig. Wirkt er nicht wie ein mächtiger Baum auf einer Krete?

Die mir bis anhin unbekannte Malerin Margareta de Heer aus dem niederländischen Leeuwarden zeigt ihn alles andere als frisch – und zudem von Luft- und Erdtierchen bevölkert, von Schnecke, Schmetterling, Libelle, Biene und Assel. Wie sonst nur bei Stillleben üblich, zeigt uns die Künstlerin: Alles ist vergänglich. Wie um das zu unterstreichen, modelliert sie mit den Frassspuren aus dem Kohlkopf einen Totenschädel. Das weite Tal hat sie nur schemenhaft, aber als feste Kulisse gemalt. Goldenes Licht dominiert den hohen Himmel und überstrahlt fast überirdisch schön Kohl und Landschaft.

12. September: Eine Bibliothek für Vögel von Mark Dion

Die Natur verwildert die Kunst, die Kunst domestiziert die Natur: «The Library for the Birds of Zürich» von Mark Dion ist bis zum 11. Oktober im Migros-Museum Zürich zu sehen.

Die Natur verwildert die Kunst, die Kunst domestiziert die Natur: «The Library for the Birds of Zürich» von Mark Dion ist bis zum 11. Oktober im Migros-Museum Zürich zu sehen.

Das ist ein Vogelkäfig. Und das ist Kunst. Wenn die 6 mal 3,5 Meter grosse Voliere des Amerikaners Mark Dion, 59, im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich ausgestellt ist, flattern und piepsen darin lebende Vögel: Zebrafinken und Kanarienvögel. Sie bekommen Körner und Wasser – und Lesefutter. Der Künstler hat vogelkundliche Bücher um den Baumstamm drapiert, sie zwischen die Astgabeln geklemmt oder als Schaukeln aufgehängt. Dass sich seine Vögel darin über ihre Herkunft und ihre Verwandten orientieren, ist nicht zu erwarten.

Die Arbeit ist als Anstupf fürs Publikum gedacht, um über die Domestizierung von Vögeln und über unser Verhältnis zu Nutztieren nachzudenken. Die Alten Meister haben solche Ideen mit symbolisch aufgeladenen Gemälden vermittelt, die heutige Kunst liebt die Installation, das Material und die direkte Botschaft. Poesie entwickelt Mark Dions «The Library for the Birds of Zürich» wenn die Vögel pfeifen und flattern, wenn die Natur das Museum akustisch verwildert.

5. September: Die Verlassene Landstrasse von Silvia Bächli

Die Zeichnerin Silvia Bächli setzt keine Titel. «Verlassene Landstrasse» würde für dieses Landschäftchen von 1997 wohl passen.

Die Zeichnerin Silvia Bächli setzt keine Titel. «Verlassene Landstrasse» würde für dieses Landschäftchen von 1997 wohl passen.

Wie viele Striche braucht es, bis etwas erkennbar wird? Dieses Blatt zeigt eine Meisterin der Reduktion: Silvia Bächli. Zwei schwungvolle Linie mit dem Kohlestift und ein paar Strichli sagen: Das ist eine Strasse mit Mittellinie die nach rechts in die Ferne führt. Diese Leseart verstärken die drei Telefonstangen (oder Lampen?) aus Doppelstrichen. Ihre kräftig gesetzten Abschlüsse sind so irritierend hart an die obere Kante gerückt, dass das Blatt wie abgeschnitten wirkt.

Das kleine Format (15 mal 22,5 cm) scheint sowieso nur einen Ausschnitt zu fassen. Auch im Vordergrund. Hier reichen einige dickere Striche, um den Eindruck eines Tännchens mit den typischen, nach aufwärts gebogenen Ästen zu vermitteln. Und die nervöse Doppelkurve daneben lesen wir in diesem Kontext als Hecke.

Silvia Bächli, 64, in Baden geboren, in Basel wohnhaft, hat über Jahrzehnte gezeichnet, stets karger, fragmentarischer und heute gar in abstrakten Raumrastern. Sie gehörte zu den ersten, die in den 1980er-Jahren das Einzelblatt nicht mehr im Rahmen präsentierte, sondern in losen Gruppen direkt an der Wand. Frei sollen der Blick und die Assoziationen schweifen.

Hier erhalten Sie einen kleinen Einblick in das Studio von Silvia Bächli.

29. August: Der Gemüsemarkt von Jan Baptist Saive der Ältere

Die Fülle des Sommers: Der «Gemüsemarkt» von 1590 im Kunsthistorischen Museum Wien von Jan Baptist Saive d. Ä  .

