Es ist eine Filmszene, die Kinoliebhaber auf der ganzen Welt auf immer in ihr Herz geschlossen haben: Matthew (gespielt von Michael Pitt) und seine Freunde hocken in einem Kinosaal. Nicht in der hintersten Reihe, wo die gewöhnlichen Zuschauer Platz genommen haben. Sondern ganz vorne, in Reihe eins.

Denn Matthew und seine Freunde wollen die «hypnotischen Bilder», die von der Leinwand strahlen, «als Erste sehen – bevor sie verbraucht und abgenutzt sind». Das magische Zusammenspiel von Licht und Schatten: Kaum eine andere Filmszene hat jemals die Essenz des Kinoerlebnisses derart sinnlich und präzise auf den Punkt gebracht.

Trailer «The Dreamers» (2003)

Geschaffen hat sie Bernardo Bertolucci für seinen Film «The Dreamers» (2003), das eines seiner letzten Werke bleiben sollte. Der Filmemacher aus Italien ist am frühen Montagmorgen im Alter von 77 Jahren in seinem Haus in Rom gestorben, wie seine Agentur mitteilte.

Bertolucci litt an Krebs. Eine misslungene Bandscheibenoperation hatte ihn 2003 permanent in den Rollstuhl gezwungen.

Dank Pasolini zur Filmkarriere

Bertolucci kam 1941 in Parma als Sohn einer Literaturlehrerin und eines Dichters und Filmkritikers zur Welt. Sein Vater Attilio war mit Pier Paolo Pasolini befreundet, und dieser war es auch, der seine Filmkarriere lancierte:

Als Bernardo Bertolucci mit 20 Jahren sein Literaturstudium in Rom abbrach, erhielt er einen Job als Regieassistent bei Pasolinis Debütfilm «Wer nie sein Brot mit Tränen ass» (1961). Auf Pasolinis Empfehlung hin brachte Bertolucci dann ein Jahr später sein eigenes Filmdebüt ins Kino: «La commare secca», ein Krimi über die Ermordung einer Prostituierten in Rom.

Bertolucci etablierte sich in der Folge neben Pasolini, Federico Fellini und Michelangelo Antonioni als eine Schlüsselfigur der italienischen Neuen Welle. Er drehte in seiner über fünfzigjährigen Karriere zwar nur zwölf Spielfilme, schaffte aber als einziger dieses Quartetts den Sprung nach Hollywood.

Bertoluccis grösster Filmerfolg: «The Last Emperor» (1987) wurde mit neun Oscars prämiert.

Bertoluccis grösster Filmerfolg: «The Last Emperor» (1987) wurde mit neun Oscars prämiert.

Sein 1987 veröffentlichtes Werk «The Last Emperor», mit Peter O’Toole und Joan Chen, gewann insgesamt neun Oscars, darunter jene für den besten Film und für die beste Regie. Bertolucci war es gelungen, für den Film eine einzigartige Drehbewilligung in der Verbotenen Stadt in Peking zu sichern.

Das Verbotene und das Geheimnisvolle waren Leitmotive seines Werk, genau wie die Entfremdung innerhalb der sozialen Klasse und innerhalb der Familie. Immer wieder schimmerte in Bertoluccis Filmen auch seine marxistische Haltung durch – vor allem in «Der grosse Irrtum» (1970), einer filmischen Abrechnung mit Italiens faschistischer Vergangenheit.

Aus einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit Kameramann Vittorio Storaro resultierten in den 70ern sinnlich-verführerische Meisterwerke wie «Die Strategie der Spinne» (1970) und vor allem «The Last Tango in Paris» (1972).

Skandalfilm: «The Last Tango in Paris» (1972) mit Marlon Brando und Maria Schneider.

Skandalfilm: «The Last Tango in Paris» (1972) mit Marlon Brando und Maria Schneider.

Der Film mit Marlon Brando und Maria Schneider war wegen seiner Sexszenen ein Skandal, aber so erfolgreich, dass sich Bertolucci für seinen nächsten Film, das 300-minütiges Epos «1900» (1976), die Superstars Robert De Niro, Gérard Depardieu und Burt Lancaster leisten konnte.

Mitten im #MeToo-Kreuzfeuer

Als 2016 publik wurde, dass Bertolucci und Brando die damals 20-jährige Schneider im Voraus absichtlich nicht über die erniedrigenden Details der Sexszenen informierten, geriet der Regisseur ins Kreuzfeuer der #MeToo-Debatte.

Maria Schneiders Cousine, die französische Journalistin und Schriftstellerin Vanessa Schneider, erhob in einem Buch schwere Vorwürfe gegen Brando und Bertolucci.

Bertoluccis letzter Film, die Romanadaption «Ich und du», erschien 2012. Er war seit 1978 mit der italienischen Filmemacherin Clare Peploe verheiratet, das Paar hat keine Kinder.