Die Fülle des Sommers: Der «Gemüsemarkt» von 1590 im Kunsthistorischen Museum Wien von Jan Baptist Saive d. Ä .

An den Kleidern der Einkäuferinnen wie der Marktfahrerinnen sehen wir sofort, dass wir hier tief in die Vergangenheit eintauchen. Ins Jahr 1590 irgendwo im flämischen Belgien. Eine unglaubliche Fülle bietet diese Frau an: Neben Kohl und Rüben, liegen Kürbisse und Melonen, Artischocken und Bohnen, es leuchten Heidelbeeren und Sauerkirschen. Alles gluschtig in weiten Körben, irdenen Gefässen und auf Blättern präsentiert. Gemalt hat das Kalenderbild zu den Monaten Juli/August Jan (Jean) Baptist Saive der Ältere (1540–1611/24). Wahrscheinlich. Figuren wie Perspektive wirken etwas hölzern, Wirkung erzielt es trotzdem.

Saive rückt einen Stand effektvoll in den Vordergrund, zeigt am Rand einen zweiten und gewährt unserem Auge einen Spaziergang durch die schmucke Stadt, in der Marktfrauen Gemüse in Körben auf ihrem Kopf herbeitragen. Raffiniert teilt er das Bild in Bunt (vorne, Gemüse), Dunkel (Haus und Kundin, rechts) und Hell (Stadt, links). Die Figuren platziert er so, dass ihre Augen einen flachen Bogen über das Bild spannen – angefangen beim kleinen Mädchen, das uns direkt anblickt. Es ist der Schlüssel zum Bild.

Das Kunsthistorische Museum in Wien besitzt drei der Kalender-Bilder von Jan Baptist Saive d. Ä.: Neben dem Gemüsemarkt (Juli-August) den Obstmarkt (September-Oktober) und den Fleischmarkt (November-Dezember). Die Bilder finden Sie hier.

22. August: Das schreibende Mädchen von Albert Anker

Zum Schulanfang: «Schreibendes Mädchen» von Albert Anker.

Zum Schulanfang: «Schreibendes Mädchen» von Albert Anker.

Ob vor 120 Jahren oder heute, ob über eine Schiefertafel oder ein Tablet gebeugt: Konzen­triert lernende Kinder sind eine Augenweide. Albert Anker (1831–1910), der grosse Realist der Schweizer Malerei, war fasziniert von ihnen. Dutzendfach hat er Schulkinder gemalt, meist nach vier Mustern: Blick ins Schulzimmer, Kind frontal stehend mit der Tafel unter dem Arm, Kinderpaar gemeinsam am Tisch und – am einfachsten – streng seitliche Ansicht.

Dieses «Schreibende Mädchen» ist in seiner verhaltenen, aber fein abgestuften Farbigkeit ein besonders schönes Stück. Die grünliche, verwaschene Bluse, das rötliche Halstuch, den braunen Rock und die perfekt saubere blau-weiss gestreifte Schürze hat Anker mit malerischer Sorgfalt gestaltet, den satt geflochtenen Zopf akribisch gestrichelt, das Gesicht ist gesenkt, aber fein ausgeleuchtet. Lernen macht glücklich, vermittelt damit Anker als Befürworter der Reformpädagogik und der erst 1874 in der ganzen Schweiz eingeführten allgemeinen Volksschulpflicht.

Hier finden Sie eine Bildergalerie und das Anker-Museum in Ins.

Und hier erzählt der Ururenkel Matthias Brefin ausführlich von Albert Anker, seinem leben und seinen Bildern:

15. August 2020: Ein Picknick in den Bergen

Was braucht es für ein Picknick? Monica Studer & Christoph van den Berg generieren aus Klischees Bilder. Inkjet-Print von 2002

Was braucht es für ein Picknick? Monica Studer & Christoph van den Berg generieren aus Klischees Bilder. Inkjet-Print von 2002

Lust auf ein Picknick? Da ist alles dabei: Wurst und Brot, Eier und Wein, selbst zwei Gläser. Der Platz hoch am Berg mit Seesicht ist gut gewählt, und die Kühlbox verspricht, trotz schrecklichem 60er-Jahre-Design, dass alles frisch ist. Aber irgendwie wirkt das Picknick wenig gluschtig. Die Würste scheinen hart, die Flasche leer. Mit dem See wie mit dem Muster des Tischtuches scheint wortwörtlich etwas schiefgelaufen zu sein.

Dem Bild fehlt zudem Leben. Kein Wunder, ist es doch nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein künstliches Produkt. Das Basler Duo Monica Studer & Christoph van den Berg hat das Picknick 2002 am Computer generiert – als Teil des virtuellen Hotels «Vue des Alpes». Natürlich könnte man mit raffinierteren Programmen echter wirkende Szenen erschaffen. Aber genau dieser Graben zwischen kühler Künstlichkeit, realistischem Vorbild und idyllischer Vorstellung provoziert uns zu den Fragen nach echt und fake, nach Kitsch und Klischee. (Bildbetrachtung vom 15. August 2020)

Hier geht es zum Hotel «Vue des alpes» von Studer & van den Berg.

Und hier gibt es die aktuellste Arbeit von Studer/van den Berg: Ein Therapie-App für unsere digitalen Geräte, die leiden, weil wir zu viel mit ihnen agieren, statt zu kommunizieren.

8. August 2020: Wie man mit Kunst Politik macht

Bill Clinton, gemalt von Simmie Knox 2002 und George W. Bush von John Howard Sanden 2011.

Bill Clinton, gemalt von Simmie Knox 2002 und George W. Bush von John Howard Sanden 2011.

Für einmal gibt’s eine Doppelbildbetrachtung. Die beiden Herren in ähnlicher Pose kennt man. Posiert haben sie für ihre Maler beide nicht – respektive nur für die Dauer eines Fotos. So, pro forma mit der rechten Hand abgestützt, könnte man nicht stundenlang stehen. Beide wirken etwas hölzern, formell eben – wie das die White House Historical Association als Auftraggeberin fordert. Interessant ist die Wahl des Hintergrunds: Bill Clinton steht gerahmt von Flaggen und goldenen Vorhängen, George W. Bush vor einem Buffet mit Staatssilber, Porzellan und Büchern, die farblich zu seiner Krawatte passen. Pompös wirkt einzig der Stuhlbezug mit Goldwappen. Die Qualität der Gemälde ist nicht der Grund, die offiziellen Porträts hier zu zeigen, sie war auch nicht der Anlass, warum sie der aktuelle Präsident kürzlich von ihrem prominenten Platz in der Eingangshalle des Weissen Hauses in ein nicht benutztes Esszimmer verbannte. Die von ihm hervorgeholten Ersatzgemälde sind nicht besser. Es sei eine persönliche Abrechnung, sagt man. Ebenso dass er die Lieferung der Porträts seines Vorgängers und dessen Gattin verweigert, um die beiden nicht zum traditionellen Fototermin empfangen zu müssen. So macht man selbst mit schlechter Kunst Politik.

Hier finden Sie die Galerie aller offiziellen Präsidenten-Porträts des Weissen Hauses.

Und hier alle First Ladies.

Zum 1. August: «Tells Apfelschuss» von Ludwig Vogel

Knapp 20 Jahre vor der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates gemalt: «Tells Apfelschuss» vom Zürcher Maler Ludwig Vogel.

Knapp 20 Jahre vor der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates gemalt: «Tells Apfelschuss» vom Zürcher Maler Ludwig Vogel.

Das ist grosses Theater. Auf der Naturbühne stehen Gessler und Tell als Hauptfiguren. Rundum viel Volk. Doch mit wie vielen Andeutungen und Symbolen hat Ludwig Vogel (1788-1879), einer der bekanntesten Schweizer Historienmaler seiner Zeit, dieses Bild ausgestattet! Und wie raffiniert und doch klar ist die Komposition. Gemalt hat Vogel «Tells Apfelschuss» 1829, 25 Jahre nach der Erstaufführung von Friedrichs Schillers einflussreichem Drama in Weimar.

Der vermeintliche Hauptakt, der Apfelschuss, ist glücklich erfolgt – nun folgt die entscheidende Szene. Tell: «Mit diesem zweiten Pfeil durchschoss ich – Euch, / Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, /Und Eurer – wahrlich! hätt ich nicht gefehlt.» Mit «furchtbarem Blick» sieht Tell den Landvogt an, bildlich verdeutlicht durch Arm und Pfeil – wie durch die Blicke das Volks und der Soldaten. Was nun? Wie reagiert der Vogt hoch zu Ross in seiner rot-provozierenden Pracht? Mit Angst. Er zuckt zurück, selbst sein Schimmel wendet den Kopf ab. Vogel teilt das Gemälde in Bös und Gut, in Grau und Grün. Hinter Gessler erhebt sich dunkel der Zwing Uri, den das Volk in Fronarbeit, in obrigkeitlich verordneter Gratisarbeit, errichten muss – und unter ihm, seinen Hunden und Soldaten wächst kein Gras mehr. Innig wie ein Marienbild mit Schutzengel wirken Walterli und seine Mutter, der Tränen der Erleichterung über die rosa Wangen rollen.

25. Juli 2020: Küchentücher im Kunstmuseum

Evelina Cajacob zeigt im Video «Handarbeit» den steten Grundtakt eines Frauenlebens und regt damit zum Sinnieren an, auch über Muster und Abstraktion. (Kunstmuseum Chur, bis 13. September)

Evelina Cajacob zeigt im Video «Handarbeit» den steten Grundtakt eines Frauenlebens und regt damit zum Sinnieren an, auch über Muster und Abstraktion. (Kunstmuseum Chur, bis 13. September)

Ein Stapel gebügelter Küchentücher auf einem Holztisch: ein ungewohnter Anblick in einem Museum. Doch was geschieht da?Eine Projektion verdoppelt von oben den Stapel und zeigt zwei Hände, die die Wäsche falten. Routiniert, ohne Hast und akkurat werden die Tüechli gedrittelt und weggelegt. Diese Videoarbeit von Evelina Cajacob hat man schnell durchschaut, will schon wegschauen – und bleibt doch stehen. Fasziniert von der meditativen Wiederholung des fast Gleichen gerät man ins Grübeln. Warum werden Küchentücher eigentlich gedrittelt (darauf pochte schon meine Hauswirtschaftslehrerin)? Halbieren ginge doch einfacher. Warum haben diese Tücher farbige Streifen? Warum meist an den Längsseiten? Gibt es ein System für Muster und Farben? Natürlich denkt bei dieser Arbeit im Kunstmuseum Chur auch an die Werke der konstruktiven Kunst, verfolgt, wie sich Gewichtung, Verteilung und Proportionen (die meist diskutierten Prinzipien der geometrischen Abstraktion) beim Falten verändern. Man schaut, sinniert, erkennt irgendwann doch den Schnitt im Loop und weiss, der Stapel endet nie. Hunderte Mal sind diese Tücher gewaschen, gebügelt, gefaltet. Sie sind der stete Grundtakt eines Frauenlebens, wie Brotteig kneten oder unendliche Säume nähen. Auch diese Arbeiten zeigt die Bündner Künstlerin Evelina Cajacob, 59, in so schlichten wie fesselnden Videoarbeiten.

18. Juli 2020: Ein Sommerferienbild – grandioser geht nicht

Albert Lugardon malte «Die Jungfrau» unglaublich naturalistisch. Er übersteigert die Wirkung seines grossen Gemäldes (160x260 cm, vor 1896) durch die geschickte Komposition und das krasse Licht-Schattenspiel.

Albert Lugardon malte «Die Jungfrau» unglaublich naturalistisch. Er übersteigert die Wirkung seines grossen Gemäldes (160x260 cm, vor 1896) durch die geschickte Komposition und das krasse Licht-Schattenspiel.

Kann man die Alpen schöner zeigen? Das Jungfraumassiv glänzt weiss und erhaben, glückliche Rinder suchen auf sonniger Wiese nach kräftigen Kräutern – und «Über allen Gipfeln / Ist Ruh’», wie Goethe einst so schön schrieb. Wem gelang dieses Foto und vor allem wann? Wann waren die Vergletscherungen noch so mächtig und so strahlend? Das Bild, das jeden Prospekt von Schweiz Tourismus aufwerten würde, entstand vor 1896. Es ist keine Fotografie, sondern gemalt. Von Albert Lugardon (1827-1909). Der Genfer Maler wirkt Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem übereifrigen Naturalismus als erratischer Block zwischen den Berg-Dramatikern wie seinem Lehrer Alexandre Calame und den Erneuerern wie Ferdinand Hodler. Das zeigt die Hängung in der Sammlung des Kunstmuseum Solothurn deutlich. Kunsthistorisch mag Lugardon leicht daneben gelegen haben, aber welchen Sog, welche Wirkung erzielt er hier! Kühn legt er den grasig-grünen Grat in die Bilddiagonale, gibt ihm zum Schluss mit dunklem Schatten Schwere und Kraft. Den parallelen Felsgrat verschattet er so stark, damit das Weiss und das Schönwetter-Hellblau des Jungfraumassivs umso heller und reiner erstrahlen. Mächtig erscheint es zudem, weil Lugardon die Gipfel (fast) am oberen Bildrand kratzen lässt. Ob mit einer Fotografie diese Komposition, diese Verherrlichung überhaupt möglich wäre?

11. Juli 2020: Die (Wieder-)Entdeckung der Alpen

Die Entdeckung der Alpen: Caspar Wolf (1735–1783) war gleichzeitig ein wagemutiger Wegbereiter und malender Chronist des frühen Tourismus. «Die Beatushöhle mit Reisegesellschaft» von 1776.

Die Entdeckung der Alpen: Caspar Wolf (1735–1783) war gleichzeitig ein wagemutiger Wegbereiter und malender Chronist des frühen Tourismus. «Die Beatushöhle mit Reisegesellschaft» von 1776.

Der Berg ruft! Und die Schweizerinnen und Schweizer hören ihn. Die Wiederentdeckung der Alpen scheint das Motto der Sommerferien 2020. Das verlockt zum Vergleich mit der allersten Alpenbegeisterung Ende des 18. Jahrhunderts, als Dichter (wie Albrecht von Haller in «Die Alpen») oder Maler (wie Caspar Wolf) zusammen mit Wissenschaftern erstmals in die schrecklichen Höhen stiegen und überwältigende Schilderungen von erhabener Schönheit zurückbrachten. Neben Gipfeln und Gletschern waren Höhlen ein Lieblingsmotiv von Caspar Wolf (1735–1783). 1776 malte er diese Reisegruppe, winzige Menschen vor der grandiosen Kulisse der Beatushöhle. Die eher monotone Gestaltung der mächtigen Felswand ist nicht Wolfs malerische Bestleistung. Umso gekonnter ist die Wahl des Ausschnitts mit dem Weit- und Tiefblick auf der Seite, der von der unüberwindbar sich auftürmenden Felswand begrenzt wird. Die Detailtreue bei den Wasserfällen und Steinformationen um die Höhle, sowie die romantische Lichtstimmung zeugen von Wolfs Streben, die Alpen wissenschaftlich präzis wie als Ereignis darzustellen. Typisch für Wolf ist sein fiktiver, leicht erhöhter Standpunkt – in der Ära vor Flugzeug und Drohnen vorstellungsmässig eine effektvolle Meisterleistung.

4. Juli 2020: Bahnhofkrähen und fliegende Stühle

Sonya Friedrich – «I corvi della signora Palladino»Ausstellung, 12. Juni bis 6. September 2020 in der Filiale des Kunstmuseums Olten im Dienstraum des Bahnhof Oltens.

Sonya Friedrich – «I corvi della signora Palladino»Ausstellung, 12. Juni bis 6. September 2020 in der Filiale des Kunstmuseums Olten im Dienstraum des Bahnhof Oltens.

Tisch und Stühle schweben, Krähen haben sich ein gelbes, weisses oder braunes Federkleid zugelegt, manche einen schmucken Kragen. Sie krähen und flattern, warten und tuscheln. Dass sie laut und lästig sein können, wissen wir. Doch Krähen sind nicht nur Saatvernichter, frühmorgendliche Störenfriede und unheimliche Gesellen in Märchen und im Film. Sie gelten als ausserordentlich schlau und kommunikativ. Auf all das spielt die Solothurner Künstlerin Sonya Friedrich, 50, an. Wenn sie die schwarzen Unglücksvögel in weisse, unschuldige Tiere verwandelt, dreht sie die gängige Symbolik um.
Doch welchen Raum haben ihre Vögel hier besetzt? Der Blick durch die Scheiben macht klar: Wir sind in einem Bahnhof. Zum Neongelb hätten sie entsprechend die Schutzwesten der Bahnpolizei inspiriert, erklärt Friedrich. Falls Sie am Bahnhof Olten umsteigen, können Sie die Krähenversammlung in natura sehen (bis 6. September). Das Kunstmuseum betreibt den ehemaligen Dienstraum auf dem zentralen Perron 7 als Aussenstelle. Sonya Friedrichs Arbeit ist die zehnte Folge in diesem Kunst-Schaufenster. So ortsfremd wie ihre Bahnhofskrähen mutet das aus Ahornholz nachgebaute Mobiliar an. Ist es überflüssig, sodass es wegfliegen kann? Vor allem ist es so filigran, dass es nur noch die Erinnerung an einen dienst­habenden Bahnhofvorstand trägt.

27. Juni 2020: So ulkig wie unheimlich – und ein Nachruf auf Anna Blume

Unheimlich und ulkig zugleich: Anna & Bernhard Blume als «Hänsel und Gretel» aus der Serie «Im Wald» von 1990/91  (je 90×45 cm).

Unheimlich und ulkig zugleich: Anna & Bernhard Blume als «Hänsel und Gretel» aus der Serie «Im Wald» von 1990/91 (je 90×45 cm).

Sollen wir lachen oder uns fürchten? Wie die beiden gestandenen Herrschaften auf den prekär in Schieflage geratenen Bäumen hängen, ihre Mimik und Gestik sind grossartig grotesk. Ebenso ihr Outfit: sie im biederen Deux-Pièces und mit Dauerwelle, er im altmodischen, karierten Anzug mit Hut, wie ein Sonntagsfahrer aus den 50er-Jahren. Diese Kleinbürgernormen der Nachkriegszeit hat das deutsche Künstlerpaar Anna und Bernhard Blume in grossformatigen fotografischen Arbeiten seit den 60er-Jahren beackert, ironisiert und tiefenpsychologisch entlarvt. Den Küchen- und Wohnalltag ebenso wie von Märchen genährte Ängste. «Hänsel und Gretel» wirkt wie Slapstick, ist aber sorgfältig inszeniert. Die Blumes klammern sich an diagonal aus dem Bild strebende Äste, die starken Stämme in der Mitte versinken im Dunkel, das Bild zerbricht in drei Teile: Die Konventionen dieser Welt halten nicht. Letzte Woche, am 18. Juni, ist Anna Blume 83-jährig gestorben – neun Jahre nach Bernhard.

20. Juni 2020: Der Verwandlungskünstlerin Manon zum 80. Geburtstag

Manon ist eine der grossen Rebellinnen und Pionierinnen der Schweizer Kunst. Ob Fotografie, Performance oder Installation: Schonungslos arbeitet sie mit ihrem Körper. Fotos wie «Borderline» von 2007 faszinieren durch ihre formale Präzision und ihre inhaltliche Vieldeutigkeit.

Manon ist eine der grossen Rebellinnen und Pionierinnen der Schweizer Kunst. Ob Fotografie, Performance oder Installation: Schonungslos arbeitet sie mit ihrem Körper. Fotos wie «Borderline» von 2007 faszinieren durch ihre formale Präzision und ihre inhaltliche Vieldeutigkeit.

Sagen Sie hier bitte nicht Selfie! Manon nutzt zwar sich selber als Modell, aber sie spielt dabei Rollen, schlüpft in reale und surreale Identitäten. Als Blickfang sind die kräftig und perfekt geschminkten Lippen präzis in der Bildmitte platziert. Der schwarze Pullover und das unter einem Tuch versteckte Haar verhindern Ablenkung. Für umso mehr Irritation sorgt der sternförmige Schatten, der sich wie eine Markierung auf das schmerzhaft überbelichtete Gesicht legt. Die Augen sind geschlossen, Kontakt ist unerwünscht. Der Titel «Borderline» meint sowohl Aussenseiterin wie eine Persönlichkeitsstörung. Sie würde gerne mehrere Leben parallel leben, um gleichzeitig Unterschiedliches machen zu können, sagte Manon öfter. Wer sich die Fülle der Fotoarbeiten, Installationen und Performances anschaut, könnte glauben, sie lebe tatsächlich multiple. Doch die Künstlerin ist einfach fleissig, findig und seit Jahrzehnten dran. Am Freitag feiert Manon ihren 80. Geburtstag. Herzliche Gratulation!

14. Juni 2020: Blutrünstige Rache einer Malerin

Ein biblische Geschichte und zugleich ein Gleichnis für die Rache einer Frau an einem Vergewaltiger: Artemisia Gentileschi malte mehrere Varianten von «Judith enthauptet Holofernes». Dieses Werk von 1612 hängt heute in Neapel, wo die berühmte Römer Malerin ab 1630 lebte und eine Werkstatt führte.

Ein biblische Geschichte und zugleich ein Gleichnis für die Rache einer Frau an einem Vergewaltiger: Artemisia Gentileschi malte mehrere Varianten von «Judith enthauptet Holofernes». Dieses Werk von 1612 hängt heute in Neapel, wo die berühmte Römer Malerin ab 1630 lebte und eine Werkstatt führte.

Da passiert Ungeheuerliches. Ungeheuerlich dramatisch und kaltblütig zugleich. Zwei Frauen enthaupten einen Mann. Die Frau rechts führt das Kurzschwert mit kräftigem Griff. Entschlossen, gar zufrieden wirkt sie, diese alttestamentarische Judith, die den assyrischen Feldherrn Holofernes ermordet, der sie vergewaltigen will. Gemalt hat die blutrünstige Szene eine Frau, die aus eigener Erfahrung weiss, was Vergewaltigung und nachfolgende Ächtung des Opfers heisst: Artemisia Gentileschi (1593–1654). Die prächtigen Kleider von Judith und ihrer Magd Barba in Blau und Rot, das dramatische Licht, das ihre Gesichter und überkreuzten Arme aus dem Dunkel holt, das Blut, das malerisch über die hellen Leintücher tropft und das verzerrte Gesicht des Opfers, das uns zugedreht wird, wirken so realistisch wie theatralisch. Gentileschi malte gerne, gekonnt und sehr erfolgreich starke Frauen. Doch erst Feministinnen brachten die berühmteste Malerin des Barocks wieder ans Licht.

7. Juni 2020: Unheimliche Körperkunst

Mona Hatoum projeziert das Innere ihres Körpers nach aussen. Videoinstallation «Corps étranger» von 1994.

Mona Hatoum projeziert das Innere ihres Körpers nach aussen. Videoinstallation «Corps étranger» von 1994.

Diese Arbeit sah ich vor 25 Jahren in London. Noch heute erinnere ich mich an die widersprüchlichen Gefühle, mit denen ich in diesem Zylinder eine halbe Stunde ausharrte. Gebannt von der Schönheit der gelblich, bräunlich und rötlich leuchtenden Projektion, angeekelt, weil ich wusste, es ist das Innere eines Darms, eingelullt von den Pulsgeräuschen und fasziniert davon, mit den Augen auf und in einem menschlichen Körper spazieren zu gehen. Mona Hatoum hat die bildnerische Untersuchung für «Corps étranger» in ihrem eigenen Körper vornehmen lassen. Die 1952 in einer palästinensischen Familie im Libanon geborene, seit 1975 in London lebende Künstlerin, ist Spezialistin im Umsetzen von Realität in optisch betörende und inhaltlich verstörende Installationen. Bis hin zu einem unter Strom stehenden Kinderbett. Bei «Corps étranger» von 1994 macht sie aus der Kunstbetrachterin eine Voyeurin. Ist es nicht ein Übergriff, wenn ich mich durch die enge Öffnung des Zylinders quasi in ihren Körper dränge?

30. Mai 2020: Das Pfingstwunder

Das Pfingstwunder. Hans Fries: Ausgiessung des Heiligen Geistes (Bugnon-Altar), um 1505.

Das Pfingstwunder. Hans Fries: Ausgiessung des Heiligen Geistes (Bugnon-Altar), um 1505.

Es war eine ziemliche Herausforderung für den Maler, dreizehn Personen in diesem extremen Hochformat des Altarflügels unterzubringen. Doch Hans Fries meisterte 1505 die Aufgabe für die Nikolauskirche in Freiburg i. Ü. für die Darstellung des Pfingstwunders mit Bravour. Die zwölf Apostel umringen Maria, von den hintersten lugen zwar nur noch die Nase, ein bisschen Haar oder der Heiligenschein hervor. Und doch welch ein Haufen unterschiedlicher Charaktere, Temperamente und Haltungen zeigt uns Fries.

Der goldlockige Johannes und der bärtige, tonangebende Petrus bekommen zuvorderst viel Raum und reichgefaltete Stofffülle, wie Fries sie liebte. Der Weiss-Blau-Rot-Dreiklang der Gewänder bildet die Basis für die golden-weissliche obere Bildhälfte. Hinauf, zur übergrossen Taube, blicken alle Jünger – andächtig bis erschrocken. Doch zwei auf der rechten Seite schauen uns an, wie wenn sie fragen möchten: Siehst du den Heiligen Geist? Erkennst du die Weisheit, die Jesus durch den Heiligen Geist über uns ausgiesst, jetzt sieben Wochen nach Ostern, wie er es prophezeit hat? Und hörst du, dass wir plötzlich in unterschiedlichsten Sprachen reden können, ohne dass wir sie lernen mussten?

Die Apostel wirken wie Männer aus der hiesigen Welt – und sind doch ergriffene Heilige. Der Mix von Naturalismus und expressiver Darstellung war eine Spezialität von Hans Fries. Eine andere war seine Fähigkeit, die Szenen so in Architekturen aus Nischen, Podesten und Säulen zu verorten, dass sie uns dazu treten lassen.

Über Hans Fries (auch Friess, Friesso, Fryess) wissen wir wenig: Er wurde als Sohn einer angesehenen Bäckerfamilie um 1460 in Freiburg geboren, in Bern, Basel und von Holzschnitten alter Meister lernte er. Um 1500 war er Stadtmaler in Freiburg, dann zügelte er – aus unbekannten Gründen – nach Bern und wurde 1523 im Zusammenhang mit einem Pferdekauf letztmals urkundlich erwähnt.

23. Mai 2020: Das grosse Blühen im Mai

Der berühmteste Kastanienzweig der Schweizer Kunst. Vincent van Goghs «Blühender Kastanienzweig» wurde 2008 bei einem spektakulären Raubüberfall in Zürich gestohlen.

Der berühmteste Kastanienzweig der Schweizer Kunst. Vincent van Goghs «Blühender Kastanienzweig» wurde 2008 bei einem spektakulären Raubüberfall in Zürich gestohlen.

Noch blühen sie, die weissen und roten Kastanien auf den Plätzen und in den Gartenbeizen. Herrlich wie selten. Hier sehen wir den berühmtesten Kastanienzweig der Schweiz. Zwar hat er im Mai 1890 im französischen Auvers-sur-Oise geblüht. Dort hat ihn Vincent van Gogh gesehen, ein paar Wochen vor seinem Tod. Er liebte Blühendes – Kastanien malte er als Allee, mächtigen Einzelbaum oder eben als Ausschnitt. Die weisslichen Blütentupfen bilden ein weiches, abgeschlossenes Geflecht im Bildzentrum. Als Gegenpol gestaltet er die Blätter scharfkantig, konturiert, in überraschend vielen Grüntönen und vom Bildrand angeschnitten. Aus messerscharfen Pinselstrichen lässt er dahinter einen fast schmerzhaft blauen Himmel aufscheinen. 1951 kam das Bild in die Sammlung Bührle – und wurde wegen des spektakulären Zürcher Raubs am 10.Februar 2008 weltberühmt. Es wurde wenig später unversehrt in einem Auto gefunden. Ab 2022 soll es im erweiterten Kunsthaus Zürich zu sehen sein.

16. Mai 2020: Ein Bild zum Ende des Lockdown

Zeugen des geselligen Lebens landen an der Wand: Daniel Spoerri, «Tableau piège», 1972.  70 x 70 x 40 cm.

Zeugen des geselligen Lebens landen an der Wand: Daniel Spoerri, «Tableau piège», 1972. 70 x 70 x 40 cm.

Wunderbar, nach einem Essen im Restaurant sitzen zu bleiben. Der Tisch ist fast aufgeräumt, Kaffee, Zigaretten und ein Digéstif animieren zu Gesprächen. In diesem Sinnbild von Leben, Genuss und Gemeinschaft erkannte Daniel Spoerri ein Bild, wie er es als Künstler nicht wirkungsvoller schaffen könnte. Also griff er nach dem Genuss zu Leim, fixierte die Resten und hängte die Tafel als von der Realität mitgeschaffenes Stillleben unter einer Plexiglasscheibe an die Wand. Solche Tableaux pièges (Fallenbilder) schuf Spoerri, der Mitbegründer des Nouveau Réalisme, ab 1960. Dieses Exemplar erzählt von einem langen Essen zu zweit, der Aschenbecher quillt über, asymmetrisch drängt sich das Geschirr auf malerisch blauem Grund. Entstanden ist es 1972 in Spoerris Restaurant in Düsseldorf, wo er die Eat Art zelebrierte. Geboren wurde Daniel Feinstein 1930 in Rumänien, seit der Flucht 1941 nach Basel trägt er den Namen seiner Mutter. Er war Tänzer in Bern, lebte in Paris, Italien und jetzt in Wien.

9. Mai 2020: Der Wonnemonat Mai

Wenig Wonne im Wonnemonat Mai. «Das Brautpaar (Oblomow und Oljga)» von Paul Camenisch, gemalt 1928.

Wenig Wonne im Wonnemonat Mai. «Das Brautpaar (Oblomow und Oljga)» von Paul Camenisch, gemalt 1928.

Nie wird so viel geheiratet wie im Wonnemonat Mai. 2020 wird wohl zur Ausnahme – und dazu passt «Das Brautpaar» von Paul Camenisch. Rundum stimmt die Idylle: saftiggrüne Blumenwiese, blauer Himmel, blühender Baum. Doch ein Graben trennt die Körper, auch wenn ihre Arme in parallelem Schwung verlaufen. Kein Blick gilt dem anderen, ihre übergrossen Augen schauen starr in die Ferne. Paul Camenisch (1893–1970) hat Oblomow und Oljga in einem Roman des Russen Iwan Gontscharow gefunden. Spannender als die Gründe ihrer gescheiterten Heirat ist Camenischs bildnerische Umsetzung. Mutig knallen die Farben, so wie es der junge Expressionist 1925 bei Kirchner in Davos geübt und zuvor in seinen Tessiner Landschaften schon übersteigert hat. Ihn taucht er in Rot, sie in Gelb – bis hin zu den Gesichtern, die er mit komplementärem Grün respektive Blau schattig modelliert. Die Formen zeigen Camenischs eigenen Stil jener Jahre: Weich und kurvig lässt er die Körper beben. Wonne geht anders.

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